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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2010

Abrechnung mit wissenschaftlichen Scharlatanen

Ben Goldacre: "Wissenschaftslügen", Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2010, 419 Seiten

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Wer glaubt, ein Medikament eingenommen zu haben, dem geht es oftmals tatsächlich besser. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Wer glaubt, ein Medikament eingenommen zu haben, dem geht es oftmals tatsächlich besser. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Experten in weißen Kitteln versprechen uns wundersame Errettung vor Übergewicht, Kopfschmerzen, blutenden Zähnen, Gedächtnisschwund, faltiger Haut und zahlreichen anderen Kümmernissen. Die Wirkungen sind angeblich alle wissenschaftlich bewiesen. Doch in den vielen Fällen sind diese Beweise das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Das jedenfalls behauptet der englische Arzt und Medizinjournalist Ben Goldacre in seinem Buch "Wissenschaftslügen".

Seine Methode, wissenschaftliche Scharlatane und Hochstapler zu entlarven, ist so einfach wie effektiv und überzeugend. Er schlägt zum Beispiel kleine Experimente vor, die beweisen, dass die medizinische Wirkung nur der Einbildung entspringt oder einem ganz natürlichen physikalischen Phänomen, das mit der angeblichen Heilkraft nichts zu tun hat.

Beispiel: Entgiftungspflaster aus Reformhäusern. Nachts auf den Fuß geklebt, enthalten die kleinen Beutel am nächsten Morgen einen zähen braunen Belag. Angeblich Toxine aus dem Körper. Goldacre schlägt nur vor, auf die Pflaster ein wenig Wasser zu tropfen und sie unter eine heiße Teetasse zu kleben. Zehn Minuten später hat sich brauner Schlamm gebildet. Kein Wunder, denn die Pflaster enthalten Holzessig und der zieht Feuchtigkeit an und bildet dann eine braune Masse.

Nun sind Experimente mühsam und aufwendig. Ben Goldacrse Goldstandard für Wirksamkeit ist denn auch der Doppelblindversuch. Dabei wissen weder der Arzt noch der Patient, ob das Medikament, das verabreicht wurde, tatsächlich den Wirkstoff enthält oder nur aus Zucker besteht. Verbessert sich die Gesundheit derjenigen Patienten deutlich, die den Wirkstoff tatsächlich bekamen, beweist dies seine Wirksamkeit.

Ausgeschlossen werden soll damit der sogenannte Placeboeffekt. Wer glaubt, ein Medikament eingenommen zu haben, dem geht es oftmals tatsächlich besser. Der Erfolg lässt sich messen. Kopfschmerzen zum Beispiel verschwinden. Ein echtes medizinisches Phänomen. Das Gehirn schüttet dieselben biochemischen Verbindungen aus, wie sie durch echte Medikamente mobilisiert werden. Für Ben Goldacre erklärt der Placeboeffekt zahlreiche ansonsten objektiv nicht nachweisbare Wirkungen wie zum Beispiel die der Homöopathie oder vieler anderer alternativer Heilmethoden, die in Doppelblindstudien versagen.

Das klingt nun theorieüberladen und kompliziert, ist aber bei Ben Goldacre alles andere als trocken oder schwer verständlich. Ihm gelingt das Kunststück, in wenigen Sätzen wissenschaftlichen Humbug zu entlarven. So erklärt er unter anderem, mit welchen Tricks die Pharmaindustrie unwirksamen Mitteln geschickt Wirkung unterschiebt. Da wird dann etwa nur die Studie erwähnt, die ein positives Ergebnis erbrachte, die Studien mit negativem Ergebnis lässt man unter den Tisch fallen. Ihr Fett bekommt auch die Nahrungsmittelindustrie ab, die mit gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen wirbt, aber dafür ebenfalls keine überprüfbaren Beweise vorlegen kann.

Auch wenn viele der Beispiele aus dem englischen Alltag stammen, wird hierzulande mit den gleichen Methoden betrogen. Nur tragen die Mittel andere Namen. Ben Goldacre klärt auf und das ausgesprochen amüsant und eloquent. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, nennt Unsinn Unsinn und Betrüger Betrüger. Er zeigt zudem, dass oftmals der gesunde Menschenverstand reicht, um die falschen Versprechen zu entlarven. Nach der Lektüre seiner scharfzüngigen Abrechnung mit den Wissenschaftslügen wird man jedenfalls nicht mehr so leicht auf die Versprechen der Experten in Weiß hereinfallen.

Besprochen von Johannes Kaiser

Ben Goldacre: Wissenschaftslügen - Wie uns Pseudo-Wissenschaftler das Leben schwer machen
Aus dem Englischen Irmengard Gabler
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010
419 Seiten, 9,95 Euro

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