Donnerstag, 06.08.2020
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.02.2014

Abschied Kampfeslustig bis zuletzt

Dessauer Bauhaus-Chef Philipp Oswalt nennt Gründe für seinen erzwungenen Abgang

Von Christoph Richter

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Der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Philipp Oswalt, aufgenommen am 27.02.2014 im Bauhaus in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt). Oswalt bewirbt sich jetzt für eine weitere Amtszeit. Der Stiftungsrat hatte 2013 eine Neuausschreibung der Stelle beschlossen. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, Philipp Oswalt, kurz vor seinem Abschied. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Den Streit mit der Landesregierung um die Standortfrage des neuen Bauhaus-Museums in Dessau vermutet Philipp Oswalt als Grund für seine ausbleibende Vertragsverlängerung. Beim Abschied kritisierte er die Einmischung der Politik.

Zum Abschied hat der Dessauer Bauhausdirektor Philipp Oswalt noch mal groß auftischen lassen. Es gab Feldsalat, Skrei in Pergament gegart, Wiener Tafelspitz und Crêpes Suzette. Ein äußerst geschmackvoller, ja fast nobler Rahmen für eine Pressekonferenz, um Bilanz zu ziehen.

"Ich denke nach 15 Jahren Existenz der Stiftung war es an der Zeit in die Zukunft zu blicken. Ganz wichtig war, das Haus neu in der Stadt zu verorten. Ein Stichwort ist: Bauhausstadt entwickeln. Ein zweiter Stichpunkt ist definitiv der Bildungsbereich. Jeder der zum Bauhaus kommt, erwartet nicht nur Erbe, sondern auch Gegenwart, eine Ausbildungspraxis, das haben wir trotz Kürzungen durch die Landesregierung auszubauen."

Oswalt hat gesellschaftlich relevante Fragen, wie den demografischen Wandel, das Problem der "Shrinking Cities", das Leben in ländlichen Regionen offen thematisiert. Fragen gestellt, eigene Ansätze entwickelt.

Doch anscheinend hat sich der Dessauer Bauhauschef Philipp Oswalt damit zu weit aus dem Fenster gelehnt, weshalb der sachsen-anhaltische SPD-Kultusminister Stephan Dorgerloh als Stiftungsratsvorsitzender völlig überraschend im Herbst vergangenen Jahres eine Neubesetzung der Stelle in Gang gesetzt hat. Bis heute will er sich zu den konkreten Gründen nicht äußern. Anders Philipp Oswalt. Er spricht Klartext. Vorbei ist es mit dem gemütlichen Essen in der ehemaligen Bauhaus-Weberei, wo er die Journalisten an eine lange weißgedeckten Tafel platziert hat. Mit den Vorwürfen mangelnder Kooperationsbereitschaft, Alleingängen, einem gestörten Vertrauensverhältnis kann Oswalt nichts anfangen.

"Ich glaube, man benennt nicht den Grund, worum es eigentlich geht. Ich denke, es geht um Differenzen bezüglich des Ausstellungsgebäudes."

Kritik an scharfem Ton der Politik

Will heißen: Der Standort des neuen Bauhaus-Museums, das Vorzeigeprestigeobjekt für das große Bauhausjubiläum 2019, ist der Kern des Streits. Denn es gäbe keine sachlichen Gründe für einen Standort mitten in der Dessauer Innenstadt, während Gutachter wie der renommierte Architekt David Chipperfield sich für die Nähe zu den Meisterhäusern ausgesprochen hätten. Zumal diese Lösung, so Noch-Bauhaus Direktor Philipp Oswalt, um fünf Millionen Euro günstiger sei. Generell unverständlich ist ihm die Rolle der Politik, die sich in den letzten Monaten massiv und im scharfen Ton in die Belange der Bauhausstiftung eingemischt habe, so Oswalt weiter. Es gehe hier um kein Finanzamt sagt er, sondern um eine Kulturinstitution mit Weltrang, die höchsten Ansprüchen genügen müsse. Statt Argumenten, exekutiere man einfach nur Politik, ergänzt Architekt Oswalt noch. Ähnlich sieht es die Magdeburger Grünen-Fraktionschefin Claudia Dalbert.

"Ich glaube das ist zu sehen in einer ganzen Reihe von Handlungen dieser Landesregierung. Alle, die sich versuchen mit sachlichen Argumenten innerhalb der Landesregierung mit der Politik auseinanderzusetzen, werden zum Schweigen verurteilt, oder gleich entlassen."

Die Dessauer Bauhausstiftung, die dieses Jahr die Geschäftsführung des gesamten Bauhaus-Verbundes innehat, wird ab 1. März von Interimsdirektor Matthias Puhle geleitet, dem Abteilungsleiter Kultur im sachsen-anhaltischen Kultusministerium. Damit wird nach Ansicht externer Beobachter, die Autonomie der Stiftung außer Kraft gesetzt. Das sei – so hört man unter der Hand – ein durchaus ungewöhnlicher Vorgang, der einer rechtlichen Prüfung bedürfe. Auch dass man mit Puhle, einen Historiker ins Haus hole, zeige, dass man die Musealisierung der Bauhausstiftung Dessau weiter vorantreiben wolle.

"Es gibt gewisse Tendenzen, die wir auch so lesen. Man kann Formulierungen der Ausschreibungstexte so lesen, man kann interne Diskussionen auch so verstehen. Das hat sich nie so explizit mitgeteilt, aber manches teilt sich auch nicht explizit mit."

Leidenschaftlich fürs Bauhaus

Der knapp zwei Meter große Philipp Oswalt wirkt bei all diesen Dingen dennoch erstaunt aufgeräumt, bisweilen kampfeslustig. Und hastet immer noch durchs Haus, nimmt bei jedem Gang zwei Stufen auf einmal. So als ob er gar nicht wahrhaben wolle, dass ab Samstag Schluss ist. Als könne er nicht lassen, von seiner Leidenschaft Bauhaus.

"Ich habe mich durchaus beworben, um für die Haltungen und Positionen einzustehen. Aber darüber haben ja dann andere zu entscheiden."

Ob Philipp Oswalt in der Auswahl der letzten fünf Bewerber ist, die der Stiftungsrat dieser Tage in die engere Auswahl genommen hat, dazu wollte heute jedoch keiner was sagen. Beim thüringischen Partner, der Klassikstiftung Weimar wünscht man sich jedenfalls, mit dem Netzwerker Oswalt weiterzuarbeiten. Dort hat man 2011 ähnliches ja schon mal erlebt, doch konnte sich der abgesetzte Direktor Hellmut Seemann am Ende wieder durchsetzen. Ob das in Dessau auch passieren wird, es sieht derzeit danach nicht aus. Dennoch: Einen Wunsch hat Philipp Oswalt noch:

"Ich würde mich freuen, wenn das Angedachte, aber auch An-Entwickelte nicht im Papierkorb landet."

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