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Nachspiel | Beitrag vom 20.09.2019

Abstieg als ChanceIn der Zweitklassigkeit wagt das deutsche Rugby einen Neuanfang

Von Thomas Jaedicke

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Der Pokal für den Rugby-Meister der Bundesliga besteht aus einem vergoldeten Rugby-Ball. (imago images / Eibner)
Der Pokal Deutscher Rugby-Meister ging 2014 an den Heidelberger Ruderverein. (imago images / Eibner)

"Die Profizeit in Deutschland ist vorbei", sagt Uli Byszio, der gerade zum Präsidenten der Deutschen Rugby-Jugend gewählt worden ist. Mit konsequenter Nachwuchsarbeit soll ein neuer Weg eingeschlagen werden. Ein Besuch in der Hochburg Heidelberg.

Seit Freitag läuft die Rugby-Weltmeisterschaft in Japan. Dort treffen Spitzenteams wie Titelverteidiger Neuseeland, Australien, Südafrika oder England aufeinander. Und die Stadien werden voll sein.

Faf de Klerk aus Südafrika wirft den Ball während der Rugby-Weltmeisterschaft 2019 in Gruppe B zwischen Neuseeland und Südafrika im International Stadium Yokohama am 21. September 2019 in Yokohama, Kanagawa, Japan, ins Spiel. (Getty Images / Hannah Peters)Mit den All Blacks aus Neuseeland und den südafrikanischen Springboks stehen sich gleich zu Beginn der WM in Japan zwei der großen Rugby-Nationen aufeinander. (Getty Images / Hannah Peters)

Gerade mal ein paar hundert Zuschauer waren es dagegen zum Auftakt der Rugby-Bundesliga Süd-West Anfang September in Heidelberg-Kirchheim. Und das obwohl gleich ein Derby auf dem Spielplan stand.

Der Heidelberger Ruderklub von 1872, Deutschlands ältester Rugbyverein, empfing die Rudergesellschaft Heidelberg, gegründet 1898. Rugby und Rudern, in der Universitätsstadt Heidelberg hat diese auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnliche Kombination eine lange Tradition. Der "Rhein-Neckar Zeitung" war das Spiel nicht eine Zeile wert.

Die Randsportart Rugby ist in Deutschland keine große Nummer. Und nach dem Rückzug des Milliardärs Hans-Peter Wild, der den Heidelberger Ruderklub und den Deutschen Rugby Verband 15 Jahre lang als Mäzen unterstützte, ist die Situation auch in der Rugbyhochburg Heidelberg natürlich nicht einfacher geworden. 

Spielszene beim Halbfinale der Deutschen Meisterschaften 2019 im Siebener-Rugby zwischen Germania List und dem Heidelberger RK. Henrik Meyer mit einem Versuch. (imago images / Kessler-Sportfotografie)Spielszene beim Halbfinale der Deutschen Meisterschaften 2019 im Siebener-Rugby zwischen Germania List und dem Heidelberger RK. (imago images / Kessler-Sportfotografie)

"Der Rugbysport in Deutschland ist nicht vergleichbar mit dem Rugbysport in Frankreich oder in Großbritannien. Also alle diese Staaten, da ist ja der Rugbysport vergleichbar mit dem Fußball in Deutschland. Und da wir das so in Deutschland nicht haben, fehlen uns natürlich auch die Sponsoren."

"Wieder da, wo wir vor zehn Jahren angefangen hatten"

Holger Xandry hat den Reißverschluss seiner Windjacke bis oben hin geschlossen. Kurz vor Spielbeginn hat es auch noch angefangen zu regnen. Der 55-Jährige, der für die Marketingabteilung der S-Bahn Rhein-Neckar arbeitet, leitet in seiner Freizeit die Rugbyabteilung des Heidelberger Ruderklubs, HRK - ehrenamtlich. 

"In dem Moment, wo die finanzielle Unterstützung wegbricht, wo dann auch diese ganze Nachwuchsarbeit vielleicht nicht mehr auf dem gleichen Niveau zu führen ist, weil einfach das Geld fehlt, dann fällt man ganz schnell wieder zurück. Und das ist im deutschen Rugbysport ja auch jetzt passiert. Wir sind praktisch jetzt wieder da, wo wir vor zehn Jahren angefangen hatten. Man sieht, wie schnell das geht, wenn die Mittel fehlen."

