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Studio 9 | Beitrag vom 09.10.2018

Achille Mbembe"Der Westen trägt einen Mühlstein von Schuld"

Von Christiane Habermalz

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Der Schriftsteller Achille Mbembe 2015 in der Ludwig-Maximilians-Universität in München (dpa / picture alliance / Matthias Balk)
Der Schriftsteller Achille Mbembe: "Wir Afrikaner werden mit diesem radikalen Verlust leben müssen." (dpa / picture alliance / Matthias Balk)

Der Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe hat in Düsseldorf den Gerda-Henkel-Preis erhalten. In der Dankesrede sprach er über die Ausplünderung Afrikas durch Europäer − und über gerechte Verteilung von Ressourcen in der heutigen Welt.

Achille Mbembe macht es dem Westen nie leicht. Auch wenn er seit einiger Zeit mit Preisen geehrt wird, wenn es bei seinen Büchern in Deutschland wegen der hohen Nachfrage zuletzt zu Lieferengpässen kam − wie Michelle Müntefering, die für das Thema Kolonialismus-Aufarbeitung zuständige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, erzählte.

Sie hielt die Laudatio auf Mbembe, der gestern in Düsseldorf ein weiteres Mal ausgezeichnet wurde, dieses Mal mit dem renommierten Gerda-Henkel-Preis für herausragende Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften. Münteferings Laudatio hatte stellenweise etwas Usurpatorisches. Von einem "Freund im Geiste" sprach sie, der inspirierend sei für die aktuellen Fragen der Kulturpolitik, vor allem für die alles überlagernde Frage, ob deutsche Museen ihre in der Kolonialzeit zusammengerafften Afrikasammlungen zurückgeben sollen.

"Was will der Westen erreichen?"

Mbembe gab in seiner Dankesrede Antworten, die auch wohlmeinende Restitutionsbefürworter irritieren dürften. Man dürfe es Europa nicht so einfach machen, durch Rückgaben sein Gewissen zu erleichtern, erklärte Mbembe. Denn:

"Bis heute weigert sich der Westen, anzuerkennen, dass er uns überhaupt etwas schuldet. Er weigert sich, auf den Mühlstein von Schuld zu blicken, den er um seinen Hals trägt. Stattdessen wird immer wieder behauptet, wir würden ihm gegenüber eine Zivilisationsschuld haben."

Man müsse fragen, was denn der Westen erreichen wolle, wenn er jetzt afrikanische Objekte wie afrikanische Menschen loswerden wolle? Eine wirklich neue Beziehung zu Afrika wohl nicht.

"Wir müssen uns fragen, ob wir ihnen ihre Aufgabe zu leicht machen, indem wir auf das Recht auf Erinnerung verzichten. Und wagen wir es, noch weiter zu gehen und das Angebot zur Rückgabe ganz abzulehnen? Dadurch würden die Objekte in den Museen zu einem ewigen Beweis dessen werden, was Europa angerichtet hat, und für was es die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Wir würden Europa dazu verdammen, auf ewig mit dem zu leben, was sie geraubt haben – und ihre Kainrolle bis zum bitteren Ende weiter zu spielen."

Wasser auf die Mühlen der deutschen Kulturbewahrer in den Museen, die ihre afrikanische Kunst ohnehin nicht hergeben wollen? Die lieber von virtueller Rückgabe sprechen, von Teilen durch Digitalisierung und davon, dass das afrikanische Weltkulturerbe in den wohlklimatisierten Institutionen Europas ohnehin besser aufgehoben sei? Wohl kaum.

Aneignung hatte alle Merkmale von Raubzügen

Mbembe lässt keinen Zweifel daran, dass Europa in der Pflicht ist, das zurückzugeben, was es Afrika genommen hat. Und das, legt er dar, ist viel mehr, als hierzulande je ins Bewusstsein gedrungen ist. Die Aneignung habe alle Merkmale von Raubzügen gehabt. Wie ein Strudel rissen die Europäer alles an sich: Menschenfleisch in Form von Sklaven, Land, Vieh, die Natur, Schmuckstücke, Throne, Schwerter, Waffen, Kunst. Nicht einmal vor Ahnen und Göttern machten die Europäer Halt, oder vor der Plünderung von Grabstätten. Was sie nicht mitnehmen konnten, wurde vernichtet:

"Das meiste davon ist verloren. Sie können uns diese Welt niemals wieder zurückgegeben. Nicht nur Objekte, auch ihre Potentiale, ihre Bedeutungen, ihr Inhalte sind verloren. Wer kann dafür Entschädigung leisten? Wir werden mit diesem radikalen Verlust leben müssen."

Eine Frage von Wahrheit und Aufrichtigkeit

Der Historiker und Politikwissenschaftler Mbembe zieht den großen Bogen. Die Restitutionsdebatte ist für ihn verwoben mit der viel tiefer gehenden Frage von Wahrheit und Aufrichtigkeit im Umgang Europas mit dem globalen Süden – und einer gerechten Verteilung von Ressourcen. In einer idealen Welt, so Mbembes Vision, würden Waren, Menschen, Kulturobjekte frei zirkulieren. Und es gebe eine Vernunft, die nicht in Nationalismus und Mauern ende, sondern alle Menschen auf der Welt mit einbeziehe. Nur der Respekt vor der historischen Wahrheit könne das Fundament einer neuen Beziehung zwischen Europa und Afrika sein. Das gelte auch für die Restitution von geraubten Kulturgütern.

"Das ist keine Frage von Mildtätigkeit oder Mitgefühl. Es ist die Bedingung, damit unsere Welt überleben kann."

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