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Zeitfragen | Beitrag vom 12.05.2021

75 Jahre DEFADas Filmerbe der DDR wird wiederentdeckt

Von Christian Berndt

DEFA-Filmstudios in Neubabelsberg bei Potsdam: Requisiteur bei der Arbeit in einer Atelierhalle, 1990. (akg-images)
1990 wurde die DEFA in die DEFA-Studio Babelsberg GmbH überführt. (akg-images)

Ob "Spur der Steine", "Die Legende von Paul und Paula" oder "Solo Sunny": Der DEFA gelang es trotz permanenter Kontrolle durch die SED, immer wieder künstlerische Glanzpunkte zu setzen. Doch nach 1989 verschwand sie glanzlos von der Bildfläche.

"Wir haben heute einen Tipp für einen Film, den es noch gar nicht gibt. Der Film heißt "Coming Out", Regie führt Heiner Carow. Wir haben bei den Dreharbeiten mal zugesehen." 

So berichtet das DDR-Jugendfernsehen im März 1989 über den vorab bereits viel diskutierten Film und interviewt Regisseur Heiner Carow:

"Es ist genau wie ‚Paul und Paula‘ und ‚Bis dass der Tod euch scheidet‘ ein Film, der darüber erzählen soll, dass in unserer Gesellschaft jeder sein Leben so leben sollte, wie er leben möchte. Und ein Film darüber, dass, wenn ein Mann einen Mann liebt, die Liebe genauso tief und genauso problemreich sein kann, wie wenn ein Mann eine Frau liebt."

Premiere ist im Berliner Filmtheater "International", dem großen Premierenkino der DDR – am 9. November 1989. Am selben Abend fällt die Mauer, und die mit Spannung erwartete Premiere geht unter.

"Coming out" – eine deutsche Sensation

"Coming Out" von Heiner Carow ist der erste DEFA-Film, der das Thema Homosexualität in der DDR behandelt. Das Thema Homosexualität ist damals auch im westdeutschen Kino nur die Ausnahme und ein Nischenthema. "Coming Out" aber ist fürs große Publikum gemacht – eine deutsche Sensation:

"Da ist alles mit dabei, da waren auch die Stars mit dabei, die da mitgespielt haben, die hat man dann wiedererkannt. Es war tatsächlich als große Produktion gedacht", sagt der Filmwissenschaftler Sebastian Heiduschke von der Oregon State University in den USA.

Ende der Achtzigerjahre gibt es in der DEFA einen Aufbruch, kritische Themen und junge, experimentierfreudige Filmschaffende drängen nach vorne:

"Es sind viele Filmemacherinnen und Filmemacher zum Ende der DDR dann ja auch zum Zug gekommen. Aber es sind leider auch viele Filme sang- und klanglos untergegangen, haben nicht die Würdigung erhalten, die sie erhalten hätten sollen, weil eben die politischen Ereignisse über sie hinweggefegt sind", so Anna Luise Kiss, Medienwissenschaftlerin an der Filmuniversität Babelsberg.

Frühes Plädoyer für eine NS-Aufarbeitung

"Coming Out" bekommt immerhin noch den Silbernen Bären der Berlinale 1990, aber die DEFA-Filme danach gehen unter. Welch ein Kontrast zum furiosen Start der DEFA:

Mit ihrem ersten Film "Die Mörder sind unter uns" startet die DEFA 1946 das deutsche Nachkriegskino. Ein Soldat kehrt aus dem Krieg zurück und trifft seinen früheren Hauptmann wieder, der im Krieg die Erschießung unschuldiger Zivilisten befohlen hatte.

"Was wollen Sie? – "Ich fordere Rechenschaft, Herr Hauptmann Brückner." – "Wofür Rechenschaft?" – "36 Männer, 54 Frauen, 31 Kinder, Munitionsverbrauch 347 Schuss!" – "Da war doch Krieg, das waren doch ganz andere Verhältnisse. Was habe ich denn heute damit zu tun?"
(Aus: Die Mörder sind unter uns)

Der Film ist ein ausdrucksstarkes Plädoyer für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

"Dieser Film thematisiert nur ein Jahr, nachdem der Krieg zu Ende war, schon die Thematik der Mörder, die unter uns leben, der Kriegsverbrecher, die unbehelligt weiter ihre Geschäfte machen können", sagt Anna Luise Kiss.

Filmszene aus: “Die Mörder sind unter uns”, DEFA 1946. Regie und Buch: Wolfgang Staudte. Szene mit Hildegard Knef und Ernst Wilhelm Borchert. (akg images)Frühe Aufarbeitung des NS-Geschichte: Hildegard Knef und Ernst Wilhelm Borchert im DEFA Film “Die Mörder sind unter uns”. (akg images)

"Das ist für mich für eine filmgeschichtliche Epoche ein beeindruckender Aufschlag, wenn man sofort thematisch so sehr in die Vollen geht und die seelische Zerstörung durch Kriegstraumata thematisiert. Und das in dieser expressionistischen Kulisse, wo dieses zerstörte Berlin so abgebildet wird, wo wir über zahlreiche Details transparent gemacht bekommen wie in einem Röntgengerät, was für innere Wunden diese Menschen von sich getragen haben und wie lange sie auch in den nächsten Generationen damit zu tun haben werden."

Die Westalliierten lehnten den Filmstoff ab

Regisseur Wolfgang Staudte hatte seine Filmidee ursprünglich den westalliierten Filmoffizieren angeboten, wie er später erzählte:

"Bei den Amerikanern war der Filmoffizier, der sagte ganz lässig: Herr Staudte, in den nächsten fünf, sechs Jahren wird in diesem Lande überhaupt kein Film gemacht, und wenn, von uns!"

Die Westalliierten führen den Deutschen lieber ihre eigenen Filme vor. Nur der sowjetische Kulturoffizier ist interessiert.

"Die Sowjets haben durchaus auch ihre eigenen Filme gezeigt. Es ging nach 1945 sofort los, dass viele sowjetische Filme deutsch synchronisiert wurden und dann in die deutschen Kinos kamen", sagt Stefanie Eckert, Vorstand der DEFA-Stiftung.
"Es war aber auch so, dass zahlreiche sozialistische und kommunistische Filmemacher sich gemeldet und gesagt haben, wir wollen unsere eigene Filmproduktion starten."

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In der NS-Zeit war die Ufa – der verstaatlichte Filmkonzern – ein wirkungsvolles Propagandainstrument. Deshalb ist für die Sowjets die Kontrolle über einen neuen deutschen Film zentral wichtig. Schon im November 1945 laden sie Filmkünstler und Autoren ein, um über die Gründung einer deutschen Filmproduktion zu beraten. Das Zentrum der früheren deutschen Filmindustrie, die Ufa-Studios in Babelsberg, befindet sich in der Sowjetischen Zone. Am 17. Mai 1946 übergibt die sowjetische Militärverwaltung in einem feierlichen Akt in Potsdam-Babelsberg die Lizenz zur Filmproduktion an die neue Deutsche Film AG – kurz DEFA. Sie soll radikal mit der Ufa der NS-Zeit brechen:

"Die DEFA konnte ja in einem politischen Verständnis gar nichts anderes sein als eine Anti-Ufa", meint Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der 1950 zur DEFA gekommen ist.

"In der Frühzeit steckte noch ganz viel Ufa in der DEFA"

Die DEFA-Leitung besteht bei ihrer Gründung großenteils aus früheren Filmschaffenden des proletarischen Films der Weimarer Republik. Emigranten sind bis auf eine Ausnahme nicht dabei:

"Natürlich gab es eine ganze Reihe von deutschen Filmkünstlern im Exil, die meisten davon in den USA, die arbeiteten ja inzwischen für Hollywood. Aber die waren nicht greifbar, die waren auch nicht unbedingt bereit, jetzt ganz schnell nach Deutschland zurückzukehren. Man musste auf die zurückgreifen, die im Land waren."

Das gilt, so der Filmhistoriker und frühere Vorstand der DEFA-Stiftung, Ralf Schenk, auch für Regisseure wie Wolfgang Staudte, der im antisemitischen NS-Film "Jud Süß" mitgespielt hatte:

"In der Frühzeit steckte noch ganz viel Ufa in der DEFA. Das heißt, der Ufa-Stil mit seiner Ausleuchtung, seiner Dramaturgie blieb der DEFA noch eine ganze Weile erhalten."

Der melodramatische Ufa-Stil zeigt sich auch in Kurt Maetzigs DEFA-Film "Ehe im Schatten" von 1947, der als erster Film die Verfolgung der Juden thematisiert:

"Er ist zur Arbeit gegangen und seit drei Tagen nicht mehr zurück." – "Die Deportierungen gehen auch wieder los." – "Ich halte das nicht mehr aus." – "Wir haben doch niemandem was getan." – "Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr."
(Aus: Ehe im Schatten)

"Ehe im Schatten" und "Die Mörder sind unter uns" werden im Ausland als Zeichen für einen geistigen Wandel in Deutschland angesehen. Noch gibt es eine gesamtdeutsche Filmlandschaft, Staudte zum Beispiel lebt in West-Berlin und dreht im Osten.

