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Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.08.2020

50 Jahre fairer HandelGute Preise, viel Verbesserung

Von Brigitte Lehnhoff

Beatrice Sebyala untersucht die Bananen-Ernte auf ihrem Bauernhof.  (Getty Images / Corbis Historical /  Andrew Aitchison )
Sorgfalt, die sich auszahlen soll: Kontrolle von Bananenstauden auf einer ökologisch-nachhaltigen Plantage in Uganda. (Getty Images / Corbis Historical / Andrew Aitchison )

Seit 50 Jahren engagiert sich die Fair-Handelsbewegung für Menschen im globalen Süden. Höhere Preise für Kaffee oder Bananen verbessern ihren Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Doch der Anteil fairer Produkte am Welthandel ist gering.

Bremen Überseestadt, das Kaffeelager der Logistikfirma Vollers. Auf der Anlieferungsrampe, vor einem der Rolltore, steht in gelber Warnweste Holger Schultze, verantwortlicher Manager für Import-Kaffee. "Hier geht es gleich um einen Container der Firma GEPA mit Rohkaffee", sagt Schultze, "370 Sack original Rohkaffee aus dem Land Honduras, der bei uns kontrolliert, entladen und eingelagert wird."

Faire Partnerschaft mit Produzenten

GEPA, das Kürzel steht für "Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt". Gegründet wurde die GEPA 1975, Hauptgesellschafter sind die Hilfswerke der katholischen und der evangelischen Kirche, Misereor und Brot für die Welt. Angestoßen wurde sie 1970 durch katholische und evangelische Jugendverbände. 

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Die Plombe des Containers ist mittlerweile geknackt, die Türen werden geöffnet. Ein entscheidender Moment, sagt Manager Schultze: "Der Container war nun zwischen zwei und sechs, sieben Wochen hermetisch abgeschlossen. Das heißt, alles das, was sich entwickeln kann an Feuchtigkeit, an Schädlingsbefall, an Geruch ist jetzt beim Öffnen der Türen das erste Mal am ersichtlichsten." Zwei Arbeiter stapeln Sack für Sack auf Holzpaletten. Alle Säcke sind makellos.

Den Welthandel gerecht gestalten

In Deutschland war die GEPA einer der Pioniere des fairen Handels. Was dieser erreichen soll, beschreibt Brot für die Welt so:

"Der faire Handel ist der ehrgeizige Versuch, den Welthandel langfristig gerecht zu gestalten. Er will die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen am Anfang der Lieferkette im globalen Süden verbessern und ihre politische und wirtschaftliche Position fördern."

Ein Regal mit Produkten der Fairhandelsorganisation Gepa auf der Gruenen Woche in Berlin 2007.  (Imago / Liesa Johannssen)Kaffee mit Gewissen: Preise für fair gehandelte Produkte enthalten Sozialprämien, die Kooperativen in den Partnerländern Investitionen in Bildung, Gesundheit und gute Ernährung ermöglichen sollen. (Imago / Liesa Johannssen)

Die Akteure verstehen sich als Partner, es gelten die Prinzipien Transparenz, Dialog und Respekt. Faire Handelsunternehmen gewähren Kleinerzeuger-Gemeinschaften im globalen Süden mehrere Vorteile, zum Beispiel garantierte Mindestpreise. Teresa Hoffmann, Referentin für fairen Handel bei Brot für die Welt, veranschaulicht die Wirkung am Beispiel von Kaffee:

"Aktuell liegt der Kaffeeweltmarktpreis bei ungefähr einem Dollar pro Pfund, der Kaffeemindestpreis für fairen Kaffee liegt bei einem Dollar, 40 Cent. Sprich, das sind 40 Dollarcent Unterschied, und das macht für Produzentinnen einen großen Einkommensunterschied."

Etwas mehr Geld für deutlich mehr Wert

Im höheren Preis für fair gehandelten Kaffee stecken weitere Fördermittel. Zum Beispiel sind für den Anbau manchmal Vorfinanzierungen notwendig, wie Wilfried Wunden, Referent für fairen Handel bei Misereor, erläutert:

"Um Kaffee überhaupt ernten zu können, brauchen Sie etwa fünf Jahre Vorlaufzeit, um alleine den Anbau zu planen, damit die entsprechenden Pflanzen wachsen. Man muss bedenken, dass in Fair-Trade-Produkten auch Prämien stecken, nämlich zusätzliche Sozialprämien, sodass Kooperativen die Möglichkeit haben, für ihre Leute zu sorgen im Bereich Bildung, im Bereich Gesundheit, im Bereich von guter Ernährung."

Von diesem System profitieren mittlerweile weltweit mehr als 2,5 Millionen Kleinbauern, Kunsthandwerker, Kleinstproduzenten und deren Familien. Misereor und Brot für die Welt sprechen von einer Erfolgsgeschichte. Sie begann 1970, als christliche Jugend- und Studentenverbände zu sogenannten Hungermärschen aufriefen. Rund 30.000 Menschen in mehreren Städten Deutschlands folgten dem Aufruf.

