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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.02.2020

75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens"Die Rechten stellen diese ganze Geschichte infrage"

Peter Grohmann im Gespräch mit Ute Welty

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Rosen liegen auf dem Altmarkt in Dresden an einer Gedenkstätte, die an die Opfer der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg vor 75 Jahren erinnern soll. (Robert Michael / picture alliance/dpa)
Rosen liegen auf dem Altmarkt in Dresden an einer Gedenkstätte, die an die Opfer der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg vor 75 Jahren erinnern soll. (Robert Michael / picture alliance/dpa)

Der Kabarettist Peter Grohmann hat als Kind die Bombardierung Dresdens überlebt. Je älter er werde, desto schwerer werde es, mit dem Erlebten umzugehen, sagt er. Neben Albträumen belasteten ihn Weltkonflikte, Terrorismus und Nationalismus.

Ute Welty: 900 Tonnen Spreng- und Brandsätze – damit beginnt das Bombardement auf Dresden heute vor 75 Jahren. Peter Grohmann überlebt das Inferno von damals. Er wird mit seiner Familie verschüttet und später schreibt er seine Erlebnisse eindringlich und unpathetisch auf.

Peter Grohmann ist heute 82, er ist Kabarettist, Autor, Aktivist und er ist auf dem Weg nach Dresden, um heute zu gedenken. Ich wollte von ihm wissen, wie wichtig ihm die Erinnerung heute ist.

Peter Grohmann: Eigentlich wichtiger denn je, denn wir sind ja immer schnell im Vergessen, und die alten Zeitzeugen sterben zunehmend aus – also müssen die, die sich noch erinnern, jetzt noch mal richtig ran und in ihrem Gedächtnis kramen und ihre Stimme erheben, wo auch immer.

Welty: Es gibt ja nicht wenige Stimmen, die sagen, 75 Jahre danach muss es kein großes Gedenken mehr geben. Was meinen Sie dazu?

Grohmann: Es gibt ja in Dresden zwei große Lager oder drei große Lager. Das eine Lager, das die alten Helden ehren will oder ehren muss, die deutschen Toten, die 20.000, 25.000, die in diesen Bombennächten umgekommen sind. Der andere Teil sind die Menschen, die aus den Fenstern schauen oder hinter den Gardinen stehen, damals wie heute. Und ein weiterer Teil geht auf die Straße und nimmt diesen Tag zum Anlass, laut zu werden gegen Rassismus, Nationalismus und gegen Krieg.

"Die Rechten stellen diese ganze Geschichte infrage"

Welty: Rechnen Sie auch damit, dass rechte Gruppen die Erinnerung kapern?

Grohmann: Ja, was heißt kapern, die sind ja schon feste dran. Nicht erst diesmal, wo am Samstag diese großen Demonstrationen sind, sondern insgesamt, die nehmen das zum Anlass, weil sie sagen: Das sind die Kriegsverbrechen der Alliierten, die einfach totgeschwiegen werden, die ganzen Opferzahlen stimmen nicht. Also die Rechten, die Nationalisten, stellen diese ganze Geschichte infrage. Und sie werden natürlich die Gelegenheit nutzen, auf der Straße zu sein.

Welty: Was geht verloren, wenn das offizielle Gedenken nachlässt?

Grohmann: Die Frage ist natürlich immer, was heißt offizielles Gedenken? Viele Menschen gehen ja für sich zum Trauern hin oder mischen sich in der Gesellschaft kritisch ein oder sind einfach da. Und dieses offizielle Gedenken hat ja immer so eine komische Seite, wenn die Bundespräsidenten auftauchen, die Kanzlerin auftaucht, die Ministerpräsidenten auftauchen, die ganze Gedenk-Hautevolee. Das ist ein bisschen auch eine Schau, denke ich doch. Und da sträube ich mich mit Händen und Füßen, dass man das so veroffizialisiert. Das ist bei anderen Themen ja auch ähnlich, Gedenkthemen, Kriegsthemen. Na ja, und dann ist wieder für ein Jahr Ruhe.

