Die Taubenzucht hat in Ländern des Nahen und Mittleren Ostens eine lange Tradition. Im Gebiet des heutigen Iraks begann man bereits vor 6000 Jahren, Tauben zu domestizieren. Und in Afghanistan ist „Kaftarbaazi“, die Taubenzucht zur Entspannung, ein lebendiges kulturelles Erbe.
Tauben am Himmel als Trost
Auch den jugendlichen Protagonisten im neuen Roman von Abbas Khider erfüllt es immer wieder mit tröstlicher Zufriedenheit, wenn er vom Dach des Elternhauses seine Tauben aufsteigen sieht und ihre Runden am Himmel verfolgt.
Die Schwärme inszenieren ein lebendiges Gemälde: ein Tanz vollkommener Harmonie. Kein Wunder, das man unser Viertel den 'Taubenpalast' nennt. Auf jedem vierten Dach steht ein Taubenschlag. Unsere Dächer sind mehr als Dächer – sie sind Treffpunkte, Vogelheime, Rückzugsorte.
Es sind lebenswichtige Rückzugsorte in einer Stadt, die unter der Herrschaft des sogenannten Kalifats steht, einer islamistischen Diktatur, wie sie etwa von IS-Anhängern errichtet wurde. Abbas Khider benennt keinen konkreten Ort, er gibt keine Zeit an, in die er seine Geschichte bettet. Das ist folgerichtig, denn die vermeintlich gottgewollte Ordnung, gleich ob in Raka oder Kabul, wird immer als gleich totalitär und bedrückend empfunden von denen, die noch an individuelle Freiheitsrechte glauben.
Religiöse Gesänge vom Band
Noah, der Taubenzüchter, ist fast 15. Er erlebt, wie im Basar die Restaurants statt klassischer Musik religiöse Gesänge vom Band spielen müssen, wie die Ladenbesitzer ihre Auslagen und ihr Sortiment umsortieren, gezwungen, alles, was nicht mehr erlaubt ist, zu verbrennen.
Drei Männer in schlichten uniformartigen Gewändern stehen mit Gewehren an den Schultern um das Feuer herum. Ihre Haltung ist starr, ihre Blicke sind streng, eine Aura absoluter Macht umgibt sie. Zigarettenstangen, Poster und Kleidungsstücke werden in die Flammen geworfen. Niemand schreit, niemand protestiert. Es ist ein Schauspiel, dessen Premiere alle erwartet haben – der Tag, an dem die Reinheit des Glaubens alle unislamischen Farben und Formen verschlingen soll.
Auch Noahs Vater ist betroffen. Die Schaufensterpuppen seines Ladens müssen religionskonform bekleidet werden. Frauenhaare, Gesichter und Haut auf Verpackungen übermalt Noah mit schwarzem Marker.
Das Schwärzen der Gesichter ist eine merkwürdige Aufgabe. Grotesk. Onkel Ali sagte neulich, dass die Mudschahedin mehr Angst vor Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine. Er hat recht, denke ich.
Der Junge nimmt die Veränderungen des Alltags mit Beklemmung, Unverständnis und zunehmender Angst wahr. In der Familie findet er Halt, in kleinen ironischen Bemerkungen, im unausgesprochenen Einverständnis. Doch sein Vater hat resigniert, Mutter und Schwester dürfen nicht mehr arbeiten, der Schwager, Polizist bei der Vorgängerregierung, wurde verhaftet.
Der Onkel raucht und trinkt heimlich
Auch sein Onkel Ali muss auf Geheiß der Ordnungspolizei sein Caféhaus schließen. Ali wird zur prägenden Figur für Noah. Er raucht nun heimlich, trinkt heimlich und schreibt heimlich. Erklärt dem Jungen die Geschichte des Landes, zeigt auf, wie sich die politischen Verhältnisse verändert haben, und weiß auch, warum Noahs älterer Bruder, über den niemand sprechen will, zu den Mudschahedin übergegangen ist. Überdies ist Onkel Ali wie Noah Taubenzüchter, auch das verbindet.
Die Verhältnisse, unter denen die Familie lebt, werden im Laufe der Handlung immer bedrohlicher. Manchmal immerhin schimmert Sarkasmus oder Ironie durch, mitunter deuten auch Überschriften der meist nur wenige Seiten umfassenden Kapitel eine Distanz zum Geschehen an.
Der Raum wird immer enger
Insgesamt aber wird der Raum, in dem Noah sich entfalten kann, immer enger. Das Misstrauen zwischen den Menschen wächst, Unsicherheit, Verbote und Gewalt nehmen zu. Schließlich wird der Junge Zeuge der Steinigung einer Frau.
Ohne zurückzublicken dränge ich mich durch die Menge und laufe davon. Ich kehre nach Hause zurück, steige auf das Dach und setze mich neben den Taubenschlag. Regenbogen, meine treue Täubin, kommt näher. Ich sehe sie an und sie sieht zurück. Weiß sie, wie es mir geht, wenn sie sieht, dass ich weine?
Die Sprache dieses Romans ist schlicht, sein Umfang nicht üppig. Und dennoch ist es ein großer Roman. Gerade in seiner Einfachheit, dem Knappen, Unpathetischen liegt das Herzzerreißende. Unausgesprochen verbinden sich Motive: Treue, Vertrauen, Schönheit, Liebe, Freiheit. Darum geht es, obwohl sie nicht im Vordergrund stehen dürfen.
Naivität als literarische Waffe
Khider schreibt sie dem Text quasi zwischen den Zeilen ein. Die Naivität wird hier zur literarischen Waffe: Mit dem unschuldigen Blick des jungen Noah beleuchtet und beklagt der Autor den Zustand einer ganzen Gesellschaft.
Der Roman endet nicht gut. Noahs Zukunft ist ungewiss, seine Gegenwart die einer Taube, deren Schwungfedern beschnitten wurden. Die Islamisten verbieten den freien Flug aus Angst, die Tauben könnten heimliche Botschaften übermitteln.
Khider, ein Meister in der humorvollen Beschreibung ernster Situationen, fällt in diesem Roman das poetische Lächeln schwer. Und dennoch ist es da - am Himmel: Liebespaare, Akrobaten und Musiker mit Flügeln.
Gemeinsam erhoben sie sich, umkreisten das Haus in sanften Bahnen. Ihr Flug war ein Tanz, ein Bekenntnis zur Treue. In ihrer Verbundenheit sah ich etwas Geheimnisvolles, etwas, was mir kein Mensch je so klar zeigen konnte.