Genau wie der Deutsche Rugby Verband hing auch der HRK, - in den vergangenen fünf Jahren immerhin drei Mal deutscher Meister - , lange an Hans-Peter Wilds finanziellem Tropf. Der gebürtige Heidelberger, inzwischen 78 Jahre alt, hatte 1974 den elterlichen Betrieb übernommen und danach unter anderem durch die Marke "Capri Sonne" zu einem weltweit operierenden Konzern ausgebaut.

Capri Sonne-Chef finanzierte den Rugbysport

Obwohl Hans-Peter Wild, dessen Vermögen auf drei Milliarden Schweizer Franken geschätzt wird, nie Rugby gespielt hat, unterstützte er den Heidelberger Ruderklub, HRK, über einen langen Zeitraum großzügig und finanzierte den Spielbetrieb mehr oder weniger im Alleingang. Der ehemalige Sponsor hatte zu dem Verein auch deshalb so eine enge Bindung, weil sein Vater und Onkel dort früher als Ruderer aktiv waren.

Der langjährige DRV-Mäzen Dr. Hans-Peter Wild  inmitten der Zuschauer beim Qualifikationsspiel zum Rugby World Cup 2019 zwischen  Deutschland und Samoa am 14. Juli 2018 in Heidelberg.  (imago images / Kessler-Sportfotografie)Der langjaehrige DRV-Mäzen Dr. Hans-Peter Wild bei einem Qualifikationsspiel zum Rugby World Cup in Heidelberg 2018. (imago images / Kessler-Sportfotografie)
Vor zwölf Jahren gründete der Unternehmer außerdem die Wild Rugby Akademie, WRA, holte Trainer und Spieler aus dem Ausland, um den Sport in Deutschland zu professionalisieren und die Nationalmannschaft an die Weltspitze heranzuführen. Im vergangenen Jahr stellte Wild, der nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro ins deutsche Rugby investiert hat, seine Zuwendungen nach anderthalb Jahrzehnten weitgehend ein. Auch für Holger Xandrys Rugbyabteilung in Heidelberg war das ein großer Einschnitt.

"Wir hatten ja zum Teil halbprofessionelle Spieler in unseren Reihen, die dann zum Teil auch gegangen sind, nachdem das Engagement beendet war. Die Treuesten der Treuen sind geblieben, und da sind wir auch sehr dankbar. Da sind einige dabei, die Dr. Wild nach Deutschland geholt hat. Und die aber hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben, die jetzt zum Teil Deutsche geworden sind, Familie haben. Und die sind natürlich auch geblieben." 

80.000 Euro im Jahr, um Trainer beschäftigen zu können

Was ist das für eine Größenordnung? Wieviel Geld braucht man denn, um so einen Betrieb hier zu finanzieren?

"Also da eine Hausnummer anzugeben, ist ein bisschen schwierig, weil natürlich mehr immer möglich ist. Ich sage mal, wir würden benötigen, aktuell, auf dem Stand, auf dem wir jetzt sind, so rund 80.000 Euro im Jahr, um einen Trainer oder zwei Trainer fest zu beschäftigen. Im Nachwuchsbereich ist es oft ehrenamtlich. Da engagiert sich der Verein sehr stark mit seinen ehemaligen Spielern. Engagiert sich mit den Eltern gemeinsam."

Kurz vor Spielbeginn bittet Holger Xandry die neuen Sponsoren zu einem kleinen Empfang in die Oldieslounge des Klubhauses: Eine Bar aus dunklem Holz, satt-grüne Sitzbezüge, historische, gerahmte Fotos an den Wänden.

"So, darf ich euch mal ganz kurz um Gehör bitten? Ich meine, wir sind ja leider jetzt nicht ganz so viele Sponsoren, die zugesagt haben. Nichtsdestotrotz heiße ich euch ganz herzlich willkommen zur neuen Saison. Wir sind alle sehr gespannt, wie es dieses Jahr läuft. Die Mannschaft hat sich, glaube ich, sehr gut vorbereitet."

Aus Vereinsbeiträgen lässt sich der Spielbetrieb nicht allein finanzieren

Der behagliche, kleine Raum, den handwerklich geschickte Mitglieder des Vereins in Eigeninitiative und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet haben, erinnert an einen britischen Club. Die Geldgeber sollen sich eben rundum wohl fühlen. Nur aus Beiträgen der rund 800 Vereinsmitglieder, von denen rund die Hälfte der Rugby-Abteilung angehört, lässt sich der Spielbetrieb nicht finanzieren. 

