Seit 14:05 Uhr Kompressor
Freitag, 05.03.2021
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.04.2016

Abbildung der geistigen GegenwartZur Funktion des Genres "Feuilleton-Debatte"

Von Arno Orzessek

Podcast abonnieren
Der Philosoph Jürgen Habermas (dpa / picture alliance / Simela Pantzartzi)
Der Philosoph Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk führten eine Debatte, die als "Hysterikerstreit" bekannt wurde. (dpa / picture alliance / Simela Pantzartzi)

Keine Debatte kommt ohne grelle Rhetorik aus. Wissenschaftliche Nüchternheit ist kaum unterhaltsam - erreicht also nicht die Massen. Die Feuilleton-Debatte ist eine Schleuse zwischen Gelehr­ten­stuben und Öf­fent­lichkeit geworden, meint unser Autor Arno Orzessek.

Wer das Genre "Feuilleton-Debatte" loben will, darf von den Zumutungen nicht schwei­gen. Denn ganz oh­ne Animositäten, circensische Momente und grelle Rhe­torik kam noch keine De­batte aus.

Andererseits verbürgen die Nebengeräusche den Unterhaltungs-Wert und steigern so die Reich­wei­te. Zu Aufsätzen, die vom großen Publikum gern beim Früh­stück konsumiert werden, passt eine ge­wis­se Er­regung ja allemal besser als wissenschaftliche Nüchternheit.

Beispielhaft der aggressive Zwist um die Gen­technologie zwischen Jürgen Habermas und Peter Slo­terdijk Ende der 90er-Jahre, auch bekannt als "Hysterikerstreit". Es schien, als ginge es in ers­ter Li­nie um die in­tel­lek­tu­el­le Platz­hirsch-Position in diesem Lande.

Popstar der Holocaust-Forschung und der Tom-Hanks-Faktor

Doch die Kontra­hen­ten und ihre Entouragen tauschten auch se­riöse Ar­gumente, und das machte die ele­men­tare ge­sell­schaft­liche Bedeutung des damals jun­gen Labor-Phä­no­mens Human-Gentech­no­logie weit­hin sicht­bar. Wer wollte, lernte mittels des Feuilletons, klug über die genetische Selbstge­stal­tung des Menschen zu spre­chen und die eigene Haltung zu prüfen.

Spätestens im Nachhinein erkennt man seismographische Qualitäten, wie sie auch dem wirkungs­mäch­tigen Historikerstreit 1986/87 und der Gold­ha­gen-De­batte zehn Jahre später eigen waren - trotz oder gerade wegen mancher bou­le­var­desken Züge.

Rasch galt der telegene Goldhagen als "erster Popstar der Holocaust-Forschung", um den So­zial­wis­sen­schaft­ler Al­fred Scho­bert zu zitieren. Vom "Tom-Hanks-Faktor" sprach Josef Joffe, damals Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung. Goldhagen selbst klagte, ihm werde vor­geworfen, "dass ich sym­phatisch bin".

"Volks­ge­mein­schaft der Gekränkten"

In der Sache zog sich Goldhagen viele überhebliche, auch ge­hässige An­würfe zu. Es hieß, er ig­no­riere ganze Biblio­theken von Fach­li­teratur und seine These vom "eli­mi­na­tori­schen An­tisemi­tis­mus" der Deut­schen kehre den beklagten Ras­sis­mus der willigen Vollstrecker bloß um.

Andere - zumeist linke - Publizisten behaupteten alsbald, die bitteren Reaktionen auf Goldhagens Buch seien ein Abwehr-Reflex und wür­den das Fort­le­ben apologetischer Ten­den­zen entlarven. Der Historiker Kurt Pät­zold spot­tete über "die Volks­ge­mein­schaft der Gekränkten und Beleidigten".

Wie fast immer sorgten diejenigen für Niveau, die sich nicht aufs krawallige 'Pro oder Contra' ein­ließen, sondern Goldhagens Methoden und Argumente sezierten - etwa  Hans-Ulrich Weh­ler. Der Bie­le­felder Historiker, mittlerweile verstorben, drängte aus guten Grün­den da­rauf, das Buch zu le­sen - und kritisierte es aus genauso guten Gründen scharf.

Der Status quo der Schuldfrage

So erschlossen sich den Feuilleton-Lesern fachliche Dif­fe­ren­zie­run­gen. Um­gekehrt unter­suchten Wissenschaftler die Debatte als wich­tiges Symp­tom deutschen Ge­schichtsbewusstseins.

Kurz: Die Feuilleton-Debatte, die auf viele Zeitschriften und Magazine aus­griff, wurde zur Schleuse zwischen Gelehr­ten­stuben und Öf­fent­lichkeit - eine wertvolle Funktion...

Die 2014 auch beim Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Tragen kam. Vor dem Hintergrund der dicken, gewiss nur von Wenigen komplett gelesenen Werke etwa von Chris­topher Clark, Her­fried Münkler und Jörn Leonhard verdeutlichte die Feuilleton-Debatte nicht zu­letzt den Status quo in der Schuldfrage, die lange Zeit zu Ungunsten Deutschlands geklärt zu sein schien.

Solche Feuilleton-Debatten bilden nicht weniger ab als die geistige Gegenwart.

Mehr zum Thema

Plädoyer für Debatten mit politischen Gegnern - Eine Replik auf 140 Netz-Reaktionen zum "AfD"-Kommentar
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 01.03.2016)

"Das dramaturgische Quartett" feiert Premiere - Kritikerrunde empfiehlt sich nicht zur Nachahmung
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 23.11.2015)

Politischer Journalismus in Deutschland - Zweifelhafte Macht
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 06.07.2015)

Literaturkritik-Debatte - Der Kritiker verlässt den Richterstuhl
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 06.07.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

Rhythmen im GehirnDie Erforschung der Hirnwellen
Darstellung von mehreren übereinanderliegenden Gehirnwellen im Elektroenzephalogramm (EEG), vor einem bunten Hintergrund. (imago images / agefotostock)

Das Gehirn erzeugt Schwingungen. Je nach Rhythmus werden sie mit unterschiedlichen Funktionen und Bewusstseinszuständen assoziiert. Doch ihre Erforschung ist schwierig. Wie kann die Beeinflussung von Hirnwellen bei der Behandlung von Krankheiten helfen? Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur