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Studio 9 | Beitrag vom 08.05.2020

75 Jahre nach dem Zweiten WeltkriegDiskussion um einen Gedenkort für vergewaltigte Frauen

Von Christiane Habermalz

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Henriette Reker sitzt in einem Saal und hört einer Rede zu. (imago images / Günther Ortmann)
Unterstützt einen Erinnerungsort in ihrer Stadt: Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. (imago images / Günther Ortmann)

Die Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale will einen Gedenkort für alle Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden – darunter die nach Schätzungen zwischen einer halben bis über zwei Millionen deutschen Frauen. Unterstützung erhält sie aus Köln.

Die Vergewaltigung von Mädchen und Frauen war ein Massenphänomen des Kriegsendes, mit dem die Opfer in den Nachkriegsgesellschaften in Ost und West meist alleine blieben. Vielfach wollten noch nicht einmal die eigenen Mütter hören, was ihren Töchtern widerfahren war, erklärt die Gynäkologin Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale:

"Das Leid der Frauen ist nicht gesehen worden, nicht anerkannt worden. Ganz im Gegenteil sind sie von ihrer eigenen Gesellschaft ausgegrenzt worden. Es gab für sie nie einen Platz im kollektiven Gedächtnis."

Das soll sich nun ändern. 75 Jahre nach Kriegsende fordert die Organisation einen nationalen Gedenkort in Deutschland für im Krieg vergewaltigte Frauen. Einen Erinnerungsort, so Hauser, "von dem aus auch eine ganz klare offizielle politische Anerkennung dieser Gewalt geht, das ist bisher noch nie offiziell erfolgt, und die Frauen haben ihr Schicksal gemeistert und haben Deutschland mit aufgebaut. Das ist etwas, was unbedingt der Heilung der ganzen Gesellschaft zuträglich wäre, wenn das endlich anerkannt und gewürdigt wäre."

An wen genau soll erinnert werden?

Ein solcher Erinnerungsort könnte möglicherweise bald in Köln entstehen. Denn Oberbürgermeisterin Henriette Reker unterstützt das Vorhaben. Über ein Konzept wird derzeit diskutiert. Mit einem öffentlichen Gedenkort "können wir dazu beitragen, einen Heilungsprozess in Gang zu setzen – für die betroffenen Frauen, aber auch für uns als Gesellschaft", erklärte die parteilose Politikerin.

Doch an wen genau soll erinnert werden? Nur an das Leid der deutschen Opfer – oder an das der Millionen Frauen aus allen Nationen, die auf den verschiedenen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs, im Holocaust oder in der deutschen Besatzungszeit auch von deutschen Wehrmachtssoldaten vergewaltigt wurden?

Geht es nach der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale soll in Köln aller Frauen gedacht werden, die damals und seitdem in Kriegen Opfer sexueller Gewalt wurden. Seit dem Bosnienkrieg 1993 setzt sich die Organisation weltweit in Kriegsgebieten für vergewaltigte Frauen und Mädchen ein – mit medizinischer, psychosozialer und rechtlicher Unterstützung.

Vor zwölf Jahren wurde sie für ihr Engagement mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Immer wieder macht die Organisation darauf aufmerksam, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen bis heute Bestandteil nahezu jeder kriegerischen Auseinandersetzung ist.

Erst seit 2008 ein Kriegsverbrechen

Doch erst im Jahr 2008 wurde Vergewaltigung von den Vereinten Nationen überhaupt als Kriegsverbrechen anerkannt. Oft wird sie gezielt als Waffe eingesetzt, um die Gegner zu demütigen und psychisch zu zersetzen. Mit fatalen Folgen für die betroffenen Frauen, ihr soziales Umfeld und die ganze Gesellschaft.

Viele der im Zweiten Weltkrieg vergewaltigten Frauen hätten noch 75 Jahre später Ängste und Panikattacken, die gerade in Pflegeheimen, in denen die Frauen von fremden Menschen gewaschen oder gepflegt werden, wieder aufbrechen, erklärt die Soziologin Karin Griese, Leiterin des Bereichs Psychotraumatologie bei Medica Mondiale. Die Pflegekräfte und Ärzte in Deutschland seien darauf oft nicht vorbereitet:

"Die Frauen werden dann als dement eingestuft, wenn sie sich ungewöhnlich verhalten. Dabei ist es oft zurückzuführen auf die traumatischen Erfahrungen, die sie gemacht haben."

Wut, Ängste und Schuldgefühle

Wo Gewalterfahrungen tabuisiert werden, leben sie in der Gesellschaft fort, prägen und belasten zwischenmenschliche Beziehungen über Generationen. Nicht selten werden sie als transgenerationales Trauma an die Nachfahren weitergegeben, erläutert Karin Griese. Selbst Schuldgefühle, Wut und Ängste können übertragen werden, ohne dass je über das Erlebte gesprochen worden sei:

"Manchmal treten dann bei Kindern Alpträume auf oder bei den jetzt erwachsenen Kindern, die gar nichts mit eigenen Erfahrungen zu tun haben, die aber noch mal belastende Erfahrungen von Eltern oder Großelterngenerationen darstellen. Das heißt, auch bei den Nachfahren sind diese Themen immer noch präsent."

Auch 75 Jahre nach Kriegsende ist die Massenvergewaltigung von Frauen und Mädchen nicht Geschichte. Ein öffentlicher Erinnerungsort an das millionenfache Leid könnte für die Opfer am Ende ihres Lebens vielleicht endlich eine Leerstelle schließen – und helfen, ein gesellschaftliches Trauma zu überwinden.

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