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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 24.04.2019

Abgehört durch Amazon und Co.Endlich interessiert sich jemand für mich!

Ein Einwurf von Peter Glaser

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Ein Junge spricht in den Lautsprecher Echo Dot von Amazon, ein Mädchen mit geschlossenen Augen ihm gegenüber hat den Kopf auf den Tisch gelegt. (dpa / picture-alliance)
Lauschangriff durch Amazons Echo Dot: Angst davor, abgehört zu werden? Ach, komm!, beschwichtigt Autor Peter Glaser. (dpa / picture-alliance)

Amazon lässt Dialoge mit Alexa transkribieren. Google verbaut in seiner Alarmanlage ein Mikrofon. Das schürt Überwachungsängste. Doch statt der Paranoia zu erliegen, sollten wir uns freuen, dass uns endlich mal jemand zuhört, meint Autor Peter Glaser.

In einer Vitrine am Bürgersteig ein Reklameplakat mit einer lächelnden Frau, die ein Buch auf dem Kopf balanciert wie ein Model. "Schreib! Dein! Buch!", donnert einem dazu eine Imperativ-Kaskade entgegen. "Tu’s! Nicht!", möchte man ihr entgegenrufen, aber es interessiert ja niemanden, was ich so zu rufen habe.

Es hört ja keiner mehr zu.

"Alles ist schon einmal gesagt worden", soll der französische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger André Gide gesagt haben, "aber da niemand zuhört, muss man es immer von neuem sagen", so Gide.

Was ja auch Goethe schon gemeint haben dürfte, als er schrieb: "Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken." Wobei er möglicherweise die Stelle im Alten Testament kannte, an der es heißt "Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne."

Schon Goethe fürchtete das "Maschinenwesen" der Moderne

Goethe aber hat wohl auch geahnt, dass diese Sicht zu pessimistisch ist. "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich", schreibt er in "Wilhelm Meisters Wanderjahre", erschienen 1821 – "es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen."

Und zwar beispielsweise in Form von Amazons akustischem Flaschengeist Alexa, der in einem Lautsprecher namens Echo wohnt. Ein künstlich intelligenter Assistent, der, wie sich gerade herausgestellt hat, gar nicht so künstlich intelligent ist wie die Marketingabteilung tut.

Es ist nämlich die natürliche Intelligenz von Hunderten Amazon-Mitarbeitern, die sich Aufzeichnungen mit teils missverständlichen Anweisungen an das sprachgesteuerte Stück Hardware anhören müssen, um dessen Erkennungsquote zu erhöhen. Mit dem Wort "Alexa" etwa weckt man das Maschinchen aus dem Lauerschlaf.

Hört uns Alexa ab oder hört uns Alexa zu? 

Allerdings reagiert Alexa manchmal auch auf Worte, die sich so ähnlich anhören wie "Alexa", jedenfalls für einen Computer, der in einem Schallwellengebräu hektisch bestimmte Muster zu erkennen versucht.

Dann sind plötzlich die Mikrofone eingeschaltet, ohne dass der Nutzer es beabsichtigt hätte. Sofort schnappt wie eine gigantische Mausefalle die Standardparanoia zu: "Ich werde abgehört!"

Das ist Käse.

Denn, seien wir uns doch mal ehrlich: Fühlen wir uns nicht geradezu gestreichelt, wenn uns endlich jemand aufmerksam und redlich interessiert zuhört? Im Internet ist man nicht mehr nur berieselter Empfänger wie bei Steinzeitmedien à la TV, man ist zugleich auch Sender. Und genau das ereignet sich: eine Kommunikationskakofonie. Jeder gibt seinen Senf dazu. Was etwa bei Blogs dazu führt, dass alle nur noch schreiben wollen und keiner mehr liest.

In Wahrheit wollen wir Unerhörten alle verewigt werden

Angst davor, abgehört zu werden? Ach, komm!

Das ganze Feuilleton und wir alle - wir Unerhörten! - warten doch nur darauf, dass die NSA endlich die sechsmilliardenbändige Gesamtausgabe des mitgeschnittenen Weltgeschwätzes herausbringt und wir den wuchtigen, nur aus unseren persönlichen Äußerungen transkribierten Band wie ein dickes Baby in Händen halten. Jemand interessiert sich wirklich für mich, in einer Zeit, in der immer mehr Unternehmen Algorithmen zum Einsatz bringen, die immer perfekter so tun können, als ob sie sich für mich interessieren würden.

Dagegen sind Geheimdienstler echt bio. Observieren heißt in Österreich übrigens einfach nur, dass der Kellner die leergegessenen Teller wieder mitnimmt.

Peter Glaser, Schriftsteller (privat) (privat)Peter Glaser ist Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Bachmann-Preisträger und begleitet seit drei Jahrzehnten die Entwicklung der digitalen Welt. Er selbst schreibt über sich: "1957 als Bleistift in Graz geboren. Lebt als Schreibprogramm in Berlin." Er twittert als @peterglaser und bloggt in der "Glaserei" für die Neue Zürcher Zeitung. 

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