Seit 08:05 Uhr Kakadu
Sonntag, 28.02.2021
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Interview / Archiv | Beitrag vom 03.06.2017

50 Jahre SechstagekriegSechs Tage und kein Ende

Tom Segev im Gespräch mit Ute Welty

Podcast abonnieren
Israelische Truppen auf einem Kommandoposten in der Negev-Wüste am 05.Juni.1967. Der sogenannte Sechstagekrieg dauerte vom 5. bis 10. Juni 1967. (UPI)
Israelische Truppen auf einem Kommandoposten in der Negev-Wüste am 05.Juni.1967. Der sogenannte Sechstagekrieg dauerte vom 5. bis 10. Juni 1967. (UPI)

Gewonnen - und dennoch: Unter den Nachwirkungen des Sechstagekrieges leidet Israel bis heute, meint der Historiker Tom Segev. "Wir sind eigentlich noch am siebten Tag." Die meisten glaubten nicht mehr, dass Frieden möglich sei. Er selbst auch nicht.

Offiziell dauerte der Krieg, den Israel im Jahr 1967 gegen Ägypten, Jordanien und Syrien führte und gewann, nur sechs Tage: vom 5. bis zum 10. Juni.

"Aber im Grunde ist es so, dass der Sechstagekrieg eigentlich noch immer andauert", meint der isrealische Historiker Tom Segev. "Wir sind eigentlich noch am siebten Tag", so Segev im Deutschlandfunk Kultur.

Sechs Tage, drei Kriege

Der Historiker und Autor Tom Segev  (André Kempner )Der Historiker und Autor Tom Segev (André Kempner )

Streng genommen habe es sich beim Sechstagekrieg um drei unterschiedliche Kriege gehandelt, die aus unterschiedlichen Gründen geführt worden seien. So sei der Krieg gegen Ägypten ein Präventivkrieg aus Angst der Israelis vor physischer Vernichtung gewesen. Hingegen hätten strategische Überlegungen den Krieg gegen Syrien ausgelöst.

Hinter dem dritten Krieg, gegen Jordanien, der in der Eroberung der Westbank und der Altstadt von Jerusalem resultierte, stehen Segev zufolge irrationale historisch-religiöse Gefühle. Das könne man an den inzwischen zugänglichen Protokollen von damals ablesen:

"Man kann heute wirklich sehen, wie die Minister beschließen, die Altstadt von Jerusalem zu erobern, und kein einziger Minister sagt seinen Kollegen: Sagt mal, warum ist das eigentlich gut für uns, die Altstadt zu erobern?", so der Historiker. "Und es war auch nicht gut, und es ist auch nicht gut. Ich glaube, es hat uns viel, viel mehr geschadet."

Die wenigsten glauben noch an Frieden in Israel

Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinenser sei heute viel, viel schwieriger zu lösen, bedauert Segev. Zum einen weil es mittlerweile etwa 400.000 Israelis gebe, die dort lebten, so der Historiker mit Blick auf die Siedlerbewegung. Zum anderen, weil im Vergleich zu früher das religiöse Element viel stärker geworden sei, nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in Israel.

"Ich glaube, der große Unterschied zwischen damals und heute ist, dass die meisten Israelis - und übrigens auch die meisten Palästinenser - nicht mehr daran glauben, dass Frieden möglich ist", so Segev. Glaubt er selbst noch an Frieden?

"Ich glaube heute nicht daran", sagt er. Aber er glaube, dass man den Konflikt viel besser managen könne. Dazu müsse auch die Weltgemeinschaft mehr von Israel fordern. Denn Israel beanspruche, Teil der liberalen und demokratischen Welt zu sein, verletze aber systematisch die Menschenrechte in den besetzten Gebieten.


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Am Anfang war die Sperrung einer Straße, einer Wasserstraße. Als Ägypten die Meerenge von Tiran blockiert, verliert Israel den Zugang zum indischen Ozean, Jordanien ist völlig von allen Meeren abgeschnitten. Der damalige ägyptische Präsident Nasser erzwingt den Abzug der UN-Truppen, die den Frieden zwischen Israel und Ägypten sichern sollen, und am 5. Juni 1967 dann fliegt die israelische Luftwaffe gegen alle ägyptischen Basen. Der Sechs-Tage-Krieg beginnt und verändert die Geopolitik der Region bis heute. Der israelische Historiker Tom Segev hat sich intensiv mit diesem Krieg, seinen Ursachen und seinen Folgen beschäftigt. Vor zehn Jahren veröffentlichte er zum Beispiel das Buch "1967 – Israels zweite Geburt". Guten Morgen, Herr Segev!

Tom Segev: Guten Morgen!

Welty: Vor zehn Jahren ist Ihr Buch überaus positiv rezensiert worden als spannend, als aufregend, beeindruckend, das waren so die Attribute, die man heute noch nachlesen kann. Glauben Sie, dass Sie heute mit demselben Buch ähnliche Reaktionen hervorrufen würden?

Segev: Ich glaube, schon. Leider ist der Konflikt, der schon sehr viele Jahre andauert, nur noch schwieriger geworden und noch schwieriger zu lösen. Aber im Grunde ist es so, dass der Sechstagekrieg eigentlich noch immer andauert. Also wir sind eigentlich noch am siebten Tag. Es ist nur noch schwieriger geworden, ihn zu lösen.

Welty: Und es ist ein verdammt langer Tag.

