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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 08.03.2009

"Abseits" - Günter de Bruyns "Liebeserklärung an eine Landschaft"

Literarische Plätze (10)

Von Eberhard Schade

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Allee in Brandenburg (AP Archiv)
Allee in Brandenburg (AP Archiv)

Seit Fontane hat wohl niemand die stillen Reize der märkischen Landschaft so einfühlsam und kenntnisreich geschildert wie Günter de Bruyn. Sein Buch "Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft" ist zugleich ein Plädoyer für die Stille.

Der Vater:

"Monoton ist diese Landschaft nur für den Durchreisende, weil diesem der Zustand, in dem er sie zufällig erlebt, der bleibende scheint. Für ihren Einwohner dagegen ist sie durch den Wechsel von Wetter und Jahreszeiten immer lebendig."

Der Sohn:

"Man muss die Liebe zu dieser Landschaft erst entdecken, man muss sich auf sie einlassen, sonst funktioniert das nicht."

Der Kirchenmann:

"Es ist eigentlich die Geschichtsträchtigkeit, dieses Gefühl zu haben hier drin einen Dienst tun zu dürfen, wo Steine Jahrhunderte auf dem Buckel haben und das als so ein kleiner Baustein mitwirken zu können, das find´ ich faszinierend."

Kleiner Mann – ganz groß. Alle Augen der Gemeinde sind auf Matthias Alward gerichtet. Den Kantor von St. Marien. Der steigt, in einen schwarzen Talar gehüllt, auf einen kleinen Schemel im Kirchgang. Damit man ihn besser sehen, sein: "Gelobet sei mein Gott" noch besser hören kann.

Der kleine, agile Mann mit dem langen dunklen Prophetenbart zieht vier Chöre und 150 Besucher im kalten Südschiff – alle, vom Kind bis zum Greis, in seinen Bann.

27 Jahre lebt und arbeitet Alward im brandenburgischen Beeskow und ist – was die kirchenmusikalische Arbeit betrifft – eine Institution hier. Als Kreiskantor leitet er den Männerchor, den Flötenkreis, einen Motettenchor. Um den Bläserkreis, einen Kinderchor und den Stadtchor kümmert er sich privat.

Mit St. Marien, der wohl größten Backsteinkirche Brandenburgs, ist er verwachsen, sagt er. Das Mittelschiff kennt er noch als Ruine.

"… ohne Dach mit wachsenden Bäumen in der Mitte und hohem Schutt drin, da war das Fußbodenniveau noch einen Meter höher als es jetzt ist. 1991 begann der Aufbau des Mittelschiffs und das habe ich natürlich sehr interessiert und bewusst miterlebt."

"Das ist das Mittelschiff, das ist natürlich noch gigantischer, aber im Winter nicht zu nutzen. Vielleicht verstehen sie jetzt, warum ich vorhin da drüben sagte: Ich liebe dieses Haus und das ist auch das, was mich hier hält, weil es ein fantastisches Gebäude ist."

Alward steht jetzt im dunklen Mittelschiff. Ein Rohbau ohne Fußboden, dessen Dachsteine nur lose aufliegen. Ein dunkler, kalter Raum - dennoch erhaben und schön. Durch Steine, die Jahrhunderte auf dem Buckel haben, pfeift der Wind. Im Winter, sagt der Kantor, weht Schnee manchmal durch die Ziegel bis ins Innere. Wie Christen und Nichtchristen, gerade an Festtagen dann zusammenrücken, um ein wenig gemütvolle Stimmung zu finden – das hat der brandenburgische Schriftsteller Günter de Bruyn in seinem Buch "Abseits" beschrieben. Alward kennt das Buch, die Textstelle. Und liest:

"Die Predigt ist, der Kälte entsprechend, nur kurz und oft dürftig. Und trotzdem spürt man die Festtagsstimmung, die die dicht gedrängt sitzenden, in Wattejacken und Wintermäntel gehüllten Leute bewegt. Vage Sehnsucht nach dem Verlorenen, mit der sie nicht allein sein wollen, hat sie hierher getrieben, und ihr festliches Gestimmtsein wird mehr als vom Pastor als von ihrem Bedürfnis danach erzeugt.
Ein frohes Fest wünschend, schüttelt man vor der Kirchentür zehn, zwanzig, dreißig Hände und eilt, den Mantelkragen hochgeschlagen, im schneidend kalten Ostwind mit der schönen Illusion nach Hause, dass trotz aller Selbstverleugnung, die wir uns bußfertig auferlegen, für unsern christlichen Kulturkreis doch noch Zukunftshoffnung besteht."