Nur ein Prozent des internationalen Handels gilt als fair

"Jugendliche hatten entdeckt, dass zwar in aller Welt Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen wurden, dass aber eigentlich die Strukturen der Kolonialisierung fortgeführt wurden", erklärt Winfried Wunden. "Entwicklungshilfe war darauf ausgerichtet, Abhängigkeiten zu schaffen und politische Interessen zu verfolgen. Kurzum: Jugendliche hatten ein Gefühl dafür, wie ungerecht es im Welthandel ablief, und gingen auf die Straße."

Den Protestierenden ging es letztlich um eine andere, eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung. Für dieses Thema sind mittlerweile zwar viele Menschen sensibilisiert. Aber immer noch gelten 99 Prozent des weltweiten Handels als nicht fair. Fair-Trade-Produkte befinden sich also nach wie vor in einer Nische.

Innerhalb der Bewegung gibt es unterschiedliche Meinungen über den richtigen Weg. Umstritten ist zum Beispiel, dass die GEPA Ende der 1980er-Jahre ihre Vertriebswege für Lebensmittel erweiterte und seitdem auch mit großen Einzelhändlern wie Edeka und Rewe kooperiert.

Umstrittene Kooperation mit Supermärkten

Christine Priessner vom Hamburger Verein "Mobile Bildung für die eine Welt" kennt die Kritik, Handelsketten polierten mit fair gehandelten Produkten nur ihr Image auf. "Es hat natürlich schon sehr dazu beigetragen, dass der faire Handel bekannter wird, dass die Produkte bekannter werden, und dass natürlich höhere Umsatzzahlen entstehen", sagt Priessner. Als Beispiel nennt sie Preise für Bananen: 

"Im fairen Handel kostet eine Banane circa 50 Cent. Wenn man sich genau anguckt, wie eine Banane wächst, wie sie gepflegt werden muss während des Anbaus, bis sie geerntet ist, dann denke ich mir, 50 Cent ist völlig legitim. Bei Aldi und Co bekommt man halt die Banane für 20 Cent, und da übernimmt einfach kein Aldi und kein Lidl und kein Rewe und kein Edeka Verantwortung dafür. Sie haben am allermeisten Einfluss auf diese Preise. Sonst niemand."

Preise unter den Herstellungskosten gehen zulasten der Produzenten, oft auch zulasten der Umwelt. Ein deutsches Lieferkettengesetz soll das in Zukunft unterbinden. Auch Misereor und Brot für die Welt engagieren sich dafür.

"Leider ist es immer noch so, dass Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden in globalen Lieferketten an der Tagesordnung sind und Unternehmen bis heute nicht haftbar gemacht werden können", sagt Teresa Hoffmann von Brot für die Welt. Für sie steht außer Frage: "Deutsche Unternehmen müssen Verantwortung entlang ihrer globalen Lieferketten übernehmen."

Werben um Nachwuchskräfte

Die kirchlichen Hilfswerke fordern zudem von der Bundesregierung, fristgerecht bis 2021 die EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken umzusetzen. Winfried Wunden von Misereor nennt ein Beispiel: "Dass man Kaffee erst 300 Tage nach Lieferung bezahlt, das ist Realität. Der Großteil des Kaffeehandels, 95 Prozent, ist nicht fair."

Aber auch die Fair-Handels-Bewegung selbst muss an sich arbeiten, meint Albrecht Voigt, Geschäftsführer des Süd-Nord-Kontors in Hamburg. Dieser Groß- und Einzelhandel für Fair-Trade-Produkte beliefert Weltläden und kirchliche Gruppen in Norddeutschland. Weltläden sind meist als eigenständige Vereine oder Genossenschaften organisiert und haben über Mitglieder und Mitarbeitende oft auch eine kirchliche Bindung.

"Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Weltläden sind älter oder sind sogar schon verrentet, arbeiten dort ehrenamtlich", sagt Voigt. "Da fehlt uns ein bisschen der Unterbau von jüngeren Menschen, weshalb wir auch Seminare anbieten und junge Menschen an das Thema fairer Handel heranführen wollen."

Auch Weltläden müssen sich entwickeln

Es geht aber auch um eine Modernisierung der Weltläden. Der Weltladen Bremen zum Beispiel präsentiert ein breites Sortiment offen und ansprechend. Ein dreiköpfiges Team Hauptamtlicher sorgt gemeinsam mit Freiwilligen für einen an Wochentagen durchgehend geöffneten Laden.

"Wir möchten, dass der faire Handel und auch der Weltladen wahrgenommen wird von der Bevölkerung, dass wir aus dieser Nische rauskommen", sagt Ilona Stemmer vom Team der Hauptamtlichen. Fair gehandelte Waren gibt es längst auch für Großverbraucher, von Lebensmitteln über Berufsbekleidung bis hin zur Bettwäsche für Krankenhäuser.

Die Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt sehen deshalb ihre Kirchen und deren Einrichtungen in der Pflicht. Auch sie müssten bei Einkauf und Konsum glaubwürdiger werden. Teresa Hoffmann sagt es so: "Wenn deren Nachfrage nach fairen und ökologischen Produkten steigen würde, dann steigt die Nachfrage allgemein, und dadurch haben sie eine große Verantwortung."

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