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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.08.2016

62. Verleihung der Goethe-MedaillenMigration als Motor

Von Henry Bernhard

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Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi  (Emeka Okereke)
Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi erhält die Goethe-Medaille. (Emeka Okereke)

"Migration der Kulturen - Kulturen der Migration" - dies war das Motto der 62. Verleihung der Goethe-Medaillen. Ausgezeichnet wurden der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der Fotograf Akinbode Akinbiyi und der Direktor des georgischen Nationalmuseums David Lordkipanidze.

"Migration der Kulturen – Kulturen der Migration" war das weitgespannte Schwerpunktthema der diesjährigen Preisverleihung in Weimar. Der Präsident der Goethe-Gesellschaft, Klaus-Dieter Lehmann, zitierte dazu den weltoffenen Johann Wolfgang Goethe mit dem Satz, "dass es keine patriotische Kunst und Wissenschaft gebe":

"Man spürt besonders in schwierigen Zeiten: Kultur ist nicht die Spielwiese der Intellektuellen und Künstler, sie ist die Basis und das Ferment der Gesellschaft."

Dass Migration kein Phänomen der Moderne ist, zeigt der georgische Preisträger David Lordkipanidze. Er ist Archäologe und Paläoanthropologe – einer der besten weltweit – und Direktor des Georgischen Nationalmuseums. Schlagartig berühmt machten ihn die Funde 1,8 Millionen Jahre alter Skelettreste früher Hominiden in Georgien - diese Entdeckung revolutionierte das bisherige Wissen über die frühe menschliche Entwicklung und Migration. Denn sie zeigte:

David Lordkipanidze: "Migration ist so alt wie die menschliche Geschichte. Und was haben wir gefunden? Das ist der erste Mensch in Eurasien aus Afrika. Ich denke, das war immer die Frage: Warum passiert das? Und ich denke, es ist auch menschliche Kuriosität. Und das ist auch Progress!"

Nicht-voyeuristischer Blick auf das Besondere

Aber nicht nur Neugier treibt den weltweit vernetzten Lordkipanidze voran, sondern auch der Wunsch, Wissenschaft und Forschung populär zu machen, zu vermitteln. Für nicht-sprachlichen Kulturaustausch steht der Goethe-Medaillen-Träger Akinbode Akinbiyi. Der Fotograf ist in England und Nigeria aufgewachsen und lebt seit fast 30 Jahren in Berlin. Akinbiyi wird geschätzt für das genaue Hinsehen, für die Langsamkeit, den nicht-voyeuristischen Blick auf das Besondere im Allgemeinen. Akinbiyis Fotos zeigen das Leben in den Metropolen Westafrikas, in denen täglich bis zu tausend Menschen vom Land ankommen, Metropolen, in denen Chaos und Gewalt herrschen und in denen die Bewohner sich dennoch zurechtfinden und miteinander auskommen müssen. Ihnen nähert er sich mit seiner altmodischen 6*6-Kamera, analog und mit festem Objektiv.

Akinbode Akinbiyi: "Das Leben ist eigentlich eine Erzählung oder eine Geschichte. Um an diese Geschichte näher ranzukommen gibt es unterschiedliche Ausdrucksweisen. Und es obliegt dann jedem Individuum, rauszufinden, welche Ausdrucksweise er am besten findet. Ob man das dann meinetwegen über Migration darüber schreibt oder Bilder zeigt oder ein Musikstück macht oder eine Performance, eine Installation."

Oder eben Fotos. Akinbiyis Laudatorin, die Fotografin Eva Leitolf, pries dessen Langsamkeit und Fähigkeit, genau hinzuschauen und zu –hören:

"Akinbiyi ist sensibel für das Machtgefälle zwischen dem, der ein Bild macht und demjenigen, der auf dem Bild gezeigt wird und so letztlich auch für die Ungleichheit der Zuschauer, die Bilder goutieren und der Sujets ebendieser Bilder. Vielleicht sind wir mit unseren mehr oder weniger privilegierten Lebensstilen, unserer kulturellen Arroganz, exotisch und fremd für viele Menschen in Lagos, Kairo oder auch Berlin."

Lobrede auf den deutschen Umlaut

Dritter Preisträger in diesem Jahr ist Juri Andruchowytsch, ein ukrainischer Intellektueller, Autor und Übersetzer deutscher Literatur ins Ukrainische. Seine Laudatio wiederum hielt seine Übersetzerin, Sabine Stöhr:

"Er schöpft aus vielfältigen Quellen und fügt sie zu einem unverwechselbaren Ton zusammen. So hat er die ukrainische Literatur in den 1980er-Jahren aus ihrer klassischen Erstarrung und sowjetukrainischen Provinzialität herausgeführt. Er hat ihr das schelmische Lachen zurückgegeben und sie geöffnet für die vielfältigen Eindrücke und Einflüsse Europas und der Welt. Und er hat der ukrainischen Literatur ihren Platz in Europa zurückerobert."

Andruchowytsch selbst hielt eine Lobrede auf den deutschen Umlaut, der ihm schon in der ersten Klasse gelehrt wurde. Er konnte das Ö schon sprechen, bevor er das erste Mal "Goethe" sagte. Am Ende war es aber mehr als ein Umlaut, der da aus der fremden Ferne zu ihm kam.

Juri Andruchowytsch: "Was ich sagen will, ist, dass Poesie, nachdem ein Dichter sie in die Welt gesetzt hat, nicht mehr aus ihr verschwindet. Nur können wir sie nicht immer erkennen, denn einmal angesprochen, hört sie auf, nur Wort zu sein, sie realisiert sich in Dingen, Gesten, Situationen und so genannten Zufälligkeiten. Es ist wie bei den von Goethe selbst beschriebenen Metamorphosen der Pflanze: Same, Keimling, wucherndes Gewächs."

Die drei Träger der Goethe-Medaillen in diesem Jahr stehen so beispielgebend für den Schwerpunkt "Migration der Kulturen – Kulturen der Migration": Mit ihrem Leben, ihren Bildern, ihrer Sprache, ihrer Forschung. Und mit ihrer Übersetzungsleistung von Kultur zu Kultur.

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