Sicher, sagt Alward, gibt es Menschen, die nur einmal im Jahr kommen und dann vielleicht noch schimpfen, dass es kalt ist. Insgesamt aber ist ihm de Bruyns Beschreibung eine Spur zu pessimistisch.

"Wenn ich an meine Kirche denke, da ist es nicht eiskalt, sondern da ist sehr viel Wärme."

Menschliche Wärme. Die er dem Autor de Bruyn aber keinesfalls absprechen will. Im Gegenteil.

"Ich denke, dass man keinen Bogen um ihn macht, also wenn er wo auftaucht, dann ist er einer, der hier bekannt und ich denke auch beliebt ist. Ein Schriftsteller, der sozusagen mit beiden Füßen im märkischen Sand steht."

Seit Fontane hat wohl niemand die stillen Reize der märkischen Landschaft so einfühlsam und kenntnisreich geschildert wie Günter de Bruyn. "Liebeserklärung an eine Landschaft" heißt der Untertitel seines Buches, in der er Straßen und Wegen, Seen, Flüssen und Wäldern genauso viel Platz einräumt wie Kirchen und Christen, Rindern und Rentnern.

Persönlich kennt Alward de Bruyn nicht. Auch wenn der nur ein paar Kilometer von hier, sehr zurückgezogen in einem restauriertem Gehöft, lebt.

Seinen Sohn aber, Wolfgang de Bruyn, heute Leiter des Heinrich Kleist Museums in Frankfurt/Oder, kennt er. Mit dem hat er zu tun, als der noch Kulturamtsleiter im Kreis ist und Mittel bewilligt – auch für die kirchenmusikalische Arbeit.

Treffen mit Wolfgang de Bruyn acht Kilometer weiter, vor der Kirche im märkischen Sauen. Wie sein Vater ist auch er hoch gewachsen, die Stimme weich, die Augen hell und klar. Dörfer wie dieses, sagt er, liegen mir ganz besonders am Herzen. Und, genau wie sein Vater, weiß er sehr viel über ihre Geschichte.

"Wir haben einen sehr breiten Dorfanger, der teilweise auch bebaut ist von kleinen Häusern, die damals eine ganz bestimmte Funktion erfüllten, direkt am Dorfanger schräg gegenüber steht die Dorfkirche, daran anschließend das Pfarrhaus und dann der große Wirtschaftshof des Schlosses, also des Guts und insofern ist dieses Dorf noch in der Typik der Angerdörfer erhalten geblieben und wird von Bewohnern so gepflegt."

Der Himmel strahlend blau, der Ostwind schneidend kalt. De Bruyn klappt den Kragen seiner Jacke hoch, will einmal um den malerisch gelegenen Anger spazieren. Kein Mensch weit und breit.

Viele Städter wohnen mittlerweile hier. Haben die alten, mit Feldsteinen gebauten Häuser gekauft, restaurieren sie sorgsam, sagt de Bruyn.

"Man sieht die Landwirtschaft, die Rinderställe, aber auch die alte Kastanienallee, die direkt zum Schloss führte und wenn man die hinuntergeht zum Wald, dann kommt man auf die großen Waldflächen …"

Sie umgeben das Dorf von drei Seiten. Und sind "ihrer Vielfältigkeit und Gesundheit wegen für jedermann eine Freude", schreibt Günter de Bruyn in "Abseits" und weiter: "Für den Forstfachmann haben sie Vorbildfunktion." Weil in Sauen nach 1945 der Gutsherr ausnahmsweise nicht vertrieben wird. Und als Forstwirt Pionierarbeit leistet. Sein Name: Professor August Bier.

"Ökologisch nennt man heute seine Methoden, mit denen er aus den üblichen Kiefermonokulturen mit ihren armen, durch Streugewinnung noch verschlechterten Böden gesunde, vielgestaltige Mischwälder schuf. In den Sauener Wäldern kann auch der Laie bei jedem Spaziergang die Erfolge des damaligen Forstaußenseiters sehen. Da findet er neben Laub- und Nadelbäumen auch Sträucher, Tief- neben Flachwurzler, Humusbildner und Humuszehrer, 460 Gehölzarten insgesamt."

De Bruyn klappt das Buch seines Vaters zu, geht weiter. Ein Abstecher in den Wald lohnt jetzt, in der kalten Jahreszeit, nicht, sagt er. Er muss es wissen. Ist er doch gelernter Gärtner.

"Hier ist noch der Gutshof, der eigentliche Gutshof, der wird von der August Bier Stiftung bewirtschaftet und daran anschließend ist das Gutshaus, was den Kunsthochschulen Berlins gehört."