Die DEFA-Filme der ersten Jahre sind getragen vom Geist der demokratischen Aufklärung, aber mit der Verschärfung des Kalten Krieges Ende der Vierzigerjahre stellt die SED nun sozialistische Propaganda in den Vordergrund.

Die Folge ist, "dass die DEFA sich in den frühen Fünfzigerjahren inhaltlich sehr verengte", erklärt Ralf Schenk. "Es ist eine der schlechtesten Zeiten der DEFA gewesen, so zwischen 1950 und 1952, 53, als die DEFA fast nur noch Agitations- und Propagandafilme dreht und jeder Film was von ‚Aufbau des Sozialismus‘ und etwas Agitatorisches an sich hatte."

"Stalin hat uns den Weg gezeigt. Sagt, wie sollen wir Stalin am besten danken? Wir gaben dieser Straße seinen Namen."
(Aus: Roman einer jungen Ehe) 

Ende der Vierzigerjahre postuliert die SED-Führung den ‚sozialistischen Realismus‘ für die DEFA. Fortan stehen künstlerisch ambitionierte Filme unter dem Verdacht des Formalismus – man wirft ihnen vor, die Form über den Inhalt und damit die sozialistische Botschaft zu stellen.

Aber es gibt Ausnahmen wie Staudtes Verfilmung von Heinrich Manns "Der Untertan" von 1951, der kunstvoll expressionistische Stilmittel einsetzt. Aber Staudte kann sich das erlauben und der Film wird ein Welterfolg.

Zugleich manifestiert sich an ihm die Spaltung des deutschen Films. In der Bundesrepublik wird der "Untertan" verboten: 

"Es gab in der Bundesrepublik diesen berühmten interministeriellen Ausschuss, der prüfte, ob osteuropäische und eben auch DDR-Filme Propaganda mit sich bringen", sagt Schenk.

Dem "Untertan" wird antiwestliche Propaganda vorgeworfen, weil der Film am Schluss in die Gegenwart wechselt.

"Nur auf dem Schlachtfeld wird die Größe einer Nation mit Blut und Eisen geschmiedet. – So rief damals Diederich Heßling und riefen nach ihm noch viele andere. Bis auf den heutigen Tag." (Aus: Der Untertan)

Erst aufgrund seines internationalen Erfolgs wird der Film 1957 in der Bundesrepublik zugelassen. Für Filmkünstler wie Staudte wird es in den Fünfzigerjahren immer schwieriger, zwischen Ost und West zu pendeln. Man verlangt von ihnen, sich für eine Seite zu entscheiden.

Vom italienischen Neorealismus geprägt

Nach dem Tod Stalins und dem Volksaufstand 1953 lockert sich in der DDR das künstlerische Klima – und eine neue Art von Filmen entsteht. Gerhard Kleins Film "Berlin – Ecke Schönhauser" zeigt 1957 eine DDR-Jugend, die sich beim Rock’n’Roll-Tanz austobt. Tagsüber lungern die Halbstarken auf der Straße herum und provozieren. 

"Da ist ‚Berlin – Ecke Schönhauser‘ ein ganz wunderbares Beispiel für diese frühe, vom italienischen Neorealismus geprägte Tradition, wirklich die Stadt einzufangen", so Anna Luise Kiss. "Das Berlin der Fünfzigerjahre wird sicht- und erlebbar. Weg aus den Studios, wirklich die Jugendlichen zu erleben, wie sie auf der Straße herumlungern, auch Sachen kaputtmachen, das kommentieren, was in der Öffentlichkeit passiert. Aber es wird eben auch ganz klar erzählt, dass es im öffentlichen Raum noch keinen Platz gibt für diese neue Generation, dass die an allen Ecken im Wortsinn mit Vorschriften konfrontiert werden."

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der wie viele DEFA-Filmleute feuriger Anhänger des Neorealismus ist, hat für den Film unter Jugendlichen recherchiert:

"Natürlich waren wir Puristen, das war die nicht bemerkbare Kamera. Es soll ja nicht aussehen wie Kino, sondern wie Leben, es soll Dokument sein, Wirklichkeit muss Wirklichkeit sein und so. Am Anfang hatten wir zum Beispiel eine gewisse Scheu, weil wir dachten, die Schauspieler spielen Theater. Das ist nicht das, was wir haben wollen."

Deshalb arbeitet man auch mit Laien. Aber in manchen Szenen - etwa wenn man die Jugendlichen nachts durch die Straßen streifen sieht – folgt der Film einer Hell-Dunkel-Zeichnung wie im expressionistischen Film. Und wenn die Halbstarken auf den Straßen stromern, denkt man ans amerikanische Kino der Fünfzigerjahre:

"Ein Amerikaner, der uns wichtig war, das war ‚Die Faust im Nacken‘ mit dem noch relativ jungen und gut konditionierten Brando."

Der Mauerbau verstärkt die Aufbruchsstimmung in den Künsten

Ende der Fünfzigerjahre kommt eine neue Generation bei der DEFA zum Zug. Junge Regisseure wie Konrad Wolf oder Frank Beyer profitieren von einer neuen Aufbruchsstimmung in den Künsten, die paradoxerweise durch den Mauerbau verstärkt wird. Denn jetzt scheint der Druck wegzufallen, filmisch gegen den Westen agitieren zu müssen, um DDR-Bürger von der Flucht abzuhalten.

"Eigentlich kann man sagen, dass es nach 1961, nachdem die Mauer gebaut wurde, eine gewisse Offenheit gab unter den Filmkünstlern, weil man das Gefühl hatte, man kann sich jetzt sehr viel mehr auf sich selbst konzentrieren und die eigenen Probleme besser darstellen und diskutieren", sagt Stefanie Eckert. "Und entsprechend sind dann auch die Filme, es gab dann auch diese kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart, etwa von Konrad Wolf "Der geteilte Himmel".

"Wir fanden diesen Himmel auf einmal ungewöhnlich und schwer zu ertragen. Die Luft legte sich schwer auf uns. Und das Wasser, dieses verfluchte Wasser, das nach Chemie stinkt, seit wir denken können, schmeckte uns bitter." (Aus: Der geteilte Himmel)

Die Romanvorlage von Christa Wolf setzt sich kritisch mit der DDR-Gegenwart auseinander und erzählt von einem jungen Liebespaar, das getrennt wird, als der Freund in den Westen geht.

"Die Literatur hat für den DEFA-Film eine große Rolle gespielt", betont Ralf Schenk. "Man hat im Lektorat der DEFA sehr genau darauf geachtet, was erscheint an Literatur, was erscheint auch an Gegenwartsliteratur. Das führte dann sogar so weit, dass ein Buch, das für die DDR verboten war, von der DEFA aufgegriffen und verfilmt wurde."

Einfahrt an den DEFA Studios Babelsberg zu aktiven Zeiten in der DDR.  (imago / Detlev Konnerth)Etwa 700 Spielfilme entstanden in den DEFA-Studios. (imago / Detlev Konnerth)

Bei der DEFA nehmen die jungen Regisseure die Vorgabe der SED-Führung beim Wort, realistisch vom Sozialismus zu erzählen. Aber Realismus heißt für sie, auch die Probleme im Alltag zu zeigen. So wie in Frank Vogels "Denk bloß nicht, dass ich heule", in dem der junge rebellische Held an Godards "Außer Atem" erinnert: 

"Eins kapier ich nicht. Ich lebe hier schon immer, und hier ist Sozialismus. Warum bin ich keiner? – Du lernst! – (singt) Ohne Sozialismus! Du liebst natürlich die Republik. – Ja. - Ich nicht, weil ich nicht lügen will. Weil ich nicht will, dass nur meine Lügen gebraucht werden und nichts anderes von mir." (Aus: Denk bloß nicht, dass ich heule)

Der Film hinterfragt die Autorität der SED, ist zugleich aber auch eine charmante Liebesgeschichte. Die kritischen DEFA-Filme der frühen Sechzigerjahre stellen nicht den Sozialismus in Frage, sondern suchen die konstruktive Auseinandersetzung mit ihm. Das spiegelt sich nicht selten in Filmszenen wider, in denen arg lang über den richtigen Weg zum Sozialismus debattiert wird. Aber zugleich sprühen die Filme vor Lebenslust. Das gilt besonders für einen Film, der 1966 ins Kino kommt: "Spur der Steine".

Schwarz-weiß-Aufnahme von Manfred Krug im Film "Spur der Steine". (picture allicance / United Archives / TBM)Manfred Krug als Balla in "Spur der Steine": ein sozialistischer Rebell gegen das Establishment. (picture allicance / United Archives / TBM)
Eine Gruppe von Zimmerleuten schwimmt nackt im Teich - mitten auf dem zentralen Marktplatz. Die Volkspolizei ist sofort da: "Verlassen Sie sofort den Teich!" Balla denkt nicht daran, sondern wirft den Polizisten ins Wasser. Balla, der Held aus "Spur der Steine", ist ein Anarchist, der sich von niemandem etwas vorschreiben lässt - schon gar nicht von der SED. 

Manfred Krug spielt Balla mit einem schlagfertigen Witz, der die Funktionäre alt aussehen lässt. Aber zugleich ist er ein fähiger Brigadeleiter, der bürokratische Hemmnisse schlitzohrig umgeht. In der Partei diskutiert man darüber, wie man mit dem Outlaw umgeht: 

"Wirf deinen Anarchisten-Lümmel endlich von der Baustelle. Das ist der größte Schläger im ganzen Bezirk. Aus dieser Sorte haben die Faschisten ihre Helden gemacht. – Wir leben nicht im Faschismus. Feiglinge und Dummköpfe in die Reihe zu kriegen, ist einfach. Aber wir brauchen Leute wie Balla." (Aus: Spur der Steine)

So viel Witz der Film hat, so ernsthaft wird in ihm über die Probleme im sozialistischen Staat debattiert.

Der gesamte Filmjahrgang 1965/66 wird von der SED verboten

Filme wie Frank Beyers "Spur der Steine" bekennen sich trotz Kritik zur DDR. Umso härter trifft es die DEFA, als 1965 auf dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED der gesamte Filmjahrgang verboten wird. Auch der dritte Teil von Gerhard Kleins und Wolfgang Kohlhaases Berlin-Trilogie: 

"Man hatte es nicht mehr erwartet, dass so eine Breitseite von Beschießungen stattfinden würde", sagt Kohlhaase. "Ich kenne Kollegen, die daraufhin nichts mehr gemacht haben. Ich war auch relativ ratlos in dem Sinne, was wollen die denn? Denn es waren ja genau solche Filme betroffen, die das, wonach immer gerufen wurde, nach konfliktreichen, auf offene Fragen gerichtete, reale Bilder von Wirklichkeit."

Wie Jürgen Böttchers "Jahrgang 45", der eine Art Berliner Nouvelle Vague zeigt:

"Es geht eigentlich um diesen Typen, der durch Berlin streift und die Sonne genießt, ein bisschen Mucki-Spielchen da macht, abhängt", sagt Anna Luise Kiss. "Es ist so heutig, dieses Lebensgefühl von: man ist noch nicht so richtig angekommen und weiß noch nicht wohin. Berlin in seiner ganzen Ambivalenz wird da auch deutlich, diese damals wirklich noch kaputte Stadt. Das alles schwingt mit, aber auf eine so ganz zarte und poetische Art und Weise."

Konrad Wolfs "Ich war 19" - ein DEFA-Highlight

Dieses Gefühl einer modernen Leichtigkeit spürt man in vielen der sogenannten Verbotsfilme, die individuelles Glück auch im Sozialismus einfordern. Aber die SED-Führung zerstört die Aufbruchsstimmung.

"In der Zeit nach dem 11. Plenum hat man tatsächlich versucht, sich nicht unbedingt den großen Gegenwartsthemen zu widmen, sondern ist so ein bisschen abgewichen zum Beispiel zu der antifaschistischen Thematik", sagt Stefanie Eckert. "Oder, wenn es um Gegenwartsproblematiken ging, hat man sich auf einen kleineren, vielleicht familiäreren Raum eingeschränkt."

Konrad Wolf verarbeitet drei Jahre später in seinem Film "Ich war 19" die eigene Vergangenheit als blutjunger Soldat im Zweiten Weltkrieg. Der lakonisch erzählte Film nach dem Drehbuch von Kohlhaase gilt als einer der Höhepunkte des DEFA-Kinos.

Der resignative Rückzug der Filmschaffenden von gesellschaftspolitischen Themen nach 1965 scheint zugleich Kräfte freizusetzen. Hatte sich der DEFA-Film zuvor immer wieder bemüht, seine Loyalität gegenüber dem Staat zu beweisen – selbst in "Spur der Steine" geraten die Sozialismusdebatten etwas ermüdend – scheinen sich die Filme langsam von diesem Zwang zu befreien. Vor allem Anfang der Siebzigerjahre, als nach dem erzwungenen Rücktritt Walter Ulbrichts von der Staats- und Parteiführung die SED die Zügel wieder lockert.

Individuelles Glück statt Kollektivzwang

1973 kommt Heiner Carows "Die Legende von Paul und Paula" nach dem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf ins Kino. Der Film erzählt von der alleinerziehenden Paula.

"Es muss doch noch was anderes geben als schlafen, arbeiten, und wieder schlafen und wieder arbeiten", sagt Paula im Film. In der Disco lernt sie Paul kennen.

"Wir wollen Folgendes machen: Wir lassen es dauern, solange es dauert, wir machen nichts dagegen und nichts dafür. Wir fragen uns nicht allerlei blödes Zeug. Nur die Namen. Ich bin Paula. – Paul!" (Aus: Die Legende von Paul und Paula)

Worum in den Filmen der Sechzigerjahre noch gerungen werden musste, wird hier lustvoll ausgelebt: individuelles Glück statt Kollektivzwang. Und das vermittelt der Film mit einem Feuerwerk fantastischer surrealer Einfälle, die ironisch die Verhältnisse aufspießen.

"Da gibt es ja diese Liebesszene, also diese Sexszene im Schlafzimmer, und auf einmal taucht da so eine Gruppe von Musikern auf, und die haben alle Anzüge an, mit Krawatte und einen Hut auf und eine Augenbinde", so Sebastian Heiduschke. "Und Paul sagt: Mensch, siehst du diese Männer im Schlafzimmer hier? Und sie zuckt ein bisschen mit den Schultern und sagt: Ach ja, passt schon, die sehen ja nichts. Also dieser Hinweis auf die Stasi, die die Wohnungen verwanzen konnte, so quasi dieser große Bruder, der immer überall mit dabei war, der aber doch nicht alles sehen konnte. Und diese Szene darin haben zu können, das ist schon toll."

Filmplakat vom DEFA Film: "Die Legende von Paul und Paula" in Berlin an einer Hauswand, 2002. (imago / Pemax)"Die Legende von Paul und Paula" wurde noch Jahrzehnte später in den Kinos gezeigt. (imago / Pemax)

Die Geschichte hat nicht nur absurde, sondern auch tragische Züge – die Selbstverwirklichung fordert ihren Preis. Als Paulas Kind bei einem Unfall stirbt, macht sie ihren Lebenswandel dafür verantwortlich.

Versuche mit neuen Filmformen sah die SED nicht gern

Diese Ambivalenz eines Lebens zwischen Aufbegehren und Anpassungszwang zeigt auch Egon Günthers Beziehungsdrama "Die Schlüssel" ein Jahr später:

Ein junges Paar reist nach Krakau und erlebt dort den studentischen Karneval - ein anarchisches Treiben, das die beiden mitreißt und zugleich ihre Beziehungsprobleme kulminieren lässt. Egon Günther zeigt dieses Ausbrechen mit einer unübersichtlichen, fragmentierten Dramaturgie, die an Filme von John Cassavetes erinnert. Günther ist einer der experimentierfreudigsten Regisseure der DEFA. Seit den Fünfzigerjahren hat der Generalverdacht des Formalismus dafür gesorgt, dass avantgardistisches Kino in der DDR weniger ausgeprägt ist als etwa in Polen oder der Tschechoslowakei. Günther erhält, wie er 2007 in einem Gespräch erzählt, immer wieder Rügen:

"Alles, was irgendwie neue Formen versuchte, wurde sofort des Formalismus verdächtigt. Ich habe das nie begriffen, ich habe gerne mit der Form gespielt, ich habe immer bestritten, dass mich Form interessiert, sondern so getan, als ob die Inhalte das Wichtigste wären. Es ist nicht das Wichtigste, es ist das Wie! Wie kann ich Leute interessieren, dass sie sich zwei Stunden ins Kino setzen, in diesen verdunkelten Raum? Aber so bin ich ab und zu von einem Verbot ins andere gerutscht."

Trotzdem wird Egon Günther einer der wichtigsten Regisseure der DDR und dreht mit internationalen Stars wie Lilli Palmer. 1976 plant er einen komplett improvisierten Film.

"Ein Sakrileg", sagt Ralf Schenk. "Denn Filme wurden staatlicherseits anhand der Drehbücher geprüft. Und wenn man nichts zu lesen hatte, wie wollte man dann den Film prüfen?"

Nach der Ausbürgerung Biermanns 1976 kommt der Aderlass

Entnervt beschließt Günther nach der Biermann-Affäre, nur noch im Westen zu drehen. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 bedeutet für die DEFA einen großen Aderlass, weil Stars wie Manfred Krug die DDR verlassen. Aber 1980 gewinnt mit Renate Krößner eine DEFA-Schauspielerin den Silbernen Bären auf der Berlinale.

"Ich schlafe mit jemandem, wenn es mir Spaß macht, ich nenne einen Eckenpinkler einen Eckenpinkler, ich bin die, die bei den ‚Tornados‘ rausgeflogen ist, ich heiße Sunny." (Aus: Solo Sunny)

"Solo Sunny" von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase wird 1980 ein fulminanter Erfolg, auch in der Bundesrepublik. Der Film ist das vielschichtige Porträt einer Künstlerin in der Lebenskrise. Die Hausgemeinschaft beäugt skeptisch die exaltierte Sängerin, die ihre Bettbekanntschaften morgens mit kurzer Anweisung hinausbefördert.

Sunny ist forsch, andererseits hadert sie mit sich und ihrem künstlerischen Können. Sie gehört zu den komplexen Frauenfiguren in den DEFA-Filmen dieser Jahre.

"Das fängt in den Siebzigerjahren an, sich zu mehren, da sind etwa 50 Prozent der Gegenwartsfilme mit weiblichen Hauptfiguren zu finden. Das ist etwas, das würde ich mir heute total wünschen", sagt Anna Luise Kiss. "Und die Palette der Figuren und Geschichten, die erzählt werden, die sind da sehr, sehr vielfältig gewesen. Es sind eben nicht nur strahlende Heldinnen. Ein Beispiel ist ‚Bis dass der Tod euch scheidet‘, da wird in teilweise sehr drastischen Bildern eheliche Gewalt dargestellt, auch die Vergewaltigung in der Ehe." 

Schreie, Schläge) "Lüge! Von wem war das Kind? Von Dir! Einem Säufer, einem Schläger! – Du lügst!" (Aus: Bis dass der Tod euch scheidet)

Heiner Carow zeigt brutale Gewaltausbrüche, aber auch einfühlsam die Überforderung des jungen Ehemannes. 1982 erzählt Evelyn Schmidt – eine der wenigen DEFA-Regisseurinnen – in "Das Fahrrad" von einer alleinerziehenden Frau. Wie die Kamera dem Alltag der überforderten, notleidenden Heldin zwischen grauer Fabrik und Kneipe schonungslos folgt, ist erschütternd.

Die Frauen in den DEFA-Filmen müssen kämpfen, auch die selbstbewusste Heldin aus "Solo Sunny" erfährt männliche Gewalt. Ungefiltert zeigen DEFA-Filme Alltagstristesse – ob bei Sunnys Auftritten in einer trostlosen Provinz oder an den verfallenen Gebäuden in "Das Fahrrad" – und erforschen mikroskopisch, aber mit Empathie die Milieus:

"Für mich ist es ein unaufgeregtes Filmemachen, das eben nicht auf Effekthascherei aus ist, sondern, dass das eben den genauen Blick sucht. So ein bisschen diese Personen hinterfragen will", sagt Sebastian Heiduschke. "Da ist es selten so, dass was an der Oberfläche bleibt, sondern man bekommt einen richtig guten Blick auf diese Personen, wie die auch in ihrer Lebenswelt sind, wie sie mit anderen interagieren. Und ich denke, dieser scharfe Blick auch auf das Umfeld, das meine ich mit diesem besonderen DEFA-Blick."

Wolfgang Kohlhaase sitzt auf einem Sofa und schaut einen getigerten Kater an, der auf dem Tisch sitzt.  (picture alliance/ dpa / dpa-Zentralbild /Patrick Pleul)Der heute 90-Jährige Wolfgang Kohlhaase ist einer der wichtigsten deutschen Drehbuchautoren. Bei Solo Sunny führte Kohlhaase außerdem Regie. (picture alliance/ dpa / dpa-Zentralbild /Patrick Pleul)

Der richtet sich auch einfühlsam, aber bemerkenswert vital auf die Probleme von Jugendlichen - ob in "Insel der Schwäne" von 1983, der vom Alltag in den gesichtslosen Trabantenstädten erzählt, oder Frank Beyers berührendem Roadmovie und Kassenschlager "Bockshorn" über zwei jugendliche Landstreicher: 

"Komischer Schuppen. – Ich hab jedenfalls Durst. Pils! Zwei! - Hast Du überhaupt Geld? – Ein Tritt in Hintern, mehr kann uns nicht passieren. Billiger geht’s nicht." (Aus: Bockshorn)