"Der Teamspirit und auch die Leistungsbereitschaft ist da. Und jetzt schauen wir mal, wie die Saison verläuft. Ich begrüße ganz herzlich noch unseren Dash Barber, Nationalspieler und Trainer von unserer Frauenmannschaft."

"Ja, vielen Dank Holger. Ich weiß, du kannst ohne Sponsoren, ohne Unterstützer hier nicht machen. Und hoffentlich ist das unser erster Schritt, nach den ganzen Geschichten von den letzten paar Jahren." 

Traum von der Profikarriere, Umzug nach Heidelberg

Dash Barber kommt aus dem Rugbyland Südafrika. Vor zwei Jahren holte ihn die Wild Rugby Akademie nach Deutschland. Hans-Peter Wilds Rückzug aus dem Sponsoring traf auch den 31-Jährigen, der von einer Profikarriere in Deutschland träumte, hart. Barber, der damals mit Frau und Hund nach Heidelberg zog, hat inzwischen auch einen deutschen Pass. Er gehörte zur deutschen National-Mannschaft, die im vergangenen Jahr nur ganz knapp die Qualifikation für die Weltmeisterschaft verpasste. Dash Barber will trotzdem in Heidelberg bleiben und weiter an seinem Profitraum arbeiten. Drei bis fünf Jahre ist er bereit, dafür zu investieren. 

Dash Barber posiert lächelnd am Spielfeldrand. (Deutschlandradio / Thomas Jaedicke)Dash Barber kommt aus dem Rugbyland Südafrika. Vor zwei Jahren holte ihn die Wild Rugby Akademie nach Deutschland. (Deutschlandradio / Thomas Jaedicke)
"Für so was brauchst du eine gute Vorbereitung und einen guten Plan, eine gute Vision wollte ich eigentlich sagen, für die Zukunft. Ich denke, wir haben schon einen grundsätzlichen Plan hier beim HRK. Dass wir so mehr und mehr ein bisschen aufbauen. Dass das klappt, wieder auf diesem Niveau, wo wir waren. Und jetzt aber ohne den Dr. Wild."

Ist das zu schaffen?

"Warum hat Fußball so viel Geld? Das ist das Gleiche hier mit Rugby. Rugby hat die Core Values des Sports. Das sind eigentlich Themen des ganzen Lebens. Ich denke, das ist ein wichtiger Sport für ein Land: Einheit, Disziplin, Integrität. Auf diesem Wave kann man sitzen und das benutzen."


Dash Barber, der beim HRK nicht nur Spieler ist, sondern auch noch das Frauenrugbyteam des Heidelberger Ruderklubs trainiert, ist einer von zwei Trainern, die für ihre Tätigkeit vom Verein bezahlt werden. Damit allein komme er aber nicht über die Runden, sagt der Südafrikaner. Deswegen arbeitet er zusätzlich noch freiberuflich als Fitnesscoach. 

Obwohl es inzwischen aufgehört hat zu regnen, ist das Stadion nicht richtig voll geworden. Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff verlassen die Spieler des HRK, wegen ihrer blau-weiß gestreiften Spielkleidung auch Zebras genannt, das Trainerzimmer. Hier und da werden jetzt noch Trikots in Hosenbünde gestopft und Stollenschuhe geschnürt. Einige Spieler tragen Kopfschutz, um sich bei den harten Tackles nicht zu verletzten.

Aufregung vor dem ersten Saisonspiel

Die Spieler sind jetzt, so kurz vor Beginn des Matches, nicht mehr ansprechbar, voll konzentriert und fokussiert gehen sie, unerreichbar in ihrem gedanklichen Tunnel, auf den Platz. Nur der Trainer wartet noch ab und bleibt noch einen Moment in der Kabine, um sich zu sammeln.        

Pieter Jordaan hat die taktische Marschroute für das Spiel ausgegeben. Als Sechsjähriger fing der Südafrikaner mit dem Rugby an. Nach der High School spielte er in seiner Heimatstadt Pretoria für die Blue Bulls, bis ihn Hans-Peter Wild vor zwölf Jahren über seine damals gerade frisch gegründete Rugby Akademie zunächst als Spieler nach Heidelberg holte. Nach dem Ende seiner Karriere übernahm Pieter Jordaan vor vier Jahren den Cheftrainerposten. Auch seine Zukunft in Heidelberg ist jetzt ungewiss.

Pieter Jordaan ist angespannt. Vor dem ersten Saisonspiel gibt es natürlich immer eine Menge Aufregung. Nach der langen Sommerpause weiß auch der Trainer noch nicht so richtig, wie sich seine neu zusammengestellte Mannschaft schlagen wird. Auf jeden Fall erwartet der Südafrikaner ein hart umkämpftes, enges Spiel. 

Südafrika ist Rugbyland

In Südafrika hat Rugby eine lange Tradition. 1995 wurden die Springboks, so der Spitzname der Nationalmannschaft, Weltmeister im eigenen Land. Es war ein großer, weltweit beachteter Moment, als Staatspräsident Nelson Mandela den Siegerpokal überreichte. Clint Eastwood hat diese Geschichte zu seinem Film "Invictus" inspiriert. Nach dem Titelgewinn begann auch die schwarze Bevölkerungsmehrheit, sich allmählich für das damals fast nur von weißen Südafrikanern gespielte Spiel zu interessieren. Heutzutage ist Rugby nach Fußball die zweitpopulärste Sportart in Südafrika, sagt Pieter Jordaan.

Springbok-Kapitän Francois Pienaar hebt den  Webb Ellis Cup nach dem gewonnen Finale in die Luft, während Südafrikas Präsident Nelson Mandela (links) im Stadion Ellis Park in Johannesburg zujubelt.  (imago images / Colorsport)Der Kapitän der Springboks Francois Pienaar hebt den Webb Ellis Cup nach dem gewonnen Finale in die Luft, während Südafrikas Präsident Nelson Mandela (links) im Stadion Ellis Park in Johannesburg zujubelt. (imago images / Colorsport)
In Heidelberg wären sie heute schon mit 500 Zuschauern zufrieden. Kein Vergleich zu Südafrika. Wenn da zur Saisoneröffnung ein Derby ansteht, ist das Stadion auf jeden Fall voll, sagt Pieter Jordaan. 20.000 wären da. Aber in Heidelberg haben wir mit unseren fünf Mannschaften noch Glück. Deswegen kommen hier immer ein paar mehr Zuschauer. 

Gibt es so etwas wie ein "Bayern München" des südafrikanischen Rugby? 

Es gibt fünf große Teams, die alle Meister werden könnten. Die Blue Bulls aus Pretoria, die Stormers aus Kapstadt, die Sharks aus Durban, die Cheetahs aus Bloemfontein und die Lions aus Johannesburg. 

Ein Schulterklopfen, und endlich geht es los

Um fünf Minuten vor drei ist keine Zeit mehr für Theorie. Jetzt muss auch Pieter Jordaan raus auf den Platz. Zu AC/DC´s "Hells Bells", einem unverwüstlichen Stadionklassiker, marschieren jetzt die blau-weißen HRK-Zebras und die Gegner von der Rudergesellschaft Heidelberg, die orange-weiß gestreifte Jerseys tragen, aufs Feld. Trainer Pieter Jordaan und HRK-Rugbychef Holger Xandry schütteln sich die Hand. Ein letzter, ernster Blick, ein Schulterklopfen, und endlich geht es los. 

Aber von Anfang an läuft es nicht gut für den HRK. Die Zebras haben, nachdem Hans-Peter Wild sein großzügiges Sponsoring weitgehend eingestellt hatte, viele Topspieler verloren. Die neu zusammengestellte Mannschaft ist nervös, verliert viele Bälle, wird vom Gegner immer weiter in die Defensive gezwungen. 

"In der sechsten Spielminute geht die Rudergesellschaft Heidelberg nach einem Versuch durch Stefan Wadlinger und durch eine erfolgreiche Erhöhung von Peter Bayram mit 7:0 in Führung."

Zur Halbzeit liegt der Heidelberger Ruderklub mit 7:12 hinten. Und auch nach der Pause schaffen es die Gastgeber nicht mehr, das Blatt zu wenden. Nach den zweiten 40 Minuten muss der HRK gleich zum Saisonauftakt eine ernüchternde 7:36-Niederlage einstecken. Nach dem Schlusspfiff leert sich das Stadion schnell. 

"Ja, die Jungs sind heute wieder reine Amateure. Da verdient auch keiner was."