Ein zweistöckiger, gelb gestrichener Bau mit mehreren, sich daran anschließenden ehemaligen Wirtschaftsgebäuden. Alle saniert und umfunktioniert zu Wohnbauten und Seminarräumen. Im Sommer, sagt de Bruyn, zieht hier sehr viel Leben, sehr viel Flair ein durch die Studenten. Aber auch durch Konzerte in der Kirche und in der alten Scheune nebenan.

"Wenn man zum nächsten Dorf wandert, nach Drahndorf, erreicht man die unverbauten Flussläufe der Spree, ein Sackgassendorf. Das prägt natürlich auch, dass es Dörfer sind, die einladend sind zu verweilen und nicht nur zum Durchfahren animieren."

Um diese stillen Reize geht es Günter de Bruyn in seinen Beschreibungen. Die – das findet auch sein Sohn – meist nur der sieht, der hier lebt oder die Hektik des Alltags ablegt und sich auf die märkische Landschaft einlässt.
Im Buch sind sie lang und bildhaft beschrieben, de Bruyn gilt als genauer Beobachter. Einige Stellen sind zu lang, um sie bei der Kälte draußen vorzulesen. Deshalb steigt sein Sohn in seinen Geländewagen, schlägt das Buch auf dem Lenkrad auf.

"Monoton ist diese Landschaft nur für den Durchreisende, weil diesem der Zustand, in dem er sie zufällig erlebt, der bleibende scheint. Für ihren Einwohner dagegen ist sie durch den Wechsel von Wetter und Jahreszeiten immer lebendig.
Er sieht sie im Winter, wenn Barfröste die Ackererde in verschlungenen Mustern aufplatzen lassen oder eisige Ostwinde Schnee über die Felder treiben und die Obstbäume an den Chausseen und Feldwegen einseitig weißen, so dass das schneefreie Holz ihrer Stämme und Äste auf der windabgewandten Seite schwarz wie Ebenholz wirkt. Er sieht sie im Frühjahr, wenn Apfelblüten an Wegen und Straßen sich langsam von Rosa in Weiß verfärben, im Sommer, wenn, zum Ärger der Bauern, blaue Tupfen von Kornblumen und rote Reihen des wilden Mohns das Getreidegrün unterbrechen, im Spätherbst, wenn Scharen von wilden Gänsen weit ab von Dörfern und Straßen die kurzen Tage auf den Äckern verbringen, um im Abenddämmern mit viel Geschrei zu ihren Schlafplätzen in den Niederungen zurückzufliegen."

Plötzlich klopft es an der Scheibe. Ein kleiner Mann im Holzfällerhemd mit rundem Gesicht lacht de Bruyn an.

Gerhard Schlegel kommt direkt vom Holzhacken. Der Pianist und Witwer einer berühmten Kammersängerin aus Berlin fragt de Bruyn, ob er bei ihm geklingelt hat, vielleicht den Schlüssel für die Kirche braucht. Dann ist er auch schon wieder weg.

Wolfgang de Bruyn verabredet und verabschiedet sich. Dann möchte er weiter.

"Also ich denk, das Typischste, fahren wir nach Falkenberg, da kommt das Landschaftstypische so raus, die Neue Herrlichkeit, das ist ja der Titel eines seiner Bücher, da den eine Feldweg, ja das machen wir."

Vorher aber noch einen Abstecher zum Schloss Groß Rietz, welches de Bruyn in "Abseits" beschreibt.

Görzig: ein typisches Landwirtschaftsdorf. Mit 400 Einwohnern vergleichsweise groß.

"Hier ist noch Landwirtschaft, Schafzucht. Hier hat der Schäfer sein Heulager, hier linker Hand, rechts noch ein bisschen Silage. Die Straßen sind nach der Wende neu gemacht worden."

De Bruyn wählt eine alte, kürzt so ab.

"Wir fahren gleich mal hier rein, so ´n alter Landwirtschaftsweg, der teilweise noch Kopfsteinpflaster hat und noch bepflanzt ist mit alten Obstbäumen."

Wenig später kommt er dort raus, wo zwei große grüne Wegweiser auf die beiden anderen Highlights neben dem Schloss in Groß Rietz hinweisen: "Landfleischerei Berger" steht auf dem einen, "Friseursalon Astrid" auf dem anderen.

"So jetzt haben wir den Blick auf die Kirche. Man sieht hinter der Kirche das Schloss, gehörte der Familie von der Marwitz, wurde vor vier Jahren restauriert von der Schlösser GmbH Brandenburg. Können ja mal hier rüber fahren zum Parkeingang."

Direkt an der Straße gelegen lässt sich die alte Allee zum Schloss nur noch erahnen. Der einst große Park: zersiedelt, parzelliert. Hans Georg von der Marwitz, uralter märkischer Adel, lässt es Ende des 17. Jahrhunderts bauen, sein erster Besitzer ist Johann Christoph von Wöllner. Dass es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wie so viele Adelsitze gesprengt oder abgeräumt wird, verdankt man, nach Berichten der Dorfbewohner, dem Eingreifen eines vernünftigen sowjetischen Offiziers, schreibt de Bruyn. Sein Sohn steht jetzt mit Buch am Fuße der Freitreppe zum Haupteingang. Liest, wie es nach 1945 mit Schloss und Park weitergeht.

"Den Landschaftspark machte man teilweise zu Kleingärten, oder man ließ ihn verwildern. Die Sandsteinstatuen, die ihn schmückten, verschwanden, und nur noch ein Grabdenkmal der Dziembowskis und zwei den Parkeingang flankierende Obelisken zeugen noch heute von alter Pracht. Die hohen und kalten Räume wurden zu Wohnungen für die Vertriebenen von jenseits der Oder. Der Gartensaal, in dem Fontane eine Büste Friedrich Wilhelms II. und die Wöllner-Porträts bewundert hatte, wurde zur Turnhalle; und trotz nasser Wände und bröckelndem Putz fanden auch Jugendclub und Kindergarten hier zeitweilig Quartier. In der Endphase der DDR sah der Bau aus, als habe man sich seit Wöllners Zeiten nicht mehr um ihn gekümmert. Die Freitreppen waren geborsten und strauchüberwachsen, einige Fenster mit Pappe vernagelt, und außen und innen bröckelte von nassen Wänden der Putz."

"Heute ist der Bau wieder des Ansehens wert", schreibt de Bruyn weiter und hat Recht. Die Fassade, geputzt, farblich – altrosa, weiß und grau - fein abgestimmt. Die beiden Freitreppen wieder intakt, der hohe Sockel repariert, aus dem Schornstein weht weißer Rauch.
"Drinnen wird geheizt", erklärt de Bruyn, damit nicht wieder irgendwann der Putz von nassen Wänden bröckelt. Denn: bewohnt ist das Schloss nicht. Und: es ist äußerst schwer, es an den Mann zu bringen.

"Die Lage ist direkt an der Straße, nicht abseits, anderseits ist es sehr ab, die Autobahn ist doch relativ weit weg, man kommt also relativ schwer hierher."

Aber nicht nur deshalb eignet es sich nicht als Hotel.

"Sie sehen, wie eng die Bebauung ist mit den Wirtschaftshöfen, man sieht auch die Windräder. Wenn man also von Beeskow kommt und das Schlossportal sehen müsste, so verstellen die Windräder den Blick und insofern ist die Nutzung schon schwierig, weil es doch sehr eng ist mit der Randbebauung."

"Linker Hand sind die Kleingärten die im Buch erwähnt worden sind. (…) Bungalow mit Satellitenantenne in unmittelbarer Nähe des barocken Baus."

"So, dann werden wir zur Neuen Herrlichkeit hinfahren."

Aufbruch zum letzten Stopp. Dem Ort, in dessen unmittelbarer Nähe Wolfgang de Bruyns Vater lebt. Zurückgezogen in schwer erreichbarer Einöde.

Von Groß Rietz die B 246 Richtung Storkow, beim Goldenen Hirschen in Buckow links ab.
Die Landstraße nach Falkenberg, bis links und rechts am Straßenrand nichts als Felder, Obstbäume und Hochstände zu sehen sind. De Bruyn parkt am Eingang eines Feldweges.

Der Himmel jetzt: bedeckt. Der Ostwind noch kälter, noch schneidender als am Morgen. De Bruyn schlägt den Kragen seiner Jacke hoch, marschiert los.

"Wir sind jetzt zwischen Görsdorf, Falkenberg und Lindenberg, und das ist einer der typischen jetzt Landwirtschaftswege, die unbefestigt sind nur teilweise mit Steinen, die man vom Feld gelesen hat befestigt, wo man dann, wenn der Boden wieder taut und die Traktoren fahren, die großen Schlammlöcher hat, die auch in dem Buch beschrieben wurden."

