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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 17.11.2016

50 Jahre nach der ersten BombeDas wurde aus Polynesien nach Frankreichs Atomtests

Von Sophie Stigler

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Plakat von Atomtestgegnern heute mit Gemälde vom Polynesien-Liebhaber Paul Gauguin (Deutschlandradio / Sophie Stigler)
Plakat von Atomtestgegnern: Dafür wurde ein Gemälde von Polynesien-Liebhaber Paul Gauguin umgestaltet. (Deutschlandradio / Sophie Stigler)

Fast 200 Atomtests führte Frankreich zwischen 1966 und 1996 in Französisch Polynesien durch. Mit gravierenden Folgen: Kritiker sprechen von erhöhten Krebsraten und einer Zerstörung der einheimischen Wirtschaft. Wie sieht es auf den Südpazifik-Inseln heute aus?

Filmausschnitt: "Die Explosion in 1200 Kilometern Entfernung, auf der Insel Moruroa, hat wirklich keinerlei Einfluss auf das Gemüt des einfachen Mannes."

Tahiti, 1966. Ein französischer Funktionär beschreibt im Fernsehen die Stimmung, kurz vor dem ersten Atomtest auf der Inselgruppe im Pazifik.

"Die Menschen haben Vertrauen. Sie sind wirklich davon überzeugt, dass jegliche Vorkehrungen getroffen wurden für Tahiti."

Der Funktionär und sein Interviewer sind sich einig:

"Et ils n'ont pas peur."

"Ils n'ont pas peur. Vraiment, ils n'ont pas peur."

Die Menschen in Französisch Polynesien haben keine Angst, wirklich nicht. 

Die erste Explosion zog viele Schaulustige an

Die Einigkeit von Journalist und Funktionär wirkt fast, als ob sich die beiden lustig machen über die Sorglosigkeit der Polynesier. Aber worüber sollten sich die Menschen damals – 1966 - auch Sorgen machen? Die Behörden hatten doch versichert: "Les essais sont propres" – die Versuche sind sauber. Kein einziges radioaktives Staubkorn werde jemals eine bewohnte Insel erreichen. Und so ist es auch kein Wunder, dass viele Inselbewohner die erste Explosion neugierig und mit großen Augen beobachten.

"Es hat sich angehört wie Donnergrollen, und der Himmel ist rot geworden. Alle aus der Lagune waren da, um sich das anzuschauen, auch die Kinder. Und wir haben gelacht, weil wir dachten, alles ist gut. Wir haben den Knall gehört."

Viviane Arakino sitzt in einem alten Sessel, über den sie ein buntes Tuch geworfen hat. Die milchigen Augen in ihrem zerfurchten Gesicht schauen durch mich durch, wenn sie sich erinnert. Damals – in den 60er-Jahren - hat sie es wie viele andere gemacht: Zusammen mit ihrem Mann verlässt sie ihre Heimatinsel und zieht dahin, wo die Jobs sind, nach Hao. Auf dem Atoll im Pazifik hat die französische Armee eine ihrer größten Basen eingerichtet. Auch Atombomben baut sie hier zusammen.

Fast alle hatten einen Job beim französischen Militär

Und so wächst das beschauliche Hao von knapp 200 Bewohnern auf bis zu 3000. Fast jeder hat einen Job beim Militär - im Dienst oder als Kellner, Fahrer, Monteur, Koch. Auch Vivianes Mann verdient bei der französischen Armee mehr Geld als mit jeder anderen Arbeit.

"Alle gingen nach Hao, um zu arbeiten, die Kokosernte wurde aufgegeben. Mein Mann machte die Militärflugzeuge sauber. Jedes Mal, wenn eins landete, musste er hin."

Die Flugzeuge waren dabei nicht einfach nur dreckig. Sie waren voller radioaktivem Staub. Die französischen Piloten flogen nach den Atomwaffenexplosionen mitten in die radioaktive Wolke, um Messungen vorzunehmen. Wieder am Boden wurde der Staub von ihren Flügeln gewaschen, von Hilfsarbeitern in Baumwollanzügen.

Viviane Arakino in ihrem Wohnzimmer - Glaube gibt ihr Kraft (Deutschlandradio / Sophie Stigler)Viviane Arakino in ihrem Wohnzimmer - Glaube gibt ihr Kraft (Deutschlandradio / Sophie Stigler)

Auch für sie ist es eine große Ehre, als Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1966 höchstpersönlich vorbeikommt.

