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Konzert / Archiv | Beitrag vom 10.06.2014

Academies 2014

mit Werken u.a. von Rebecca Saunders & Enno Poppe

Rebecca Saunders (Matthias Creutziger)
Rebecca Saunders (Matthias Creutziger)

Die "Academies" sind ein Kooperationsprojekt zwischen der Akademie der Künste Berlin, der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund und dem Ensemble musikFabrik.

Wir übertragen das Konzert vom 16. Mai aus der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund mit Werken der Komponisten Rebecca Saunders, Mathias Spahlinger, Enno Poppe und Jorge E. López. Darüber schreibt Raoul Mörchen unter anderem:

"Stücke, die ich liebe, die aber meiner Ansicht nach viel zu selten gespielt werden" hat Enno Poppe für sein Academies-Konzert ausgewählt und ihnen eine eigene Komposition, "ein Gelegenheitswerk" zur Begrüßung vorangestellt. Die Stücke, durchaus verschieden in Aufwand, Ambition und Ausdruck, eint die Unmittelbarkeit ihres Klangs. Er ist Körper und Oberfläche zugleich, Substanz und Erscheinung. Poppes Musik, die eigene und die seiner Kollegen, vermittelt ihren Inhalt nicht über das, was wir hören, sondern als das, was wir hören. "Brot" ist eine Auskopplung aus Poppes Oper "Arbeit, Nahrung, Wohnung", die die musikFabrik 2008 auf der Münchner Biennale uraufgeführt hat.

Beim Komponieren, so sagt Rebecca Saunders, fasse sie "Klänge und Geräusche mit den Händen" an, sie "wiege" sie und spüre "ihre Potentiale zwischen den Handflächen". Schließen sollte man daraus nicht bloß auf ein besonderes, sehr persönliches Verhältnis zum Material ihrer Werke –wichtiger noch ist, dass Saunders die Tätigkeit des Komponierens, ja die Rolle des Künstlers grundsätzlich anders definiert als die Tradition. Denn die sieht in der Komposition, im künstlerischen Akt, die konstruktive Umsetzung eines Plans, der im Werk mündet und dem Publikum ein in allen Details ausdifferenziertes Erlebnis ermöglicht.

Dass musikalische Werke sich zumindest bis zum Ende der Romantik immer mehr ausdehnten, ist wohl auch dem wachsenden künstlerischen Selbstbewusstsein zuzuschreiben, die natürliche Vergänglichkeit in einer menschengemachten, geistigen Ordnung aushebeln zu können. Die Ordnung ist aber nur das eine. Das andere ist ganz allgemein die Sorge um die Anmutung des Produkts als einer Kulturleistung, die ihr Raffinement schon im perfektionierten Instrumentarium stolz zur Schau stellt: Zwar verklingt auch der leuchtende, klare Ton eines Konzertflügels nach einer Weile, doch lässt sich dieser künstliche Ton auf dem Instrument in gleicher Qualität jederzeit wiederholen.

"éphémère" will von all dem nichts wissen. Mit Teekesselpfeifen, Kuchenblechen, Kleiderbürsten, Eisenfeilen und Frühstücksbrettchen lässt sich ein Anspruch auf Ewigkeit auch schwerlich formulieren. Es sind vor allem arme Instrumente, die Spahlinger hier aufbietet (selbst wenn er sie selbst "veritabel" nennt) – Instrumente, deren Klänge von vornherein nicht bleiben wollen, die nicht lange resonieren und für den Fall, dass sie's doch tun sollten, sofort wieder abgedämpft werden. Abgedämpft, ja regelrecht unterdrückt wird vor allem das Klavier. Wer sich Hoffnungen gemacht hat, hier würde der Glanz erzeugt, dem der Rest abgeht, wird von Spahlinger enttäuscht.

Wenn Enno Poppe sagt, dass er zwar mit kompositorischen Strukturen arbeite, sie ihn aber als Strukturen überhaupt nicht interessieren, so geht sein Kollege Jorge E. López noch einen Schritt weiter: kompositorische Strukturen sind für ihn schlichtweg "ein Zeichen von Charakterschwäche". Abwegig findet López auch die Idee, "dass Musik aus Klängen besteht, die nur als Klänge wahrzunehmen sind." Was aber macht ein Komponist, der sich weder für Struktur interessiert noch für den "Klang an sich"? Er setzt ein Bein vors andere, macht sich mit leichtem Gepäck auf die Reise, sucht Orte, die sprechen, und hört auf das, was in ihm selber wiederhallt.

Eine lange Zeltwanderung durch die "North Cascades", einen riesigen, von Wegen kaum erschlossenen Nationalpark an der Nordgrenze der USA, stand am Anfang des frühen Ensemblewerks "Blue Cliffs". Die gewaltigen Bergmassive und Schluchten, die Seen und Täler und der fast undurchdringliche, dunkle Urwald – all das kehrt wieder in der Partitur, die in diesem Sinne tatsächlich musikalische Landschaftsmalerei ist, ein Klangbild von zuweilen überraschender Naturalistik. (Raoul Mörchen)

 

Academies
Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund
Aufzeichnung vom 16.05.2014

Rebecca Saunders
"disclosure" (2008) für 5 Spieler
 
Mathias Spahlinger
"éphémère" (1977) für Schlagzeug, veritable Instrumente und Klavier
 
ca. 20:45 Uhr Konzertpause mit Nachrichten
Enno Poppe, Komponist und Kurator des Konzerts, im Gespräch mit Rainer Pöllmann
 
Enno Poppe
"Brot" (2014) für fünf Instrumentalisten
 
Jorge E. López
"Blue Cliffs" (1985-1989, rev. 1992/1993) für Ensemble
 
Ensemble musikFabrik
Enno Poppe, Leitung und Kurator des Konzerts

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