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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.12.2013

AbgedrehtDie Beliebigkeit allerdünnster Einfälle

"Das Weiße vom Ei" von Christoph Marthaler am Theater Basel

Von Christian Gampert

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Regisseur Christoph Marthaler, während der Fotoprobe zu Leos Janaceks Oper "Die Sache Makropulos" am Freitag, 05. August 2011, im Grossen Festspielhaus in Salzburg (picture alliance/dpa/apa/Barbara Gindl)
Regisseur Christoph Marthaler (picture alliance/dpa/apa/Barbara Gindl)

Wenn jemand schon im Titel ankündigt, er werde eine hübsche Nichtigkeit, eine kleine Schaumschlägerei veranstalten, und wenn er dann noch Christoph Marthaler heißt, dann sind die Erwartungen natürlich besonders hoch. Denn Marthaler ist der Großmeister der Nebensachen, der Schlafsaal-Depression, die dann plötzlich in abgedrehte Komik umschlägt.

Allerdings hat Marthaler in den letzten Jahren eine seltsame Entwicklung genommen: immer mehr hat er sich in seinen eigenen, spinnerten Kosmos eingelullt und eine Schar getreuer Geister um sich geschart, die mit ihm singen und springen, hüpfen und lachen und dumme Sachen machen. War sein Theater Ende der 1980er-, Anfang der 90er-Jahre noch ein anarchischer Gegenentwurf zur politischen Korrektheit und postmodernen Verzettelung, so ist heute davon nur die komische Trance und manchmal eben auch die Albernheit übriggeblieben.

Bisweilen ist er noch politisch, so wie kürzlich in Wien, als er den im KZ umgebrachten jüdischen Komponisten die Ehre erwies; aber bisweilen ist sein Theater zum puren Selbstzweck geworden.

So wie jetzt in Basel. Anna Viebrock, bekannt für die leeren Räume, hat diesmal ein völlig vollgestopftes Intérieur hingestellt, ein großbürgerliches Wohnzimmer des Second Empire, das mit teuren Möbeln, Porträts im Goldrahmen, Spiegeln, Nippes und afrikanischen Skulpturen vollgestellt ist und wo die Zeit- und Realitätsebenen schön durcheinander geraten: Der Kamin ist eigentlich ein Tresor, Töchterchen zupft noch züchtig und pantomimisch die Harfe, während andere schon ein Kofferradio als Weltempfänger einschalten. Nützt aber nicht viel.

Das Spielmaterial stammt weitgehend von dem Pariser Vielschreiber des 19. Jahrhunderts, Eugène Labiche. Es geht um die Einfädelung einer Heirat in prüden Bürgerkreisen und natürlich ums Geld, das dabei verschoben wird. Zuckerbäckersohn hofiert Arzttochter, die spinnerten Eltern kurbeln kräftig mit, und Marthaler lässt die unklaren Familienverhältnisse hübsch zweisprachig exekutieren.

Dass Marthaler in seinen eigenen Abenden keine stringente Dramaturgie verfolgt, kann man ihm nicht vorwerfen, das war schon immer so. Die Beliebigkeit allerdings, mit der allerdünnste Einfälle aneinandergereiht werden, nimmt nunmehr bedrohliche Ausmaße an. Der Abend könnte auch heißen: Was Christoph Marthaler schon immer mal gern machen wollte. Zum Beispiel: Es spielt ein Radio, und aus dem Lautsprecher kommt tatsächlich Brei heraus. Oder: Ein Schauspieler mimt hingebungsvoll einen Schnarchenden. Dann wird ihm eine sogenannte Schnarchentwöhnungsmaschine appliziert, woraufhin das Schnarchen zum Fiepen wird. Danach betätigt er das Furzkissen. Oder: Einer singt was von "La cigarette après l'amour", und die Angebetete sagt dann: je ne fume pas.

Ein Wachsfigurenkabinett bewährter Bühnenkräfte

So ist der ganze Abend, unheimlich lustig, aber in der Häufung von Blödheiten auch sehr nervend. Das Bürgertum, das Marthaler in seiner Skurrilität, Einsamkeit und Verschrobenheit auseinandernimmt, gibt es nicht mehr. Es gibt nur die Marthaler-Family, ein Wachsfigurenkabinett bewährter Bühnenkräfte, das vom Regisseur zu pantomimischer Kiefergymnastik und zum Kampf mit den Dingen animiert wird, mit Stühlen und Waschzubern, Hirschgeweihen und Maigret- bzw. Magritte-Pfeifen.

Die Familiengeschichte der geplatzten und dann doch noch in die Spur kommenden Heirat ist Vorwand für eine tragikomische Nummernrevue, die sich vom intellektuellen Niveau mehr an Loriot, Laurel and Hardy, Mr. Bean oder Freddie Frinton orientiert als, wie früher, an Beckett, Bunuel und Fernando Pessoa.

Der verdiente Graham Valentine spricht Gedichte und trägt hochsymbolisch Tiere über die Bühne, Raphael Klamer kämpft mit Stühlen, es wird gestottert und gelispelt und minimalistisch Schnute gezogen: eine total verkünstelte Welt, die halt nicht das Gelbe vom Ei ist.

Und wenn dereinst Christoph Marthaler als der neue Freddie Frinton durch unsere Neujahrsstuben flackert, vielleicht mit Nikola Weisse als Miss Sophie, dann werden wir alle rufen: Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn. Aber es wird vergebens sein. 

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