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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 11.08.2014

AbwanderungDie DM kam und viele gingen

Wer ging aus Ostdeutschland in den Westen?

Von Stefan Maas

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Ein Bagger reißt einen Plattenbau ein. (dpa / picture alliance / ZB/ Jens Wolf)
Mit dem Abriss von Wohnungen im Rahmen des Programms "Stadtumbau Ost" wurde der Wohnungsleerstand bekämpft. (dpa / picture alliance / ZB/ Jens Wolf)

"Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir." So lautete eine Parole auf den Montagsdemos. Doch als die D-Mark kam, gingen viele. Die Warnung vor dem Ausbluten Ostdeutschlands machte die Runde. Doch wie viele Ostdeutsche gingen tatsächlich in den Westen?

Es war ein großer Wunsch.

H. Kohl: "Blühende Landschaften"

Erfüllt hat er sich nicht. Im Gegenteil: Firmenpleite statt Wirtschaftswunder, Frust und Jobverlust - so sieht der Alltag für viele Bürger in den neuen Bundesländern nach dem Mauerfall aus. Die Folge:

R. Klaus (PDS): "Auch in Sachsen gibt es doch inzwischen ganze entleerte Landstriche."

K. Biedenkopf (CDU): "Der Westen ist in diesem Wettbewerb stärker, wenn er es darauf anlegt, das Humankapital von hier abzuziehen."

Allein in den Jahren 1989 und 90 verlassen jeweils fast 400.000 Menschen die östlichen Bundesländer, um in den Westen zu gehen. Danach ebbt die Abwanderung bis zur Mitte der Neunziger stetig ab. Nimmt dann wieder zu, weil der erhoffte Aufschwung Ost ausbleibt. 2001 ein neuer Negativrekord: Rund 100.000 gehen in den Westen.

S. Kühntopf: "In den letzten 15, 20 Jahren waren es im Durchschnitt 50.000 Personen, die Ostdeutschland verlassen haben in Richtung Westen. Pro Jahr."

Sagt Stephan Kühntopf vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Kühntopf: "Seit 1991 beträgt der Wanderungssaldo zusammen 1,1 Millionen Menschen, die den Osten verlassen haben."

Vor allem die Jungen gehen. Im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Und noch etwas fällt auf:

Bürger: "Fast keene Frau./Auf zwei Männer kommt ungefähr eine Frau/Männerüberschuss. Männer, Männer, Männer!"

Kühntopf: "Es gibt Regionen, wo ein Drittel mehr Männer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren leben als Frauen. Weil die jungen Frauen abgewandert sind."

Gibt es die Abwanderung der gut Gebildeten?

War in den 1990-er die überproportional hohe Frauenarbeitslosigkeit einer der Hauptgründe, sind es seitdem bei den überwiegend sehr jungen Frauen vor allem Ausbildung, Studium und Job, die sie in den Westen ziehen. Gibt es ihn also, den Braindrain, die Abwanderung der gut Gebildeten?

Kühntopf: "Das lässt sich mit amtlichen Daten nicht zeigen, da dort der Bildungsstatus nicht erfasst wird. Und die Forschungsergebnisse sind durchaus auch nicht eindeutig."

Manche Studien lassen ihn erkennen, den Braindrain. Andere zeigen, dass viele auch mit geringen Bildungsabschlüssen gehen. Oft, so ist zu vermuten, weil sie im Westen eine Lehrstelle bekommen haben oder dort studieren, erklärt Stephan Kühntopf. Besonders hart hat es seit je her die eher ländlichen Regionen getroffen, die strukturschwächeren Bundesländer.

Kühntopf: "Sachsen-Anhalt, Mecklenburg Vorpommern. Weniger Sachsen und Thüringen. Aber auch da gibt es Unterschiede."

Generell gilt, je näher die Region an einer großen Stadt liegt, desto weniger gehen. Beispiel Brandenburg:

Kühntopf: "Also, es ist so, dass das Umland von Berlin, was eben in Brandenburg liegt sogar Wanderungszugewinne verzeichnet, während die weiter entfernten Gebiete wie die Uckermark, die haben halt eine sehr starke Abwanderung."

Aber nicht mehr nur in den Westen:

Kühntopf: "In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass Wanderungen zunehmend innerhalb von Ostdeutschland stattfinden. Von den ländlichen Räumen in die ostdeutschen Städte."

Die Zahlen zeigen sogar:

Kühntopf: "2013 kamen ungefähr 1.000 Menschen nach Ostdeutschland als in die umgekehrte Richtung gegangen sind."

Das liegt jedoch vor allem an Berlin. Ohne den Sog in die Hauptstadt wären die Zahlen weiter tiefrot.

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