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Studio 9 | Beitrag vom 13.11.2020

5G-TechnologieDer härteste Widerstand kommt aus Bayern

Von Michael Watzke

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Ein Mensch verdeckt sein Gesicht mit einem großen Demoschild, auf dem eine Hand aufgemalt ist und '5G STOPP' steht. (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)
Harter Widerstand in Bayern: Für viele stellt sich die Frage: Brauchen wir überhaupt 5G? (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)

5G steht für "Fünfte Generation des Mobilfunks". Mit 5G kann man etwa einen Spielfilm blitzschnell auf das Handy laden. Für diese Technologie sind aber neue Mobilfunkmasten nötig. Vor allem in Bayern kämpfen dagegen viele 5G-Rebellen.

München, Marienplatz. Professor Klaus Buchner steht vor dem Rathaus und telefoniert – das Handy fest ans Ohr gedrückt. Als der Reporter auf ihn zugeht, überreicht er das Smartphone seinem Assistenten. Professor Buchner ist der wahrscheinlich bekannteste Gegner des Mobilfunk-Standards 5G. Der pensionierte Mathematiker sagt: "Funkstrahlung an sich ist schädlich. Das weiß man, seit der Funk existiert." (*)

Da bildet der Deutschlandfunk für Buchner keine Ausnahme. Der Professor ist generell kein Fan der deutschen Medien. Buchner findet, der angeblich massive Widerstand der Wissenschaft gegen 5G "wird natürlich von der Presse totgeschwiegen. Aber das ist der Kern des Widerstands."

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Das Rebellieren gegen 5G ist in keinem Bundesland so verbreitet wie in Bayern. Vor allem auf dem Land. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, der als früherer Ferkelzüchter ein gutes Gespür für die bajuwarische Basis und ihre Technik-Ängste besitzt, erklärt die 5G-Müdigkeit damit, "dass Bayern ein weitgehend gesättigtes Land zumindest bisher gewesen ist. Bis zur Corona-Zeit. Wir hatten quasi Vollbeschäftigung. Wir hatten sehr hohe Einkommen. Und für viele Leute stellte sich dann die Frage: Was wollen wir denn mehr? Brauchen wir überhaupt 5G? Brauchen wir neue Verkehrswege? Brauchen wir neue Technologien und Arbeitsplätze? Wir haben doch ohnehin offene Stellen."

Angst um die Gesundheit

Ausgerechnet das Hightech-Land von Laptop und Lederhose hat die lautesten und  unbeugsamsten 5G-Gegner. In Dutzenden bayerischen Kommunen verhindern sie den Bau von neuen, dringend benötigten Funkmasten. Mit unterschiedlichsten Argumenten:

"Ich fürchte um meine Gesundheit. Ich möchte gern noch lange leben."
"Das ist ein Experiment, keiner weiß, wie das ausgeht."
"Dadurch geht die ganze Menschheit kaputt, und das weiß kaum jemand!"

Daran ist – in der Logik der 5G-Rebellen – auch die Presse Schuld, weil sie angeblich nicht über den Widerstand berichtet und keine Wissenschaftler zu Wort kommen lässt, die - wie Professor Buchner - kritische Studien zitieren.

Widerstand gegen das Mobile mit dem Mobile

"Zum Beispiel die amtliche Studie der US-Regierung, die sogenannte NTB-Studie. Die weist nach, dass Krebs an männlichen Ratten durch Mobilfunk-Strahlung erzeugt worden ist."

Dass die meisten Studien allerdings keinen direkten Zusammenhang  zwischen Mobilfunk und Krebs herstellen, erklärt Buchner folgendermaßen:

"Wenn die Leute keinen Krebs finden, muss man halt fragen: warum nicht? Und dann ist die Studie meistens irgendwo so, dass da Schlupflöcher waren, aufgrund deren man den Krebs nicht finden konnte."

Demonstrierende, zum größten Teil ohne Mund-Nasen-Schutz, teilweise in Trachten stehen hinter einer Absperrung und tragen Schilder auf denen steht: Nein zur Corona-Zwangsimpung, Nein zu 5G, ... oder 'Ärzte für Aufklärung.'  Auch eine israelische und eine deutsche Flagge sind zu sehen. Ein Mann trägt ein Shirt mit der Aufschrift: 2020 Freiheitsvirus (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)Eine Querdenken-Demo in München im September 2020 (picture alliance / ZUMA Wire / Sachelle Babbar)

Soll heißen: Wer nichts findet, muss halt länger suchen. Lange suchen muss man auch 5G-Gegner,  die – wie Klaus Buchner - überhaupt zu einem Interview bereit sind. Gleich mehrere Bürgerinitiativen sagten ab.

"Sie können sich nicht vorstellen, wie die Mobilfunkindustrie uns bedroht und missbraucht", klagt einer. Ein Interview sei ihm zu heiß. Mehr wolle er nicht sagen. Eine andere schimpft: "Die Mainstreampresse macht uns nur lächerlich. Um als verrückte Hausfrauen dargestellt zu werden, ist unsere Zeit zu schade."

5G-Gegner finden nur bei der ÖDP Gehör

Politisch finden die 5G-Gegner nur bei der ÖDP Gehör, einer Öko-Kleinstpartei, die in Bayern auf kommunaler Ebene einen gewissen Einfluss besitzt.

Die bayerischen Grünen, die manche Protestbewegung durchaus wohlwollend begleiten, sind beim Thema 5G auf der Seite der Industrie. "Wenn wir unser Land zukunftsfest machen wollen, brauchen wir eine gewisse Infrastruktur. Die muss auch stattfinden. Dass das für den, der direkt daneben wohnt, kein Mehrwert ist, gehört zur Debatte dazu. Darüber muss man wieder offener diskutieren. Und auch für Verständnis werben", sagt Grünen-Fraktions-Chef Ludwig Hartmann.

Verständnis für 5G ist bei Mobilfunk-Gegner Buchner allerdings nicht zu erwarten: "Man kann nicht dauernd falsche Tatsachen behaupten, wie sie bei uns ständig in den Medien stehen. Irgendwann setzt sich die Wahrheit durch."

Die Wahrheit über 5G – wer kennt sie? Das Bundesamt für Strahlenschutz, das 5G nach derzeitigem Forschungsstand für nicht gesundheitsgefährdend hält? Wissenschaftler wie Martin Röösli von der Universität Basel, der erklärt, dass ein ans Ohr gehaltenes Handy mit geringer Sendeleistung hundertmal mehr Strahlung im Körper verursacht als ein 5G-Sendemast? "Leute, die gegen Antennen sind, werden – falls sie selber ein Handy benutzen und das einige Stunden pro Tag machen – schlussendlich mehr Strahlenbelastung haben."

Klaus Buchner, der eingefleischte 5G-Mobilfunk-Gegner, hält nach dem Interview am Münchner Marienplatz gleich wieder sein Smartphone ans Ohr. Ohne Mobilfunk kommt auch er nicht aus.

*Redaktioneller Hinweis: Wir haben eine inhaltliche Korrektur vorgenommen.

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