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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.11.2013

AbfallvermeidungFlasbarth: Verbraucher sollen mehr langlebige Produkte kaufen

Präsident des Umweltbundesamtes fordert Kostenpflicht auch für dünne Plastiktüten

Jochen Flasbarth im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes (Umweltbundesamt)
Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes (Umweltbundesamt)

Das Hauptproblem für die Abfallentstehung sei eine "neue Ex- und Hopp-Mentalität" der Verbraucher, die immer mehr kurzlebige Billigprodukte kauften, sagte Jochen Flasbarth. Eventuell müsse der Gesetzgeber hier eingreifen und beispielsweise die Garantiezeit verlängern.

Korbinian Frenzel: Machen wir zu viel Müll? Wahrscheinlich denken da die meisten instinktiv: Nein, eigentlich nicht, gerade im Vergleich zu früher. Wer nimmt schon noch die Plastiktüte an der Supermarktkasse. Wer aber mal ehrlich überlegt, was sich da alle so ansammelt, wie viele Joghurtbecher, wie viele Verpackungen und Plastikflaschen zum Beispiel, der kann es nicht ganz leugnen. Wir haben da nach wie vor ein Problem, auch wenn wir dieses Problem heutzutage fein säuberlich in Säcke und Tonnen mit verschiedenen Farben sortieren. Heute beginnt eine Aktionswoche, die „Europäische Woche zur Abfallvermeidung“. Ein guter Anlass, darüber zu sprechen. Ich tue das mit dem Präsidenten des Bundesumweltamtes, mit Jochen Flasbarth. Guten Morgen!

Jochen Flasbarth: Schönen guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Ich hab's gesagt, wir Deutschen sind ja sehr gut im Trennen unseres Mülls. Lenken wir uns vielleicht dadurch davon ab, dass wir nach wie vor schlicht und einfach zu viel Müll produzieren?

Flasbarth: Wir lenken uns dadurch nicht davon ab. Das ist ja gut, dass wir recyceln, dass wir Müll trennen, und dafür muss man es überhaupt erst mal einsammeln. Aber es ist schon so, wie Sie sagen. Gleichwohl steigt auch das Abfallaufkommen der Einwohner von 441 Kilogramm im Jahr 1999 auf 527 Kilogramm im Jahr 2010, also um noch mal ungefähr 100 Kilogramm pro Jahr und Einwohner drauf. Und das ist etwas, wo man ansetzen muss – wie schaffen wir es eigentlich, insgesamt weniger Müll hinter uns zu lassen?

Frenzel: Lassen Sie uns noch mal kurz über das Mülltrennen reden, bevor wir über das Weniger sprechen. Macht denn diese Mülltrennung eigentlich Sinn? Ich frage das, weil ja über die Hälfte dessen, was in der gelben Tonne landet, also in dem Recyclingmüll, dann nicht recycelt wird, sondern in der Müllverbrennungsanlage landet.

Flasbarth: Insgesamt ist das eine richtige und gute Sache, und man sollte mit den Aussagen sehr vorsichtig sein, am Ende landet das ja doch irgendwo alles und wird nicht recycelt. In der Tat, es geht auch Einiges in die Müllverbrennung, das liegt aber daran, dass wir in Deutschland seit 2005 nichts mehr deponieren dürfen. Es darf nichts unbehandelt mehr auf große Müllkippen geworfen werden. Und das ist sehr, sehr gut, weil von dort aus sehr viel Methangas entstanden ist, eines der ganz bedeutsamen Klimagase. Und es ist gut, dass wir sowohl mehr recyceln heute als auch nicht mehr einfach auf die Müllkippe werfen, sondern verbrennen.

Frenzel: Aber es liegt auch daran, wenn ich dem Naturschutzbund glauben darf, dass Verbrennen einfach sehr viel billiger ist als Recyceln. Verbrennen kostet 30 Euro pro Tonne, Recyceln 90 Euro. Brauchen wir vielleicht verbindliche Recyclingquoten, damit das geändert wird?

<h4>Wertvolle Stoffe gehen im Recyclingprozess häufig verloren</h4>Flasbarth: Wir haben verbindliche Recyclingquoten, die werden in Deutschland auch eingehalten. Da geht noch mehr, das ist auch richtig, in diese Richtung zu arbeiten. Vor allem müssen wir auch ein qualitativ hochwertigeres Recycling bekommen. Es macht ja keinen Sinn, das immer nur auf die niedrigste Stufe hinunter zu recyceln, oder wenn man bei Elektrogeräten guckt, dass uns die wertvollsten Stoffe, seltene Metalle, Gold und so weiter im Recyclingprozess häufig verloren gehen.