Spieler müssen tagsüber arbeiten

Holger Xandry ist nach der Niederlage enttäuscht. Aber der Chef der Rugbyabteilung des Heidelberger Ruderklubs ist auch Realist. Nachdem beim HRK jetzt kleinere Brötchen gebacken werden, können die Spieler nicht mehr tagsüber ins Fitness-Studio gehen oder auf dem Platz trainieren.

"Das war eben die Situation zu Wilds Zeiten. Das fällt jetzt natürlich weg, weil die Jungs arbeiten müssen. Wir haben vielen nach dem Wegfall der Unterstützung dann auch geholfen, in Arbeit zu kommen. Das haben die Jungs zum Teil gar nicht gekannt. Die waren, wie gesagt, mehr Rugbyspieler und mussten dann erstmal mit zum Teil 30 Jahren gucken, wie sie in einen Beruf kommen. Da konnten wir zum Glück dem einen oder anderen durch Beziehungen weiterhelfen."  

Holger Xandry steht vor einer schwierigen Aufgabe. Mit deutlich weniger Geld will er versuchen, trotzdem eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen, die weiter in der Rugby-Bundesliga vorne ein Wörtchen mitreden kann. Einige Spieler, die vorher unter den "halbprofessionellen" Bedingungen beim HRK nicht mehr so zum Zuge kamen, sind inzwischen zurückgekehrt. Aber das allein wird noch nicht ausreichen, um die Mannschaft wieder zu stabilisieren.

Hans-Peter Wild hätte als Sponsor gerne weitergemacht

Holger Xandry will künftig verstärkt auf den klubeigenen Nachwuchs setzen:

"Das ist auch wichtig, dass alle Jahrgänge stark besetzt sind, dass wir jetzt in den kommenden Jahren, wenn unsere aktuellen Spieler dann ausscheiden werden, wieder mit jungen Spielern nachkommen. Und wir haben eine starke U16 momentan. Und auf die setze ich auch. Die brauchen noch zwei, drei Jahre, und dann sind die Jungs soweit, dass sie in die erste Mannschaft nachrücken können."

Obwohl Hans-Peter Wild sich aus dem deutschen Rugby zurückgezogen hat, kommt man an seinem Namen nicht vorbei. Zu groß sind die Spuren, die der Unternehmer als Alleinförderer des Deutschen Rugby Verbands in den vergangenen 15 Jahren hinterlassen hat, als dass sie von heute auf morgen verschwinden würden. Eigentlich hätte Hans-Peter Wild als Sponsor gerne weitergemacht, aber seine Mitarbeiter und der Verband konnten sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen.

Was waren die Gründe dafür? Warum hat man sich da nicht mehr einigen können?

"Vielfältige. Ich war persönlich nicht involviert. Aber ich hatte sehr professionelle Mitarbeiter, die das für mich gemacht haben, mit der Wild Rugby Akademie. Und auf der anderen Seite sind natürlich im Deutschen Rugby Verband Leute gewesen, die da weit überfordert waren, meines Erachtens."

Sie sehen auch ein strukturelles Problem im deutschen Rugby Verband?

"Kann man wohl sagen. Das wird ja jetzt besser, der Dr. Byszio hat ja, glaube ich, jetzt den Vorsitz übernommen. Davor war es auch jemand von Adidas, das ging auch nicht. Also, das ist schon mühsam hier."

Ein Jahr bevor Hans-Peter Wild aus Frust über die unprofessionellen Strukturen beim Deutschen Rugby Verband das Handtuch warf, hatte er im Juni 2017 für zwei Euro den damals hochverschuldeten französischen Rugbyklub Stade Francais Paris übernommen. Geplant war eine enge Kooperation zwischen dem 14-maligen französischen Meister und der Wild Rugby Akademie. Hans-Peter Wild hoffte auf Synergieeffekte, insbesondere bei der Talentsichtung und Nachwuchsförderung. 

"Nun, also ich meine, der Grund, warum ich überhaupt Stade Francais gekauft habe, ist einfach, um professionelles Rugby zu lernen. Wir waren in Deutschland an einer Schwelle angelangt, wo es auf dem Niveau, wie wir das in Deutschland betrieben haben, nicht mehr weitergehen konnte. Wir mussten also professionelles Rugby lernen. Und der Einzige, der professionelles Rugby kennt in Deutschland, war der Robert Mohr, weil er eben Kapitän war bei La Rochelle, eine Profimannschaft in Frankreich. Und er hat mich darauf angesprochen, dass es durch die Fusion der beiden Pariser Klubs die Möglichkeit gegeben hat, plötzlich, Stade Francais zu übernehmen."