Am Wegesrand: vereinzelnd Pflaumenbäume und Windschutzhecken gegen Schneeverwehungen. Am Horizont: eine Handvoll Windräder und die Silhouette des Turms vom aeronautischen Observatorium in Lindenberg.
Hier, ganz in der Nähe, liegen auch der sogenannte Blabbergraben, ein dünnes Rinnsal, das vier verlandende Seen miteinander verbindet. Und die alte Schäferei, die Günter de Bruyn 1968 mehr durch Zufall entdeckt.

"Er hat seine Fahrradtouren gemacht und hat dieses verfallene Gehöft entdeckt, hat sich dann bei der Gemeinde erkundigt, ob das zu haben wäre, über Jahre zog sich das denn hin, bis er das dann nach und nach bewohnbar gemacht."

Ein kleines Fleckchen Erde, das er als "Exil" im Innersten der DDR entdeckt. Einzieht und bleibt. Lange Jahre ohne Telefon, ohne Strom, ohne Wasserleitungen. Es ist das "Abseits", dass de Bruyn sucht.

"Ja das wurde dann Domizil mit all den Träumen, die man hat, wenn man aufs Land zieht, dass man sich Pferde halten möchte und daran dann verzweifelt, das relativiert sich relativ schnell."

Die, vor denen (der als "politisch unbedarft" geltende de Bruyn) (er) hier draußen glaubt, seine Ruhe zu haben – sind auch hier aktiv: die Staatssicherheit.

"Die waren hier genauso da. Gab dort eine Jagdhütte, die zur Jagd diente und natürlich auch - wie das nachher aus den Stasiunterlagen hervorging - auch zur Beobachtung. Damit lebte man dann auch, dass man die Post schubweise bekam alle 14 Tage und wusste, die wurde gesammelt, ja das war dann Alttag sozusagen."

Der Wind jetzt einfach zu kalt. De Bruyn vergräbt Buch und Hände in den Taschen seiner Jacke, geht zurück Richtung Auto.

Gedanklich ist er jetzt ganz bei seinem Vater. Bei Günter de Bruyn, dem heimatverbundenen Einzelgänger und Außenseiter, der andererseits, wie er von sich selbst sagt, immer auch hochpolitische Sachen schreibt. Und, sehr häufig, autobiografisch gefärbte. So wie die Passage, die sein Sohn jetzt aufgeschlagen hat. In der sein Vater schildert, was ihn Ende der Sechziger hier raus, ins Beeskower Land treibt.

"Der Funke kam, wie ich heute weiß, aus mir selbst. Die Verlassenheit dieses Ortes erweckte in mir eine Sehnsucht, die nichts oder nur wenig von romantischen Waldeinsamkeitsgefühlen hatte und deshalb vielleicht mit dem Ausdruck Bedürfnis genauer bezeichnet ist. Es war das schon lange vorhandene, aber nur in depressiven Momenten eingestandene Bedürfnis, mich von der Welt abzusondern, um allem, was mich bedrückte, aus dem Wege zu gehen. Ja …"

Diesmal hält Wolfgang de Bruyn einen Moment lang inne. Er kennt den Text, klar. Und scheint dennoch gerührt von der Offenheit, der Klarheit der Worte seines Vaters. Doch möchte auch er – (wie schon Matthias Alward, der Kirchenmann in Beeskow) nicht, dass der Eindruck eines verschrobenen Eigenbrödlers entsteht.

"Er ist nicht der, der irgendwo abseits lebt und arbeitet und lebt als Prominenter, sondern er ist akzeptiert und anerkannt. Er hat Kontakte zum Dorf, ein ganz natürliches Verhältnis - nicht irgendwie abgehoben."

Günter de Bruyn holt (jahrelang) beim Bauern im Dorf seine Milch. Und wenn die Tochter an der Uni oder die Enkelin in der Schule de Bruyn durchnimmt, dann dürfen sie schon mal mit Papa oder Opa ein Interview führen, sagt sein Sohn und lächelt.

Ohne Flucht aber, ohne Rückzug ins Märkische – das glaubt auch er, würde es die genauen Beschreibungen der Straßen und Wege, der Seen, Flüsse und Wälder hier draußen gar nicht geben.

"War einerseits Flucht, Rückzug, andererseits ein Punkt, wo man ganz anders und in Ruhe arbeiten konnte und mit ganz anderen Eindrücken und ganz andere Wirklichkeitsräume erschlossen wurden. Also das Landleben, die Natur, was man so ja gar nicht hatte und ohne dieses Leben dort wären diese Bücher auch gar nicht entstanden, hätten gar nicht entstehen können."

Sind sie aber. Und bleiben. Ein Plädoyer für die Stille. Eine Liebeserklärung an eine Landschaft.

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