Frenzel: Noch besser als einschmelzen und wiederverwerten ist natürlich bei Flaschen zum Beispiel, sie einfach wieder aufzufüllen, das gute alte Mehrweg. Nun wissen wir ja alle, wie das ist. Da sammeln sich ganz Tüten, da geht man dann irgendwann los, muss mindestens drei verschiedene Läden ansteuern, weil nicht alle alles nehmen. Und dann hat man am Ende klebrige Hände und 2,30 Euro in der Tasche. Brauchen wir eine neue Pfandregelung?

Flasbarth: Die Pfandregelung greift ja. Wir haben vor allem erreicht, das ist überhaupt gar keine Flaschen in der Landschaft herumliegen. Es ist wahr, die Mehrwegquoten sind gleichwohl etwas nach unten gegangen. Das liegt auch daran, dass eben das Recycling von Plastikflaschen so sehr viel besser geworden ist als noch vor zehn Jahren und wir im Bundesumweltamt immer weiter feststellen, dass sich die Ökoqualität von Plastikflaschen noch nicht bei der von Mehrwegflaschen befindet, sich ihr aber immer weiter annähert. Ich glaube, hier müssen wir auch noch etwas weiter gucken, vielfach würde man gar keine Flasche brauchen. Wasser aus unseren Wasserhähnen ist in Deutschland so gut, mancherorts sogar besser als das aus Flaschen. Also insofern gibt es da eine Möglichkeit, Geld zu sparen, viel Geld zu sparen und gleichzeitig den Müll zu reduzieren.

Frenzel: Aber wenn wir noch mal auf die Frage der politischen Regelungen kommen – können wir denn damit zufrieden sein? Ich hab manchmal den Eindruck, wenn ich unser Müllsystem, den Umgang damit angucke, dass die Gesetze, die das regeln, von der Verpackungsindustrie gemeinsam mit der Abfallwirtschaft geschrieben wurden. Wir haben mehr Verpackungsmüll, der zwar irgendwie recycelt oder auch verbrannt wird, und nicht weniger. Und wir haben ein Pfandsystem, das eigentlich nicht wirklich attraktiv ist. Brauchen wir da nicht Neuordnung?

Flasbarth: Es gibt verschiedene Bereiche, wo ich mir mehr wünsche. Aber es ist vielleicht ein bisschen zu einfach, das alles auf die Industrie und auf den Gesetzgeber abzuschieben. Es sind am Ende auch einzelne Konsumentscheidungen. Wenn wir mal ein bisschen von der Verpackung weggucken, dann ist unser Hauptproblem heute die Kurzlebigkeit von Konsumgütern. Es muss billig sein. Und da spiegelt sich eine neue Ex-und-hopp-Mentalität wider. Also bei den Verbrauchern auch auf mehr Langlebigkeit zu achten. Und in der Tat, wenn das sich im Trend nicht verändert, dann muss auch der Staat weiter nachdenken, beispielsweise Gewährleistungspflichten, also, wie lange hat man Garantie letztendlich, zu erhöhen.

Frenzel: Die EU-Kommission hat ja den Kampf aufgenommen gegen die Plastiktüte. Ist das der richtige Ansatz oder geht es eigentlich gar nicht so sehr um die Plastiktüte?

Flasbarth: Ja, das ist schon auch ein Stück symbolisch, jedenfalls bei uns. In vielen anderen Ländern ist das noch ein größeres Problem. Insgesamt haben wir ein riesengroßes Problem mit Meeresmüll. Meeresplastikmüll. In Deutschland haben wir das in den Jahren schon eindämmen können, weil wir die Plastiktüten im Supermarkt ja nicht kostenlos bekommen, es gibt eine sogenannte Bezahlpflicht. Und hier hat das Umweltbundesamt schon dafür plädiert, den Gedanken der EU aufzunehmen und auch in Deutschland für die kleineren Tüten, diese fuddeligen Tüten, dafür auch eine Bezahlpflicht einzuführen. Das sind nämlich die, die wir an den Spülsäumen der deutschen Ost- und Nordseeinseln immer häufiger finden.

Frenzel: Heute beginnt ja nun die Woche zur Abfallvermeidung. Wenn wir mal ganz konkret gucken auf den Wochenendeinkauf, der jetzt vielleicht bei einigen ansteht – was können Sie denn empfehlen? Wie können wir Abfall vermeiden?

Flasbarth: In der Tat, das fängt bei der Tüte an. Manchmal kann man ja auch einfach den Korb mitnehmen oder jedenfalls Tüten häufiger verwenden. Insgesamt mehr auf Mehrweg achten, ist sicherlich auch eine gute Empfehlung. Das, was ich eben sagte, Langlebigkeit ist das Schlüsselwort. Der Versuchung zu entgehen; ein schnelles Ex-und-hopp-Produkt für wenig Geld vielleicht doch eher liegen zu lassen und dafür auf Langlebigkeit zu achten.

Frenzel: Empfehlungen von Jürgen Flasbarth, dem Präsidenten des Bundesumweltamtes. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Flasbarth: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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