Die beiden Jungs trampen durch die USA und geraten auf ihrer Reise an immer bizarrere Orte – bis sie zu einer Party, auf der Hippies, Schwule und eine Horde hereinstürmender Punks erotisch Orgie feiern. Ein Szenario, wie man es in einem DDR-Film heute niemals erwarten würde. Obwohl DEFA-Filme ab Mitte der Siebzigerjahre auch auf der Berlinale Erfolge feiern, spielen sie in der westdeutschen Filmkritik kaum eine Rolle. Wie wenig man im Westen von der DEFA weiß, hat Bernhard Stephan erlebt, einer der wenigen DEFA-Regisseure, die auch im wiedervereinigten Deutschland noch gefragt sind:

"Die Ignoranz der meisten West-Produzenten war enorm. Was sollen wir denn mit den Ost-Leuten oder sowas."

Stephan hat Glück, weil er noch zu DDR-Zeiten fürs westdeutsche Fernsehen gedreht hat. Während Theaterregisseure aus dem Osten an westdeutschen Theatern oft mit Kusshand genommen werden, sieht es bei DEFA-Regisseuren anders aus:

"Es geht um die Stoffe: Shakespeare ist Shakespeare und Goethe ist Goethe. Und das, was wir verhandelt haben, war im besten Falle unsere Geschichte, unser Leben hier. Und das hat, mit Verlaub, den normalen Bundesbürger einen Scheißdreck interessiert."

Satirischer Abgesang auf die DDR

1989 fällt die Mauer, 1990 verschwindet die DDR, 1992 werden die DEFA-Studios verkauft. Aber in den drei Jahren vor ihrem Ende erlebt die DEFA noch einmal ein künstlerisches Finale furioso. Junge Filmschaffende kommen zum Zuge, die ihre Filme vor 1989 nicht realisieren konnten:

"Als das Ganze sich dann öffnet, also die Möglichkeiten dann da sind und diese Filme auch finanziert sind, da bricht das dann alles raus und da entstehen unglaublich gute Filme", betont Sebastian Heiduschke.

Zum Beispiel "Letztes aus der Da Da eR":

"Als ich mein Land krepieren sah, spürte ich, dass ich es liebte. Ich empfinde die Trauer, die die römischen Patrizier im 4. Jahrhundert empfanden. Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße liegt an seinen Mauern." (Aus: "Letztes aus der Da Da eR")

Der Schriftsteller Christoph Hein spielt einen philosophierenden Müllmann in "Letztes aus der Da Da eR" von Jörg Foth - ein satirischer Schwanengesang auf die DDR und eine Reflexion über Deutschland. Hier äußert sich eine jüngere DEFA-Generation, die 1988 in einem Manifest das Ende der Zensur gefordert hatte.

Werden die DEFA-Filme jetzt wiederentdeckt?

Die letzten DEFA-Filme nach 1989 bleiben aber weitgehend unbeachtet. In einem Klima der Geringschätzung all dessen, was aus der DDR kommt, sind auch die von der SED-Bevormundung befreiten DEFA-Produktionen im westdeutschen Feuilleton nicht mehr gefragt. Vielleicht ändert sich das gerade:

"Du willst gehen? – Genau! – Das kannst Du nicht machen. – Ich bewundere jeden, der unter diesen Verhältnissen weitermacht. Aber ich kann nicht mehr, und was noch schlimmer ist: ich glaube, es ist sinnlos. Mit 39 möchte ich endlich erwachsen sein." (Aus: Die Architekten)

"Die Architekten", ein bedrückender Film über das Scheitern aller Hoffnungen ambitionierter Nachwuchsarchitekten an der Erstarrung des SED-Systems, war 1990 nach dem Mauerfall ins Leere gelaufen. 2019 wurde er im Berliner Zoopalast aufgeführt. Und in den USA gibt es in der Filmforschung mittlerweile ein großes Interesse am DEFA-Film, hat der Filmwissenschaftler Sebastian Heiduschke festgestellt: "Da ist mehr Interesse an der DEFA als an dem Film aus der Bundesrepublik vor 1990."


Auch in den USA gibt es Fans des DEFA-Kinos. Jim Morton etwa, der seit vielen Jahren in seinem Blog "East German Cinema" dem englischsprachigen Publikum DEFA-Filme vermittelt. Martin Reischke hat den älteren Herrn, der über den psychedelischen Science-Fiction-Film "Staub der Sterne" seine Liebe zum DEFA-Kino fand, in einem Beitrag porträtiert [AUDIO].

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