Welty: Das möchten Sie gerne verhindern, wenn ich Sie richtig verstehe?

Grohmann: Ja, ich denke, es kommt darauf an, dass man auch eine Haltung daraus zieht, also nicht dahin geht, um jetzt mit dabei zu sein und diese Menschenkette zu bilden oder was immer da geschieht, sondern eigentlich um im Alltag ein Stück weit zu zeigen, dass wir da sind als Zivilgesellschaft. Dass die Zivilgesellschaft sich erinnert, sich auch erinnern muss und sich immer erinnern wird, das ist bei Ausschwitz nicht anders, das ist bei Buchenwald nicht anders, Theresienstadt – und auch bei Dresden sicherlich.

Und dieses Erinnern muss natürlich Folgen haben, Folgen im Alltag für unser Handeln, uns in die Gesellschaft einzumischen, aufzustehen, laut zu sein. Und wenn wir das nicht können, aus welchen Gründen auch immer, dann irgendwo in einer anderen Weise für die Allgemeinheit tätig zu sein.

Welty: Sie waren und sind sehr aktiv als Kabarettist, als Autor, als Aktivist. Hat Ihnen das geholfen, das Erlebte zu verarbeiten oder mit dem Erlebten zu leben?

Grohmann: Es war immer schwer und es wird im zunehmenden Alter natürlich immer noch mal schwerer, weil diese Albträume, die kommen jetzt irgendwie, das bricht jetzt wieder auf, wenn man nicht mehr so stark im Berufsleben einbezogen ist wie früher, bricht das natürlich stärker auf in den Nächten – oder wenn Bedrohungen da sind von außen, wenn Konflikte in der Gesellschaft da sind, die man sozusagen nicht selbst bearbeiten kann, wenn dann das alles im Kopf rumgeht. Die Ereignisse jetzt oder Kriegsbedrohungen, diese ganzen Weltkonflikte, der Terrorismus, all das, auch der Nationalismus, diese ganzen Rechtstrends, dann ist man so ein Stück weit doch erinnert an das, was man erlebt hat, und das, was daraus gefolgt ist. Für uns war es natürlich die Flucht, der Verlust von Angehörigen in Ausschwitz, also all das, was sozusagen zum Krieg dazugehört, was man eine Weile dann ruhen lässt, in einem Teil des Leben ruhen lässt, und da ruht es auch, da ist es auch gut, da ist es aufgehoben, da ist es eingekesselt in der Seele, aber irgendwann kommt das dann doch wieder raus.

"Bis zuletzt die Hakenkreuzfahnen hochgehalten"

Welty: Dresden ist zum Symbol geworden für Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Was hat Dresden unterschieden von anderen Städten, auf die Luftangriffe geflogen wurden?

Grohmann: Das, was die Dresdener vergessen: Rotterdam ist beispielsweise ja auch bombardiert worden, auch London beispielsweise von deutscher Seite aus. Es ist vorher schon Guernica in Spanien bombardiert worden, das sind alles ganz schlimme Ereignisse. Die Militärs nehmen diese Städte sozusagen in Geiselhaft, indem sie sagen, wir brechen den Menschen moralisch das Rückgrat, denn sie wollten ja nicht nachgeben, die Deutschen wollten ja eben nicht die weiße Fahne heben, sondern haben noch bis zuletzt die Hakenkreuzfahne hochgehalten, bis zur letzten Minute. Das war in meiner Geburtsstadt Breslau nicht anders wie in Dresden. Ich glaube, wenn man Dresden erinnert und in diesem Kontext auch eben Rotterdam sagt und in diesem Kontext auch Ausschwitz und Theresienstadt, dann ist dieses Gedenken auch, wenn man so will, richtig.

