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Tonart | Beitrag vom 26.02.2018

90. Geburtstag von Fats DominoEin Strahlen wie ein Scheinwerfer der Seele

Von Laf Überland

Der Urvater des Rock'n Roll, Fats Domino, Foto vom 19.11.1993. Lange bevor die Musik ihren Namen erhielt spielte sie Fats Domino bereits. Er komponierte rund ein Dutzend Rock'n Roll-Standards, brachte insgesamt 66 Songs in die Pop-Charts, verkaufte weltweit über 60 Millionen Schallplatten und konnte 23 Mal Gold für seine Singles einheimsen. Seit seinem neunten Lebensjahr spielt der in New Orleans geborene Musiker Klavier.  (dpa / picture alliance / Matthias Ernert)
Fats Domino: er gilt als Urvater des Rock ’n’ Roll. (dpa / picture alliance / Matthias Ernert)

Er habe den Rock ’n’ Roll erfunden, sagen viele. Doch das war Fats Domino egal. Mit seiner typischen Musikmischung aus New Orleans wollte er vor allem die Leute unterhalten und zum Tanzen bringen. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden.

Antoine Domino Jr. wuchs auf im unteren 9. Bezirk von New Orleans, einer ärmlichen, aber fröhlichen Gegend in der Multikulti-Stadt der Lebensfreude am Mississippi. Als Antoine zehn war, kaufte seine Familie ein altes Klavier, auf dem er so lange zu den Grammophonplatten übte, bis sie ihn in die Garage verbannten. Sein Schwager, ein Jazzgitarrist, brachte ihm die Grundzüge der Musik bei, während der Junge, nach vier Jahren von der Schule genommen, Eisstangen für Kühltruhen auslieferte, Sprungfedern in Matratzen einsetzte, Autos reparierte oder in der Kneipe seines Cousins hinterm Tresen stand. Als er mit 19 auf einem Hinterhofbarbecue spielte, hörte ihn einer der unzähligen Bandleader der Stadt, heuerte ihn an und verpasste ihm diesen Spitznamen Fats – offiziell weil er da schon spielen konnte wie Fats Waller, vielleicht aber auch, weil er bei 1,65 bereits 220 Pfund wog.

Und dann ging alles ziemlich schnell: Seine erste Single für eines dieser kleinen Independent-Labels, die schwarze Musik rausbrachten, hieß 1949 "The Fat Man" und verkaufte eine Million Kopien. In den Fünfzigern verkaufte Fats Domino mehr Platten als Chuck Berry, Little Richard und Buddy Holly zusammen – nur Elvis setzte noch mehr ab.

Der Groove aus New Orleans

Der Trick von Fats Domino und seinem kongenialen Partner beim Songschreiben, seinem Trompeter Dave Bartholomew, waren simple Melodien mit griffigen Akkordwechseln. Aber vor allem war ihr Rhythmus magnetisch: Fats mischte die stampfend-wogende Bordellmusik des Boogie-Woogie mit dem Groove der traditionellen Straßenpartys, der sogenannten Second Line, mit diesen neckisch verschleppenden Synkopen, die viel später dann als Funk bekannt wurden. Und Fats linke Hand rollte dabei wie der Mississippi über die tiefen Tasten, und oben schäkerten die Rechte mit Triolen. Und dazu sang Fats mit dieser weichen kreolischen Stimme und grinste ins Publikum und strahlte wie ein Scheinwerfer der Seele - er konnte aber auch strahlen, dieser Mann! Und alles, was er wollte, war - nein, keinen Aufstand der Jugend, keinen Generationenkonflikt. Die Leute sollten sich freuen und tanzen: Nawlins-Style eben ... dass er damit den Rock ’n’ Roll erfand, verstand er selbst nicht.

Doch als dann die Britische Invasion ab 1962 Amerika überflutete und Dominos Hits abrissen, weigerte er sich, zumindest live, nur einen Ton an seinem Zeug zu ändern, spielte weiter mit der jazzmäßigen Bläserbigband hinter sich, während im Rock eigentlich längst die scheppernden E-Gitarren die Töne angaben - bis 1996, als man ihn in England von der Bühne direkt ins Krankenhaus brachte, weil er bei seinem klassischen Showgag, mit dem dicken Bauch den Flügel über die Bühne zu schubsen, keine Luft mehr gekriegt hatte.

Von der Popwelt ins Museum abgeschoben

Danach verließ Fats Domino New Orleans kaum noch, holte sich nicht mal seine Grammys ab, trat bei lokalen Festivals auf und lebte ansonsten mit seiner Frau Rosemary in einem supermoderen Haus, aber im unteren 9. Bezirk in seiner alten Nachbarschaft - bis dann Katrina kam und auch sein Haus wegspülte.

Und danach, so heißt es, sei er immer dünner geworden: 2008 starb Rosemary; Fats blieb noch neun Jahre länger. Im letzten Oktober starb er dann auch; aber da hatte die Popwelt außerhalb von Nawlins ihn längst als Kuriosität ins Museum verfrachtet: einen Mann, der voller Unschuld und mit breitem Grinsen einfach nur Freudemachen will mit seinem Spiel – wer braucht denn so was?

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