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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2008

60 Autoren um die 60 über die 60-er Jahre

Werner Pieper (Hg.): "Alles schien möglich ... 60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde", Verlag The Grüne Kraft, Löhrbach 2008, 250 Seiten

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Sit-in an der Berliner FU 1968 (AP Archiv)
Sit-in an der Berliner FU 1968 (AP Archiv)

Das Buch "Alles schien möglich …" enthält ein Interview mit Günter Wallraff sowie Texte bekannter und weniger bekannter Autoren. Es bietet eine Fundgrube für den Erforscher der eigentümlichen Epoche um 1968, die unser Leben in vielen Bereichen durchdringt. Der Band kostet symbolische 19,68 Euro.

In der kaum übersehbaren Flut von Publikationen zum Jubiläumsthema 1968 fällt eines schon aufgrund seiner buchmacherisch in bestem Sinne selbstgemachten Aura auf, die zu ihrem Gegenstand passt: die von Werner Pieper herausgegebenen Grußtexte von 60 um die 60-jährigen Zeitgenossen auf eine Epoche, die es in sich hatte – und die Wolfgang Kraushaar und andere als die erste globale Revolte bezeichneten.

Prominente und wenig prominente Autoren steuern Texte verschiedenster Gattungen bei – vom Interview mit Günter Wallraff bis zum Typogramm von Ronald Steckel – die sich außerordentlich anregend lesen und ein buntes Mosaik mit Tiefenwirkung bilden. Es wird einem nämlich an den 60 Biographien, die sich in vielfältiger Art manifestieren, klar, dass diejenigen 68er, die man am besten als Psychedeliker bezeichnet, auf verblüffend vielen Gebieten in ganzem Spektrum triumphiert haben. Im Unterschied zu den politischen 68ern, von RAF über K-Gruppe und SDS bis hin zu den Maoisten, von denen man mit Fug und Recht als gescheitert sprechen kann.

Herausgeber Werner Pieper ist selbst eine Berühmtheit in Sachen bewusstseinserweiternder Schriftstücke. Einige Jahre handelte er mit ebensolchen Substanzen und gab nebenbei die Buchreihe "Der Grüne Zweig" heraus – die erste Verwendung des Begriffes Grün in der alsbald sogenannten Grünen Bewegung.

Eine Parallele kann man bei den Romantikern entdecken, deren "geheimnisvoller Weg", auch nach der Enttäuschung der Französischen Revolution, eben nach "innen" ging und nicht in die politische Aktivität.

Werner Piepers Buch bietet eine Fundgrube für den Erforscher dieser eigentümlichen Epoche, die unser Leben in vielen, fast möchte man sagen allen Bereichen durchdringt: Die Sexualmoral hat sich geändert, wie immer man das auch bewerten würde. Die Ästhetisierung der Lebenswelten ist weit vorangeschritten. Die Ablehnung von Gewalt ist zum Konsens geworden, der heute wieder hinterfragt wird. Die einzigen Toten dieser "Revolution" waren die Drogentoten, die auf dem Trip Hängengebliebenen. Mit der RAF hatte man als Hippie wenig am Hut. Auch diesen Gedanken kann man in Piepers Buch, das symbolische 19,68 Euro kostet, wunderbar leichtfüßig nachgehen und wird nebenbei bestens unterhalten.

Rezensiert von Marius Meller

Werner Pieper (Hg.), Alles schien möglich... 60 Sechziger über die 60er Jahre und was aus ihnen wurde
Verlag The Grüne Kraft, Löhrbach 2008,
250 Seiten, 19,68 EUR

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