Durch Wilds langjährige Förderung und die Zusammenarbeit mit den Franzosen hatte sich das deutsche Rugby soweit an die internationale Spitze herangearbeitet, dass die Mannschaft nur ganz knapp in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Japan scheiterte. Die Qualifikation wäre möglich gewesen, wenn alle an einem Strang gezogen hätten, sagt Hans-Peter Wild. Ein Achtungserfolg, auch wenn man im WM-Turnier gegen die guten Rugby-Nationen keine Chance gehabt hätte und höchstwahrscheinlich regelrecht verprügelt worden wäre. 

Wild: "Es tut mir leid um die Spieler"

Und dann schmerzt Sie das wahrscheinlich doch auch. Denn wenn man da 20 Millionen reinsteckt über einen Zeitraum von 15 Jahren, dann will man ja was Nachhaltiges erreichen und verändern. Tut Ihnen das weh, dass Sie das – sozusagen – nicht geschafft haben?

"Also, es tut mir nicht weh. Aber es ist schade um die Sache. Denn: Wir haben in Deutschland ein Niveau erreicht, das war an der Spitze. Also das deutsche Rugby ist in den 15 Jahren auf ein internationales Niveau gehoben worden, mit der Hilfe von hervorragenden ausländischen Trainern und Spielern. Und das ist jetzt beendet. Es tut mir leid um die Spieler, die alle hervorragend, jung und motiviert waren. Aber gab einfach keine Chance, irgendetwas hier in Deutschland zu bewegen, außer Geld zu verpulvern."

Auch beim Heidelberger Ruderklub ist Hans-Peter Wild ausgestiegen. Abgesehen von einem Drei-Jahres-Vertrag mit dem Logo für ein Softgetränk auf dem Trikot fließe kein Geld mehr an die Rugby-Abteilung des HRK. Das Thema Rugby in Deutschland sei für ihn ein für alle Mal erledigt, sagt der ehemalige Großsponsor. Aber ganz egal ist ihm die Entwicklung in Deutschland dann doch nicht; dafür liegt dem Rugbyliebhaber dieser harte Sport doch zu sehr am Herzen.

"Wenn es in Deutschland gelänge, gute Jugendliche heranzubilden, was machen die – und das war auch eine unserer Aufgaben -, die müssen nach Frankreich oder nach England oder nach Schottland gehen zum Spielen."

Akademie für den Nachwuchs ist abgewickelt

Zwischen 3000 und 5000 Euro im Monat hätten die Nachwuchsspieler der Wild Rugby Akademie in Deutschland als Jungprofis verdient, sagt Hans-Peter Wild. Aber auch das ist jetzt Geschichte, denn die Akademie ist ebenfalls abgewickelt worden. Beim Heidelberger Ruderklub versucht Holger Xandry nun, neue Sponsoren zu finden, die nach und nach die Lücken füllen sollen, die Hans-Peter Wild hinterlassen hat.

Und was plant der Deutsche Rugby Verband? Wie wird er sich in Zukunft aufstellen?

Den verabredeten Interviewtermin lässt Vorstand Volker Himmer ohne Absage einfach platzen. Immerhin antwortet er ein paar Tage später - mit "sportlichen Grüßen" - schriftlich. Im Rahmen der Spitzensportförderung werde Rugby nach sportfachlicher Bewertung durch den Deutschen Olympischen Sportbund aus Steuermitteln des Bundesinnenministeriums gefördert; allerdings nur das olympische 7er-Rugby, also mit sieben Spielern. Die klassische Variante mit 15 Feldspielern oder –spielerinnen bekommt dagegen keine Unterstützung. Darüber hinaus habe der DRV eine Marketing GmbH, die sich derzeit aktiv mit der Sponsorensuche beschäftige.

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Zufrieden gebe man sich beim DRV mit der aktuellen Misere nicht. Da sich bisher aber kein "großer" Sponsor oder ein Sponsorenpool finden ließ, sei ein Neustart, ein kontinuierlicher Aufbau und der Weg zurück in eine höhere Spielklasse eher ein mittelfristiges Ziel. Die Abhängigkeit von Dr. Wild habe sich schleichend aus der Kooperationsvereinbarung ergeben. Als der DRV bei der Vertragsverlängerung diese Abhängigkeit minimieren wollte, hätte kein Konsens erzielt werden können.

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