Abdulrazak Gurnahs Nobelpreisrede

Anschreiben gegen den täglichen Rassismus

07:22 Minuten
Der Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah steht vor einem Pflanzendickicht mit den Händen in den Hosentaschen und lächelt in die Kamera.
Schreiben und Lesen hören für ihn nie auf, ein Vergnügen zu sein, sagt Abdulrazak Gurnah. © picture alliance / AP / Frank Augstein
Marten Hahn im Gespräch mit Sigrid Brinkmann · 07.12.2021
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In seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises zeichnet Abdulrazak Gurnah seinen Weg zum Schriftsteller nach. Entwurzelung, eine Revolution und alltäglicher Rassismus spielen dabei eine Rolle.
Einen Tag, nachdem ihm im Haus der schwedischen Botschafterin in London die Medaille des Literaturnobelpreises überreicht wurde, hielt Abdulrazak Gurnah die traditionelle Rede zur Preisverleihung.
"Das war eine fast rein autobiografische Rede, eine 15-minütige literarische Selbstauskunft", sagt Literaturkritiker Marten Hahn. Gurnah habe erklärt, wie er zu dem Autor wurde, der er heute ist: "Er hat seine eigene Geschichte erzählt."

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Seine Reise zur Literatur begann Gurnah in den 1950er-Jahren auf Sansibar, der Insel, auf der er geboren wurde.

"Das spätere Schreiben und Lesen war geordnet im Vergleich zur wahllosen Erfahrung der Jugend, aber es hörte nie auf, ein Vergnügen zu sein, und war kaum jemals ein Kampf. Allmählich wurde es jedoch zu einer anderen Art von Vergnügen. Das erkannte ich jedoch erst, als ich nach England zog, um dort zu leben."

Abdulrazak Gurnah

Eine prägende Erfahrung für Gurnah sei die Revolution auf Sansibar im Jahr 1964 gewesen, sagt Hahn. Drei Jahre später, Gurnah ist grade 18 Jahre alt, flüchtet er nach England.

Unvergessene Revolution

"An diese Gräueltaten der Revolution in Sansibar erinnerte er sich. An die wollte er sich immer erinnern, er wollte nicht vergessen und wollte auch nicht, dass andere das vergessen", so Hahn. Zunächst habe Gurnah die Geschichte für sich ordnen wollen und dann wollte er sie aufbewahren, sagt Hahn: "Das war einer der Gründe, warum er angefangen hat zu schreiben."

"In der Mitte der 1960er-Jahre trat ein umfassendes Chaos in unser Leben, dessen Recht und Unrecht durch die Brutalitäten verdeckt wurden, die mit den Veränderungen der Revolution von 1964 kamen: Verhaftungen, Hinrichtungen, Vertreibungen und endlose kleine und große Demütigungen und Schindereien."

Abdulrazak Gurnah

Die Erfahrung der Entwurzelung, die Gurnah nach seiner Flucht nach England macht, verändert sein Schreiben, so Hahn: "An einer Stelle sagt er, Heimweh und die Qualen des Lebens in der Fremde, haben ihn über Dinge nachdenken lassen, über die er vorher nie so genau nachgedacht hat. Da begann für ihn eine neue Art des Schreibens".

Alltäglicher Rassismus

In England erlebte Gurnah Rassismus. Er passte nicht in die Geschichte, die die weiße britische Mehrheit über sich selbst erzählte. "Da seien die rassistischen Witze im Fernsehen gewesen, die Feindseligkeiten bei alltäglichen Begegnungen, in Geschäften, Büros und im Bus", sagt Hahn.

"Ich konnte nichts gegen diese Wahrnehmung tun. Aber je mehr ich mit größerem Verständnis zu lesen lernte, um so mehr wuchs der Wunsch, gegen die selbstbewussten Zusammenfassungen von Menschen anzuschreiben, die uns verachteten und herabsetzten."

Abdulrazak Gurnah

Die britische Regierung hat Gurnah noch nicht zum Literaturnobelpreis gratuliert. Der Präsident von Tansania, zu dem Gurnahs Geburtsinsel Sansibar heute gehört, hingegen schon.
"Viele andere Staaten würden sich mit so einem Nobelpreisträger schmücken. Das sagt viel über das Selbstverständnis der derzeitigen konservativen britischen Regierung. Das darf man durchaus befremdlich finden", sagt Hahn.
(beb)
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