Welty: Sie selbst haben in Dresden auch Anfeindungen erlebt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Grohmann: Das ist immer schwierig, weil man normalerweise davon ausgeht, wenn man angegriffen wird, dass man sich so auf der emotionalen Ebene auseinandersetzt, dass man mal schreien kann, dass man mal laut sein kann, unsachlich, wütend, all das, dass man über was anderes lachen kann. Aber manchmal nimmt das an Anfeindungen in einer Gesellschaft zu und wird stärker und bedroht einen auch sozusagen in seinem Haus, in seinen eigenen vier Wänden oder in dem, was man im Alltag tut jetzt als Kabarettist oder als halbwegs engagierter Zeitgenosse. Das sagt man ja eigentlich nicht von sich selber.

Aber ich fühle mich schon so als jemand, der sich auch einmischt. Und wenn man sich einmischt, muss man natürlich auch damit rechnen, ein paar auf den Kopf zu kriegen. Und in dem Moment, wo man die paar auf den Kopf auch tatsächlich kriegt, also nicht nur im Sinne einer wortreichen Auseinandersetzung oder so, sondern tatsächlich eine übergebraten kriegt, wird das natürlich anders, da ist man irritiert, als jemand, der eigentlich mit Wort, Kabarett und Heiterkeit versucht zu arbeiten oder die Menschen zu überzeugen, dann ist es ein bisschen schwieriger.

Man geht dann damit um, indem man sagt 'Na ja, das war einmal, ich bin jemand, den das zufällig trifft, andere trifft es viel schlimmer'. Wir sehen das heute auch an den Übergriffen, ob das jetzt Lokalpolitiker oder engagierte Leute sind, die dann, in Anführungszeichen, paar auf die Rübe kriegen oder wo es dann auch Angriffe gibt. Schlimm ist eigentlich eher, wenn die Gesellschaft das nicht wahrnimmt. Selber muss man das verarbeiten für sich, man hat die Solidarität von Freundinnen und Freunden, von Nachbarn, manchmal auch nicht in diesem Maße. Aber schlimmer ist, wenn die Gesellschaft das nicht wahrnimmt und sozusagen auf die Seite tut und sagt, wir wollen damit jetzt nichts zu tun haben. Dass man immer so ein bisschen die ganze Geschichte relativiert und sagt 'Ah ja, das geht auch wieder vorbei, Nazis gibt es immer'. Da sehe ich so eine größere Gefahr drin.

Ich meine jetzt nicht, dass man sagt 'Oh, du armes Opferchen' - das nicht, aber dass man gesellschaftspolitisch wahrnimmt, was ist in den Schulen, in den Universitäten falsch gelaufen oder warum ist es uns nicht gelungen, unsere Botschaft von einer besseren Welt, von einer friedlichen, toleranten, weltoffenen Stadt oder Städten bei den Menschen zu verankern, - in einer Weise zu verankern, dass man sagt, gut, das hat jetzt seine Wirkung.

Es ist doch heute so, fürchte ich, vielleicht übertreibe ich auch, vielleicht sehe ich auch zu schwarz, aber es ist doch so, dass das, was an Aufklärung da ist, was über viele Jahre lang über den Nazismus, über Nationalismus, Intoleranz gesagt wurde, dass das als Wissen in der Gesellschaft schwächer wird und dass auf der anderen Seite Intoleranz und Nationalismus und auch Gewalt und auch die Sehnsucht nach einer starken Hand stärker wird gesamtgesellschaftlich.

Welty: Was ist heute Heimat für Sie?

Grohmann: Heimat ist jetzt für mich, wo man meine Sprache spricht. Ich kann leider nur ein bisschen Russisch und wenig Englisch oder fast gar nicht Englisch. Und Heimat ist da, wo ich aufgehoben bin als Mensch, wo ich zu Hause sein kann, wo ich arbeiten kann, wo ich lachen kann, wo ich mich einmischen kann, wo man mir meine Meinung auch lässt. Und wo man diese Auseinandersetzung sucht und wo es auch eben hart zugehen kann, das ist meine Heimat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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