De Gaulle: "Es liegt mir am Herzen, zu sagen, wie sehr Frankreich den Dienst zu schätzen weiß, den Französisch Polynesien uns erweist. Wir sichern Frieden für ganz Frankreich. Polynesiens Zukunft kann großartig sein! Statt einem einsamen isolierten Gebiet, ist es dazu auserkoren, ein großes Kommunikationszentrum des großen Pazifik zu sein."

Dem Militär war die Strahlenbelastung bekannt

Vielleicht hätte Präsident de Gaulle statt einer großartigen Zukunft lieber eine strahlende Zukunft versprechen sollen. Denn heute ist klar: Nach mehreren oberirdischen Atomtests regnete es eben doch radioaktive Teilchen auf bewohnte Inseln des französischen Überseegebiets. Sie gelangten in die Luft, ins Trinkwasser, ins Gemüse und den Fisch. Die Menschen bekamen kleine, aber messbare Strahlendosen ab.

Und es ist auch klar: Die französische Armee wusste das, und zwar von Anfang an. In internen Dokumenten heißt es: Die Bevölkerung sei ahnungslos und das solle auch so bleiben. Die Wahrheit hätte das gesamte Atomtestprogramm gefährdet. Viele Polynesier, auch Viviane Arakino, erheben heute schwere Vorwürfe.

"De Gaulle hat die Bewohner auf den Atollen gezählt. Es sind viel weniger als in Frankreich. Da dachte er: Ah, dann schicke ich die Bomben hierhin – um uns zu töten statt die anderen. Ich sage die Wahrheit. Ich habe Krebs gehabt, meine Schwester auch. Wir sind krank, sehr krank."

Viviane hatte Gebärmutterhalskrebs – eine Krankheit, für die sie theoretisch eine Entschädigung vom französischen Staat bekommen könnte. Theoretisch. Dafür müsste sie nachweisen, dass sie eine erhöhte Strahlendosis durch die Atomwaffentests abbekommen hat. Aber wie? Von mehreren tausend Antragstellern haben bisher nur sieben Polynesier tatsächlich eine Entschädigung erhalten. Ein verschwindend geringer Anteil.

Das Problem: Im Nachhinein lässt sich nicht mehr feststellen, ob eine Krebserkrankung durch Strahlung entstanden ist. Die Krebsrate in Polynesien ist aber durchaus einen näheren Blick wert.

Ein Teil der Krebserkrankungen könnte auf Strahlenbelastung zurückgehen

Der Wartebereich der Krebsstation im Krankenhaus Ta’aone auf Tahiti. Auf dem Fernsehbildschirm läuft eine Sportübertragung: Athletische Männer springen vom Zehn-Meter-Brett ins Wasser.

Hier sind viele der Patienten in ihren Sesseln eingenickt. Eine gerahmte Zeichnung an der Wand zeigt eine kahle Frau, darüber die Worte: "Chic et chauve, c’est possible" - "Kahl und schön, das ist möglich!".

"J’ai rendez-vous avec Gilles Soubiran." -  "Je l’appelle."

Ich bin mit Gilles Soubiran verabredet. Er übernahm in den 90ern die Onkologie-Station vom letzten Militärarzt. Während der Atomtests von 1966 bis 1996 lag die Gesundheit der Polynesier in den Händen der Armee. Und die hat bis heute eher wenig Interesse daran gezeigt, dass bekannt wird, wie es den Leuten damals ging. Sie verweist dabei auf die ärztliche Schweigepflicht. Dr. Soubiran hat mit einem Kollegen zumindest die Krebsrate ab 1985 rekonstruiert. Besonders eine Form der Leukämie, die akute myeloische Leukämie, kurz AML, stach dabei heraus.

"Wir gehen davon aus, dass pro Jahr 20 bis 30 Prozent dieser Leukämie-Erkrankungen durch erhöhte Strahlung verursacht worden sein könnten."

Höchste Krebsrate der Welt bei Schildrüsenkrebs und AML

Nicht nur an der Leukämieform AML erkrankten erstaunlich viele Polynesier – auch an Schilddrüsenkrebs. Beides sind Krankheiten, die durch radioaktive Strahlung verursacht werden können. Zwischen 1998 und 2002 - und das sind die aktuellsten Vergleichszahlen, die verfügbar sind -, hat Polynesien für diese beiden Krebsarten die höchsten Raten der Welt. Die staatliche Kranken- und Sozialversicherung hat errechnet, dass etwa jeder vierzigste Bürger eine Krankheit hat, die durch die Atomtests entstanden sein könnte. Das wären mehr als 7000 Menschen. Ob wirklich das Nuklearprogramm schuld ist, lässt sich aber kaum belegen, sagt Dr. Soubiran. 

"Zurzeit gibt es eine richtige Epidemie aller Krebsarten in Polynesien, auch lange nach den Atomversuchen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: etwa Übergewicht und Rauchen. Solche Faktoren steigern das Krebsrisiko."

Als tausende französische Militärs ins Land kamen, brachten sie nicht nur Geld, sondern auch ihren Lebensstil mit. Nach Jahrtausenden von Fisch und Kokosmilch fanden die Einheimischen Geschmack an Pommes, Fleisch und Zigaretten. Das war also de Gaulles wunderbare Zukunft.

Heute herrscht auf Hao hohe Arbeitslosigkeit

Die ist auch auf dem Atoll Hao, dem Ex-Militärstandort, leider nicht angekommen.

Hoch aufragende Kokospalmen, dazwischen ducken sich kleine Betonhäuschen mit Wellblechdächern. Auf der Straße fahren Kinder auf viel zu großen Fahrrädern ohne Bremsen hin und her. Es sind Ferien, viel zu tun gibt es nicht. Gleich neben der Kirche ist ein Garagentor aufgeschoben.

Im Eingang steht Teaitu Foster. Mit seiner fleckigen Hose und dem zahnlosen Lächeln kann ich kaum glauben, dass er einer der reichsten Männer auf Hao ist. Zu ihm kommt man auch, wenn man einen Kühlschrank oder einen Toaster reparieren lassen möchte.

"C’est moi qui répare. On répare tout, tout, tout, même le frigo, tout ça on répare."

Zu Zeiten der Atomversuche nutzte Teaitu die Gunst der Stunde und machte ein äußerst erfolgversprechendes Geschäft auf: einen Nachtclub. Der gehörte neben einem brandneuen Schwimmbad und Kino auf Hao zur neuen Amüsiergesellschaft.

"Bis fünf oder sechs Uhr morgens wurde getanzt, getrunken und sich amüsiert. Die Legionäre, alle, solange die Musik rummst, wollte keiner heim. Das war gut, vor allem für mich, weil ich viel Geld verdient habe."

An de Gaulles Besuch auf Hao 1966 erinnert er sich noch gut.

"De Gaulle hat gesagt: Hier in Hao werden wir alle mit Wasser versorgen und mit Strom, alles kostenlos. Und heute, was haben wir heute? Wir zahlen für alles und es gibt nichts mehr. Keine Arbeit, gar nichts."

Mit dem Militär kamen auch Asbest, Blei und PCB

Sichtbare Überreste der französischen Atomtest-Ära gibt es fast keine mehr auf Hao. Auch die Strahlenwerte sind kaum noch erhöht - wie auf fast allen Inseln in Französisch-Polynesien. Heute wird hier keiner mehr durch Radioaktivität krank. Auf Hao sind eher Asbest und Blei ein Problem – und PCB – die giftige Chlorverbindung wurde früher in Elektronik und Kunststoffen genutzt. Die Gifte stammen von der Armee. Sie vergrub Bauschutt und Geräte vor ihrem Abzug oder versenkte sie im Meer, so hat es Teaitu Foster selbst beobachtet.

"Ich weiß das, weil ich zum Fischen rausgefahren bin. Als ich auf dem Meer war, habe ich einen Hubschrauber gesehen, der alles runtergeworfen hat: Lastwagen, Bulldozer. Man muss nur ein U-Boot hinschicken, dann sieht man das alles. Auf dem Atoll haben sie ein 300 Meter tiefes Loch gegraben und Laster und ganze Flugzeuge reingeworfen."

Teaitu Foster auf dem Weg zu seiner Insel im Atoll Hao (Deutschlandradio / Sophie Stigler)Teaitu Foster auf dem Weg zu seiner Insel im Atoll Hao (Deutschlandradio / Sophie Stigler)

Heute plagt viele Polynesier eine Mischung aus Wut und Schuldgefühlen. Einerseits haben sie das Atomgeld aus Frankreich gerne genommen und kaum nachgefragt. Andererseits verdient es kein Volk, belogen zu werden. Protestiert haben in den 60ern nur wenige.

"Wir gingen auf die Straße, um zu demonstrieren, aber wir waren nur etwa zehn Leute. Man spuckte uns an und nannte uns verrückt, sie sagten: 'Die wissen nicht, was sie tun. Es gibt keine Probleme mit den Atomtests.' Und die Medien mit dem Staat im Rücken sagten, die Versuche seien sauber. Aber man musste verrückt sein, das zu glauben. Ein ganzes Volk wurde konditioniert."

Oscar Temaru gehörte zu den wenigen, die sich auflehnten vor 50 Jahren. Es dauerte lange, bis man ihm zuhörte. Aber dann: 2004 wird er sogar zum Präsidenten von Französisch Polynesien gewählt, für das Lager der Independantisten. Er setzt sich dafür ein, dass die Folgen der Atomtests aufgeklärt werden und dafür, dass Polynesien unabhängig wird von Frankreich. Ein Hauptargument dabei: die Atomversuche.

"De Gaulle hat sich entschieden, ohne die Bevölkerung zu befragen, ohne sie zu informieren. Dabei wusste er nur zu gut, dass die oberirdischen Versuche Risiken für die Menschen bedeuteten. Das wusste er alles und hat sich trotzdem dafür entschieden. Deshalb sage ich: Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Temaru schaffte es, Französisch-Polynesien auf die Entkolonialisierungsliste der Vereinten Nationen zu setzen. Das heißt: Die UN soll den Weg in die Unabhängigkeit für die rund 250.000 Bürger Frankreichs überwachen und begleiten. Für Temaru ist klar: An der Not seines Landes ist einzig und allein Paris schuld - auch an der wirtschaftlichen Misere.

"Frankreich hat eine künstliche Wirtschaft eingeführt. 50.000 Menschen sind arbeitslos bei einer Gesamtbevölkerung von 250.000, das macht 20 Prozent. Das ist enorm für so ein kleines Land."

Frage der Unabhängigkeit spaltet das Land

Es ist eine Wirtschaft am Tropf: Statt selbstgefangenen Fisch zu essen, landet inzwischen importiertes Fleisch auf dem Teller der Insel-Bewohner. In den Straßen fahren dicke SUVs, in den Häusern leuchten abends die Flachbildfernseher. Alles wird importiert: Fleisch aus Neuseeland, Milch und Beton aus Frankreich. Die Wirtschaft ist nur noch nicht zusammengebrochen, weil Frankreich sein Überseegebiet jedes Jahr mit einer stattlichen Überweisung bedenkt.

Deshalb spaltet die Frage der Unabhängigkeit auch Polynesien. Der Befürworter Temaru wurde mehrfach als Präsident abgewählt und wiedergewählt. Das ursprüngliche Vertrauen in das Vaterland Frankreich ist nicht mehr da – aber auch nicht ganz weg. Nach vorne schauen, das können viele Menschen immer noch nicht. Teaitu Foster - Ex-Nachtclubbesitzer, Elektriker und Fischer – versucht es.

Ich darf auf seinem Motorboot mitfahren auf seine eigene kleine Insel. Durch das kristallklare Wasser flitzen ein paar helle Fische, dahinter beginnt der Korallenstrand.

Hier will Teaitu zurück zu den Ursprüngen von Polynesien. Kokospalmen pflanzen und das Kokosfleisch verkaufen. "La Coprah" nennen das die Bewohner. Gemeinsam setzen wir eine Kokosnuss in den Strand.

Obwohl Foster auch am französischen Atomtestprogramm mitverdient hat, ist er froh, dass es vorbei ist.

"Wir haben unsere Ruhe, dürfen wieder fischen, wann wir wollen, wir sind frei."

Diese Recherchereise auf die Inselgruppe Französisch-Polynesien wurde unterstützt durch die Heinz-Kühn-Stiftung.

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