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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.06.2016

70 Jahre Care-PaketeGeschenk des Himmels in schwieriger Zeit

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Corned beef, Milchpulver, Zucker - CARE-Pakete aus den USA halfen vielen Deutschen 1946 bim Überleben (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)
Corned beef, Milchpulver, Zucker - CARE-Pakete aus den USA halfen vielen Deutschen 1946 bim Überleben (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)

Nach dem Kriegsende 1945 waren Not und Elend in Deutschland groß. Vor allem der Hungerwinter 1945/46 forderte zahlreiche Menschenleben. Angesichts der drohenden Katastrophe riefen christliche und jüdische Organisationen in den USA die CARE-Aktion ins Leben.

"Köln war vollständig zerstört. Mir war unerklärlich, dass die Domtürme noch unversehrt schienen."

So erinnerte sich der amerikanische Kriegsfotograf Tony Vaccaro an das zerstörte Köln in den Märztagen 1945. Sechs Wochen später ist der Zweite Weltkrieg offiziell beendet. Und so wie in Köln sieht es fast überall in Deutschland aus: zerbombte und verwüstete Städte, 70 Prozent aller Wohnungen sind zerstört, Menschen hausen in Baracken, Bunkern, Kellerlöchern. Und sie haben Hunger!

Um über den Tag zu kommen, müssen ein paar Scheiben Brot reichen, vielleicht ein Klecks Margarine oder Marmelade, ein paar Kartoffeln - oder, wie sich die Kölnerin Maria Fuhs, damals 12 Jahre alt, entsinnt:

"Magermilch! Die immer anbrannte! Abends gab’s ein Milchsüppchen mit Magermilch. Und was im Kessel sich ansetzte, das blieb dem mageren Vater überlassen. Der durfte den auskratzen… Ich hab ihn manches Mal beneidet, denn da war immer noch mehr drin als bei uns auf dem Teller..."

Ein Appell des Schriftstellers John Dos Passos setzt "CARE" in Gang

In diesem Winter 1946 gibt es zahlreiche Hungertote. Die Westalliierten sehen die Katastrophe kommen. Doch weder Briten noch Amerikaner wollen, zunächst jedenfalls, ihren Steuerzahlern zu Hause zumuten, ein paar Monate nach der Befreiung der KZ Bergen-Belsen oder Dachau, die Deutschen zu alimentieren. Andererseits - verhungern lassen will man sie auch nicht.

Im Januar 1946 erscheint in der amerikanischen Zeitschrift "Life" ein flammender Appell des Schriftstellers John Dos Passos. Unumwunden heißt es da:

"Amerikaner setzen ihren Sieg in Europa aufs Spiel. Wir haben das Hitler-Regime hinweggefegt, aber viele Europäer glauben, dass die Heilung schlimmer ist als die Krankheit."

Beweis für den Geist der Barmherzigkeit in Amerika

Das wirkt. In Amerika schließen sich über 20 Wohlfahrtsverbände zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die ein einziges Ziel hat: den hungernden Deutschen zu helfen. Darunter befinden sich neben jüdischen auch zahlreiche kirchliche Organisationen: die Heilsarmee, die Mennoniten, die Quäker und die "Church of Brethren", eine ursprünglich aus Deutschland stammende, pietistische Gemeinschaft. Sie alle gründen die "Cooperative for American Remittance to Europe", die "Genossenschaft für amerikanische Sendungen nach Europa", kurz "Care" genannt. Es ist eine Abkürzung, die als Akronym gleichzeitig auf das Wort "to care" - "für jemanden sorgen" - hinweist:

"Damals, 1946, kamen die amerikanischen Wohlfahrtsverbände, die sich in der Care-Organisation zusammengeschlossen hatten, und brachten uns Pakete, die aus der Armee übernommen worden waren und das Lebensnotwendigste einer Familie boten. Als diese Pakete dann ausgegeben waren und Care festgestellt hatte, dass die Not auch noch nicht bei weitem gelindert war, ging die Organisation dazu über und packte in eigener Verantwortung und Regie Pakete in Amerika ab, für die sie immer wieder eine ausreichende Zahl von Spendern fand."

Erinnerte sich der evangelische Pfarrer Heinrich Johannes Diehl, Verbindungsmann der nordwestdeutschen Kirchen zu den alliierten Behörden und zuständig für Einfuhr und Verteilung der Hilfslieferungen. Jedes dieser Pakete, so hat Konrad Adenauer später gesagt, sei ein Beweis dafür, dass der Geist christlicher Bamherzigkeit und Versöhnung in den Herzen der Amerikaner lebendig sei.

Nylonblüschen von Mrs. Fohr

Die Pakete konnten variieren, hatten jedoch eine feste "Grundausstattung": Ein Pfund Rindfleisch in Kraftbrühe, ein halbes Pfund Corned Beef, zwei Pfund Margarine, ein Pfund Schweineschmalz, zwei Pfund Zucker, ein Pfund Rosinen, zwei Pfund Milchpulver, ein Pfund Marmelade, zwei Pfund Kaffee, ein Pfund Schokolade.

Der Empfang eines solchen "Care"-Pakets ist bei vielen der damaligen Empfänger bis heute fest im Gedächtnis verankert:

Maria Fuhs: "Meine Mutter kannte eine alte Dame, eine Mrs. Fohr. Die Töchter waren bereits in Amerika. Sie reiste nach und über Mrs. Fohr bekamen wir Pakete. Da begann denn die große Überraschung. Es waren für mich Nylonblüschen drin - durchsichtig bis auf die Haut. Ich fand die so irre. Eines in weiß und eines in rosé. Ich war dürr wie eine Bohnenstange, aber ich hab sie getragen mit Stolz. Sie kamen ja aus Amerika."

Mehr als nur Milchpulver und Corned Beef

Kleidung - sie wurde getragen, an die Geschwister weitergegeben, ausgebessert, geflickt, gewaschen, geändert, wieder getragen und - aufgehoben:

"Diesen Rock besitze ich heute noch..."

Die Amerikaner geben mit weitem Herzen und offener Hand. Vor allem den Kindern, von denen viele nicht wissen, was Schokolade oder Kaugummi eigentlich ist und - ob man das überhaupt essen kann?

Die Empfänger empfinden für die spontane Hilfe der ehemaligen Feinde tiefe Dankbarkeit. Denn diese Pakete - das war mehr als nur Milchpulver.

"Heute noch bin ich der Mrs. Fohr dankbar. Ich hab immer noch ein Schwarzweißfoto von ihr. Es war für uns ein Geschenk des Himmels!"

Mehr zum Thema

70 Jahre Care-Paket - Die Arbeit der Helfer wird immer gefährlicher
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 11.06.2016)

Fürsorge per Paket
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 27.11.2005)

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