Segev: Ein sehr langer Tag, besonders wenn Sie die Veränderungen in der Welt in den 50 Jahren sich überlegen, die Situation – China ist ein Teil der Familie der Völker geworden, das russische Empire gibt es nicht mehr, Deutschland ist vereinigt. Die Berliner Mauer schien mal das allerbeständigste in der Welt zu sein, und es gibt sie nicht mehr. Das Apartheidregime in Südafrika gibt es nicht mehr. Und den israelisch-palästinensischen Konflikt gibt es immer noch.

Welty: Inwieweit hat sich denn der Blick der Welt auf Israel und vielleicht auch und vielleicht auch Ihr Blick auf diesen Krieg verändert?

Segev: Der Blick der Welt auf Israel ist, glaube ich, viel zu intensiv. Es gibt viel interessantere und viel problematischere Gegenden auch, aber der Blick auf Israel ist so intensiv, erstens, weil es sich um das Heilige Land handelt, also ein Land, das sehr vielen Menschen in der ganzen Welt sehr nahe liegt, und zweitens auch deshalb, weil Israel immer behauptet, ein Teil der demokratischen und liberalen Werte zu sein. Nur, die systematische Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten widerspricht dem. Aber deshalb hat, glaube ich, die Welt das Recht, von Israel zu verlangen, sich so zu benehmen, wie unsere Behauptung ist, also ein demokratisches Land. Das erklärt, warum sich die Welt für Israel und für die Situation in den besetzten Gebieten mehr interessiert als etwa für die fürchterlichen Dinge, die in Syrien passieren oder etwa in Nordkorea oder in Iran oder China. Wir wollen ein Teil der demokratischen Welt sein, und leider benehmen wir uns nicht so. Die Situation in den besetzten Gebieten ist auch heute viel schwieriger geworden, weil es mittlerweile etwa 400.000 Israelis gibt, die dort leben. Also, wie Sie sagten am Anfang, die geopolitische Situation hat sich wirklich geändert, und es gibt auch eine Generation in Israel, die überhaupt keine andere Situation mehr kennt. Wenn wir manchmal etwa von der grünen Linie reden, das war die Grenze von 1967, das bedeutet überhaupt gar nichts mehr den meisten Menschen. Die müssen das nachlesen in der Wikipedia, um zu wissen, wovon überhaupt die Rede ist.

Welty: Viele Historiker sagen, dass dieser Sechstagekrieg die Islamisierung in der israelischen Nachbarschaft noch verstärkt hat, dass dieser Krieg überhaupt Israel mehr geschadet als genützt hat. War das so überhaupt nicht abzusehen, oder wurde es mindestens billigend in Kauf genommen?

Segev: Es gab damals eigentlich drei Kriege. Der Krieg gegen Ägypten ist, glaube ich, hauptsächlich deshalb ausgebrochen, weil Israelis wirkliche Angst vor Vernichtung hatten durch Ägypten. Das war wirklich eine Holocaust-Angst damals. Aber es waren drei Kriege. Der Krieg gegen Jordanien und der Krieg gegen Syrien. Syrien war wirklich, glaube ich, sehr viel strategische Überlegung. Aber in allem, was für die Eroberung für die Altstadt von Jerusalem und die Eroberung der Westbank, das stammte aus irrationalen, historischen, religiösen Gefühlen. Das kann man heute noch besser sehen in den Protokollen, die unterdessen veröffentlicht wurden. Ich habe es schon auch in meinem Buch erwähnt, aber man kann hier wirklich heute sehen, wie die Minister beschließen, quasi die Altstadt von Jerusalem zu erobern, und kein einziger Minister sagt seinen Kollegen, sag mal, warum ist das eigentlich gut für uns, die Altstadt zu erobern? Und es war auch nicht gut, und es ist auch nicht gut, und ich glaube, es hat uns viel mehr geschadet, weil die Regelung viel weiter ist heute, als sie damals vielleicht gewesen ist. Und ich glaube, der große Unterschied zwischen damals und heute ist, dass die meisten Israelis und übrigens auch die meisten Palästinenser nicht mehr daran glauben, dass Frieden möglich ist. Sie wollen alle den Frieden, sie beten für den Frieden und so, aber sie glauben nicht, dass er möglich ist.

Welty: Glauben Sie daran, dass der Frieden möglich ist?

Segev: Ich glaube heute nicht daran. Ich glaube, dass man den Konflikt managen kann, viel besser managen kann. Ich glaube, dass auch die große Welt daran einen Anteil haben kann, von Israel stärker zu verlangen, dass wir den Konflikt anders managen, sodass das Leben etwas verträglicher wird, besonders für die Palästinenser. Aber es ist so schwer, diesen Konflikt zu lösen, wie Sie erwähnt haben, weil das religiöse Element viel stärker geworden ist. Übrigens nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in Israel.

Welty: Der israelische Historiker Tom Segev 50 Jahre nach Beginn des Sechs-Tage-Kriegs. Haben Sie sehr herzlichen Dank für das Gespräch!

Segev: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

50 Jahre nach dem Sechstagekrieg - Besatzung oder Befreiung Israels?
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 31.05.2017)

Sechstagekrieg - Die Schattenseiten des Sieges
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 29.05.2017)

Terror in Israel - "Das ist eine Facebook-Intifada"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 15.10.2015)

Interview

Fußballtrainer Jürgen KloppDer große Motivator
Liverpools Trainer Juergen Klopp jubelt nach dem Schlusspfiff im UEFA Champions League Achtelfinale, Hinspiel RB Leipzig - FC Liverpool.  (Imago / Motivio)

Vom Zweitliga-Abstiegskandidaten Mainz zum Startrainer der Premier League: Vor 20 Jahren begann die steile Trainerkarriere des Jürgen Klopp. Natürlich könne Klopp auch Bundestrainer, findet der Mainzer Ex-Manager Christian Heidel. Aber will er das?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur