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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.12.2019

Abrahamsens "Schneekönigin" in MünchenIn der Psychiatrie statt in der Märchenwelt

Von Franziska Stürz

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Kay, gespielt von Thomas Gräßle, mit nacktem Oberkörper. Ihm gegenüber: Gerda, gespielt von Barbara Hannigan. Sie streckt ihre Arme nach ihm aus und berührt seine Brust. (Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)
Hans Abrahamsen hatte Barbara Hannigans (im Bild rechts) Stimme im Sinn, als er die Oper "Schneekönigin" schrieb. (Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Nach der Uraufführung in Kopenhagen feierte Hans Abrahamsens "Schneekönigin" an der Bayerischen Staatsoper Deutschlandpremiere. Andreas Kriegenburg verlegt die Handlung in eine Psychiatrie. Ziemlich ernüchternd, meint unsere Kritikerin Franziska Stürz.

Regisseur Andreas Kriegenburg verlegt an der Bayerischen Staatsoper "die Schneekönigin" in eine Nervenheilanstalt und lässt ein positives Ende des Märchens von Hans Christian Andersen um Gerda und ihren geliebten Freund Kay in der Schwebe. Die Erstaufführung von Hans Abrahamsens erster Oper in englischer Sprache an der Bayerischen Staatsoper liefert als Weihnachtsneuproduktion trotz Kunstschnees auf der krankenhausweißen Bühne und trotz hervorragender musikalischer Leistungen wenig Erbauliches, und das passt zum verbitterten Spielzeit-Motto "Kill your darlings".

Hochkarätiger Gesang

Barbara Hannigan in der Rolle der Gerda beweist erneut ihr enormes darstellerisches Potenzial gepaart mit hochkarätigem Gesang, ebenso wie Rachael Wilson als Kay und der differenziert singende Chor der Bayerischen Staatsoper.

Cornelius Meister am Pult des Bayerischen Staatsorchesters setzt auf die schwebenden, retardierenden Klänge in Abrahamsens Komposition, horcht alle Facetten heraus, jedoch die dramatischen Momente bleiben auch aufgrund der sterilen Atmosphäre auf der Bühne bisweilen auf der Strecke.

Verkopft statt sinnlich 

Krankenschwestern werden zu sprechenden Blumen und Engelsfiguren, Infusionsständer begleiten die sprechenden Tiere auf der Bühne. Das Märchenhafte kommt in der Münchner Version der "Snow Queen" eindeutig zu kurz, und es ist erstaunlich, wie stark die kalte, nüchterne Optik dieser Albtraumversion des Märchens auch die Wirkung von Abrahamsens Musik beeinflusst. Was bei der opulent-verspielten Uraufführung in Kopenhagen expressiv und sinnlich wirkte, hinterlässt hier einen verkopften Eindruck.

Dennoch zeigen die beiden vollkommen gegensätzlichen Interpretationen des neuen Werkes, dass Abrahamsens Märchenoper eine enorme Bandbreite an Interpretationen ermöglicht, dass sie trotz ihrer komplexen Partitur auf vielfältige Weise anzusprechen vermag und es wert ist, im zeitgenössischen Opernrepertoire etabliert zu werden.

"The Snow Queen" von Hans Abrahamsen
Inszenierung: Andreas Kriegenburg
Mit Barbara Hannigan in der Rolle der Gerda

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