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Tonart | Beitrag vom 09.07.2021

50 Jahre EuropahymneEin Ohrwurm mit ambivalenter Geschichte

Rainer Pöllmann im Gespräch mit Carsten Beyer

Zwei nebeneinander wehende Europafahnen. (picture alliance / Winfried Rothermel )
Eine Europafahne wurde bereits 1955 geschaffen – die Europahymne folgte erst 1971. (picture alliance / Winfried Rothermel )

Lange wurde über eine Europahymne diskutiert - an der Spitze der Kandidaten stand immer Beethoven. Seit dem 9. Juli 1971 ist "das Vorspiel zur Ode an die Freude" in seiner 9. Sinfonie die Hymne. Packende Musik, allerdings mit schwieriger Geschichte.

Am 9. Juli 1971, also genau vor 50 Jahren, tagte in West-Berlin der "Ständige Ausschuss der Beratenden Versammlung des Europarats". Auf der Tagesordnung stand auch die Abstimmung über die "Resolution 492". Dabei ging es um die Schaffung einer Europahymne. Es fällt der Beschluss, eine Europahymne zu schaffen – mit einer nicht ganz unbekannten Melodie.

"Das Vorspiel zur Ode an die Freude im vierten Satz der Neunten Sinfonie von Beethoven" – so die genaue Formulierung der Resolution des Europarats – wird damit zur Europahymne. Ab 1972 ist das Stück dann auch Hymne der Europäischen Gemeinschaft, mit damals sechs Ländern.

Andere Vorschläge habe es in der Diskussion über eine Europahymne in den Jahrzehnten zuvor gegeben, erklärt der Musikjournalist Rainer Pöllmann. Einer der bekannteren ist die "Feuerwerkshymne" von Georg Friedrich Händel. Sie wurde zum Aachener Frieden komponiert und sei daher auch ein sehr beziehungsreicher Vorschlag gewesen.

Außerdem habe es viele regionale Kantaten und Hymnen gegeben, die aber nie europaweite Bedeutung erlangten. Beethoven habe immer ganz vorne auf der Liste gestanden.

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Mit der Entscheidung für diese Melodie eines der größten Komponisten des Kontinents habe man sich bewusst angeschlossen an eine schon bestehende Aufführungstradition, erklärt Pöllmann. "Allerdings im Guten wie im Schlechten." Beethovens 9. Sinfonie sei fast das ganze 19. Jahrhundert und auch das 20. Jahrhundert hindurch die Festmusik schlechthin gewesen – allerdings durchaus auch für totalitäre Herrscher, bis hin zur Geburtstagsmusik für Adolf Hitler. "Das ist schon eine Geschichte, die diese Musik auch mitbringt."

Der Ausschnitt, der ausgewählt wurde – das Vorspiel zur 9. Sinfonie – habe aber "durchaus das Zeug zur idealen Hymne": eine packende Musik mit einer leicht fassbaren Melodie und Ohrwurmqualitäten.

Hymne ohne Text wegen Schiller

Der Europarat existiert seit 1949, die Montanunion, die spätere EWG, aus der sich die Europäische Union entwickelte, war 1951 gegründet worden. Warum kam erst 1971 eine Hymne? Das Musikalische habe lange nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit bei den Staatssymbolen gestanden, so Rainer Pöllmann. Höhere Priorität hatte die Flagge, die es seit 1955 gibt. 1964 wurde der Europatag geschaffen, der jedes Jahr am 5. Mai stattfindet. Als drittes kam dann die Hymne.

Das Besondere an der Europahymne: Sie hat keinen Text, sie besteht nur aus Musik. "Auf Beethoven konnten sich alle einigen, auf Friedrich Schiller nicht unbedingt", sagt Pöllmann. Schillers Gedicht "Ode an die Freude" liegt Beethovens Musik zugrunde. Ein Grund sei die Skepsis gewesen, zur damaligen Zeit deutsche Verse zur Hymne für ganz Europa beziehungsweise damals ganz Westeuropa zu machen.

Hip-Hop-Versionen beim Europarat

Obwohl die Europahymne ein urheberrechtlich geschütztes Arrangement von Herbert von Karajan sei – bis 2059 bekommen die Erben bei jeder Aufführung Tantiemen – gibt es aber dennoch "nicht ganz so offizielle Versionen". Beim Europarat gibt es, um dem Musikgeschmack Europas gerecht zu werden, Hip-Hop-Versionen der Europahymne.

(abr)

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