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Sein und Streit | Beitrag vom 11.09.2016

9/11 und die PhilosophieChiffre für die Ohnmacht der Aufklärung

Von Arno Orzessek

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Die Türme des brennenden World Trade Center in New York am 11. September 2001 (picture-alliance / dpa)
Die Türme des brennenden World Trade Center in New York am 11. September 2001 (picture-alliance / dpa)

"Es wird nichts mehr so sein, wie es war", behaupteten "FAZ" und "Bild" am Tag nach 9/11. Stockhausen sprach vom "größten Kunstwerk" und die "New York Times" teilte die Welt in ein Vorher und Nachher ein. Bedeutete der Angriff auf das World Trade Center wirklich eine welthistorische Zäsur?

Kaum nötig zu sagen: Der antike römische Philosoph Lukrez konnte von der Glotze, die 9/11 spä­ter zu einem globalen Gemeinschaftsereignis machen würde, noch nichts wissen.

Er wusste aber einiges über Zuschauer-Psychologie.

Lukrez behauptete, es sei "süß", vom festen Ufer aus die Seenot anderer zu beobachten, und eben­falls "süß", einer Schlacht von sicherer Warte aus zuzusehen.

Wollte Lukrez Schadenfreude anpreisen? Nein, es ging ihm, wie Hans Blumenberg in "Schiffbruch mit Zuschauer" gezeigt hat, um das selbstbewusste Verhältnis des Philosophen zur tumultuösen Wirklichkeit. Und näher um den Vorzug, so Blumenberg, "einen unbetreffbaren festen Grund der Weltsicht zu haben".

Im Original flötete Lukrez, am süßesten sei es angesichts des Unberechenbaren, die "wohlbefestig­ten heitern Tempel innezuhaben, erbaut durch die Lehre der Weisen." Nicht nur Montaigne sah's ge­nauso. Gelassenheit heißt das Programm.

Stockhausen: "Dagegen sind wir gar nichts"

Am 11. September 2001 indessen war es auf beispiellose Weise vorbei mit jeder Gelassenheit à la Lukrez. Gebannt hingen Unzählige tagelang vor den Bildschirmen, auf denen immerzu die Türme einstürzten. Das Fernsehen wurde ein Teil des Attentats, und im Aufruhr zerbarst bei vielen die Or­ientierung.

Oder mit Lukrez: "Es lahmt der Geist, es faselt die Zunge, es wankt der Sinn!"

Allen voran: Karlheinz Stockhausen. Der philosophisch gebildete Komponist bemerkte zu dem Massenmord:

"Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. [...] Dagegen sind wir gar nichts."

Mit Abstand brachte Slavoi Zizek die ungeheure Wirkung, die von der traumatisierenden Live-Situ­ation ausging, auf die Formel:

"Nicht die Realität ist in unsere bildliche Vorstellung eingedrungen, sondern das Bild ist in unsere Realität eingedrungen und hat sie zerschmettert."

Eben deshalb hieß es sofort, 9/11 sei eine welthistorische Zäsur.

"Es wird nichts mehr so sein, wie es war", behaupteten am Tag danach die "Frankfurter Allgemeine" und die "Bild"-Zeitung unisono. Laut "New York Times" war die Weltgeschichte mit den Türmen in Vorher und Nachher zerfallen.

Dass ein derart tollkühner Terror-Plan gelingen konnte, rückte die Kontingenz alles Geschehens jäh ins Bewusstsein.

Chomsky: vorhersehbare Folge impe­rialistischer US-Politik

Doch als sich die durchgeschüttelten Denker auf die Lukrezsche Besinnung besannen, wurde der In­terpretation von 9/11 als welthistorischer Zäsur durchaus widersprochen.

Linke wie Noam Chomsky sahen in 9/11 im Gegenteil eine geradezu vorhersehbare Folge der impe­rialistischen Politik der USA.

Heute scheint der Tag des Angriffs, an dem die Menschheit vom Außerordentlichen angefasst wur­de, hinter seinen politisch-kriegerischen Konsequenzen zu verblassen. In Stichworten: Afghanistan, Irak, Al Quida, Syrien, IS.

Mag sein, dass in der Philosophie nach 9/11 der postmoderne Relativismus nachgelassen hat – be­hauptet wird's jedenfalls. 

Angesichts des waltenden Terrors scheint sich die Wirklichkeit indessen nach dem orthodoxen Freund-Feind-Schema und als Kampf der Kulturen zu vollziehen.

Wiglaf Droste: "Fliegende Architekturkritik"

Und nicht die progressiven, die konservativen Denker scheinen im Weltdeutungsgeschäft vorn zu liegen. 9/11 ist auch zur Chiffre für die Grenzen, wenn nicht die Ohnmacht der Aufklärung gewor­den.

Man kann's natürlich lockerer sehen. Zehn Jahre danach lästerte der Autor und Sänger Wiglaf Droste, 9/11 sei "die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik".

Ob Lukrez diese Haltung "süß" gefunden hätte? Wer weiß.

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