Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Samstag, 19.10.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.01.2009

Abgewürgt

Das Berliner Schloss hat die Ausstellung der Wettbewerbsentwürfe schon wieder geschlossen

Von Nikolaus Bernau

Podcast abonnieren
Der Siegerentwurf des italienischen Architekten Francesco Stella für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. (AP)
Der Siegerentwurf des italienischen Architekten Francesco Stella für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. (AP)

Die Ausstellung mit den Wettbewerbsentwürfen für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses hat ihre Pforten geschlossen - nach nur einem Monat und trotz der sensationellen Besucherzahl von 35.000. Schluss also mit der öffentlichen Debatte um einen Wettbewerb, der wie keiner anderer an historischen Vorgaben klebte. Weil die Fassaden im Neu-Barock auferstehen sollen.

Nun ist also die Ausstellung mit den Wettbewerbsarbeiten doch geschlossen worden. Und nach allem, was man bisher weiß, soll sie auch geschlossen bleiben. Welch eine Feigheit vor dem Publikum. Denn das Besucherbuch zeigt viel Unzufriedenheit mit der Wahl des Preisträgers Franco Stella, die einen wollen mehr Schloss, die anderen wollen mehr Moderne.

Aber wenigstens hat endlich die breite Debatte über das Humboldt-Forum einen Anker gefunden, an dem sie sich abarbeiten kann. Zwar gab es da so manche Schauerlichkeit zu sehen. Wer hat im Hamburger Großbüro GMP bloß die Kaufhausfassade entworfen, die man sich als Ostabschluss des "Schlosses" vorstellt?

Und der Münchner Stefan Braunfels den historischen barocken Innenhof des Schlosses einfach umdrehen, so dass ein Dresdner Palais entsteht. Aber die Spree ist eben wirklich nicht die Elbe.

Nun sollen alle diese Stilblüten wieder in der Versenkung verschwinden. Dabei unterstrichen sie nur: Der Wettbewerb für den Berliner Schlossplatz war bestenfalls zweitklassig, oft sogar nur drittklassig. Dennoch ist kaum anzunehmen, dass der Bundestag von seiner Schlosskulissenleidenschaft abrücken wird.

Dazu haben sich die Abgeordneten zu sehr festgelegt, nicht zuletzt dadurch, dass sie den ökonomisch und ökologisch genau so wie historisch unsinnigen Abriss des Palastes der Republik billigten. Der hat übrigens, das am Rande, inzwischen dreimal soviel gekostet wie es uns Steuerzahlern einst versprochen worden war.

Seis drum. Mit dem vor vier Wochen von einer erstklassig besetzten Jury ausgewählten Gewinner des Wettbewerbs, dem Italiener Franco Stella, hat man jemanden gefunden, dessen Projekt genug Spielraum zu bieten scheint, um die leidige Fassadenfrage zu versöhnen mit der Nutzung des Gebäudes hinter der Fassade.

Und dieses Humboldt-Forum kann ja wirklich begeistern: Die bedeutenden Museen außereuropäischer Kunst und Kulturen, die seit 1945 in den Berliner Vorort Dahlem verbannt sind, sollen mit der ähnlich bedeutenden Berliner Zentralbibliothek zu einem ganz neuartigen, lebendigen, modernen Kulturzentrum vereinigt werden. Weltkultur im Berliner Stadtzentrum - das wäre etwas.

Doch sind eben die Kalkulationen des Bundesbauministeriums für dieses Projekt schlichtweg illusorisch. Um die Kosten auf eine politisch genehme Summe zu reduzieren, zwang Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee nämlich die staatlichen Museen, ihre Platzkalkulation um ein Drittel zu kürzen. Und die Berliner Zentralbibliothek musste sogar zwei Drittel ihrer Platzforderung streichen.

Nur so konnte die ursprüngliche Bausumme von 670 Millionen Euro auf die nun veranschlagten 552 Millionen Euro gedrückt werden. Aber mit einem so gebauten Humboldt-Forum würden keine Nöte gelöst, sondern nur neue geschaffen werden. So müsste sich die Zentralbibliothek auf Dauer damit abfinden, eine Dezentralbibliothek mit drei Standorten zu sein.

Für die bedeutendste deutsche Volksbibliothek ein unhaltbarer Zustand. Und die Museen hätten dann gerade so viel Ausstellungsfläche, wie sie jetzt schon haben. Sie könnten also wieder nicht ihre ganzen Schätze zeigen.

Tiefensees Kalkulation ist in jeder Hinsicht eine Luftnummer. Das Humboldt-Forum muss größer werden als die von ihm erzwungenen 40.000 Quadratmeter, schon, weil ein so kostbares Grundstück optimal ausgenutzt werden muss. Tiefensees Kostenplanung von 552 Millionen Euro nehmen allenfalls sehr naive Abgeordnete ernst, wenn es 150 Millionen Euro mehr werden, können wir froh sein.

Das Humboldt-Forum würde dann etwa soviel kosten wie die neue Zentrale für den Bundesnachrichtendienst. Keiner, der sich jemals mit Bauplanungen beschäftigt hat, geht davon aus, dass schon 2010 gebaut werden kann, wie es Wolfgang Tiefensee allerorten verkündet. Es gibt ja noch nicht einmal einen Vertrag mit dem Architekten.

Und Franco Stellas Planungen werden erheblich überarbeitet werden müssen. Die Museen brauchen statt der von ihm vorgeschlagenen kleinen Kammern große Hallen für ihre Boote und Häuser, die Bibliothek große Lesesäle, die Ostfassade ist schlichtweg grausig mit der langen toten Reihung von Loggien - zumal sie nach Nordosten weisen und also immer im Schatten liegen werden.

Aus all diesen Gründen muss also gestritten werden. Und dazu brauchen wir die Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten. Noch besser: Das Bundesbauministerium sollte sie zu einer Wanderausstellung umarbeiten, um in der ganzen Republik für das Projekt Humboldt-Forum zu werben.

Bestürmen wir also unsere Bundestagsabgeordneten mit Anrufen und Mails, dass sie sich für eine weiter Öffnung der Ausstellung und eine Wanderausstellung einsetzen. Das Humboldt-Forum ist schließlich keine lokal Berliner, sondern eine gesamtdeutsche Angelegenheit.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsThe Great Nowitzki in Frankfurt
Dirk Nowitzki steht anlässlich der Buchpräsentation von "The Great Nowitzki" bei einem Fototermin im Schauspielhaus. Das Buch wurde vom deutschen Autor Thomas Pletzinger verfasst, der links neben ihm steht. (picture alliance/Silas Stein/dpa)

In der „FAZ“ wird über die Anziehungskraft des zurückgetretenen Basketball-Profis Dirk Nowitzki gestaunt. Als dieser auf der Frankfurter Buchmesse seine Biographie vorstellt, reichen „die Warteschlangen für Signaturen dreimal durchs ganze Foyer“.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur