Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2010

50 Jahre afrikanische Unabhängigkeit

Ein Schwerpunkt beim Pariser "Salon du livre"

Von Margrit Klingler-Clavijo

Podcast abonnieren
Plakat des "Salon du Livre" 2007 (Salon du Livre / Photographe Emmanuel Nguyen Ngoc)
Plakat des "Salon du Livre" 2007 (Salon du Livre / Photographe Emmanuel Nguyen Ngoc)

Bei der Schwerpunktreihe auf der Pariser Buchmesse zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit Afrikas war man sich einig, dass weder Afrika noch Europa Grund zum Feiern haben.

"Es ist paradox, mit anzusehen, wie das sogenannte '50. Jubiläum der afrikanischen Unabhängigkeit' gefeiert wird. Afrika befindet sich in einer traurigen Situation - mit all den Bürgerkriegen und Diktaturen. Der Kontinent gibt ein düsteres Bild ab, bei näherem Hinsehen erkennt man, dass Afrika immer noch von den ehemaligen Kolonialherren abhängig ist. Die Unabhängigkeit muss allumfassend sein, im Bewusstsein und im realen Leben."

So äußerte sich Alain Mabanckou auf dem Pariser "Salon du livre"; der 50 Autoren des frankophonen Afrika und anderen Ländern ein Forum bot, um über die Unabhängigkeit Afrikas und deren Folgen zu diskutieren. Dabei wurde die Buchmesse zum Schaufenster für eine transkontinentale Literatur, die in den letzten zehn Jahren in Frankreich, Europa und den USA von Autoren wie Alain Mabanckou, Patrice Naganang, Wilfried N´Sondé etc. geschrieben wird, polyglotten Nomaden einer weit verzweigten afrikanischen Diaspora.

Dass man wieder versuchte, sie in das enge Korsett der Nationalliteratur zu pressen - Veranstalter wie CulturesFrance wollten zwar den Dialog mit Afrika fördern, haben jedoch die Diskussionsrunden national ausgerichtet – zeigt, wie schwer der Abschied von literarischen Kategorisierungen fällt. Französisch schreibende Autoren aus Afrika und der Karibik wurden lang der Peripherie zugerechnet, während Autoren aus Frankreich im Zentrum standen.

Von Alain Mabanckou und anderen Autoren soll im Mai ein Sammelband mit Aufsätzen erscheinen, der als Abgesang auf überholte Vorstellungen von einer nationalen Identität angelegt ist und eine "Welt-Identität" propagiert. Die 1973 in Douala geborene und in Paris schreibende Léonora Miano arbeitet schon seit Langem an einer grenzüberschreitenden Poetik:

"Ich widersetze mich der westlichen Vorstellung von Nation. Beim Schreiben beziehe ich mich nicht auf ein konkretes Land, vielmehr auf eine menschliche Nation. Meine Texte beziehen sich auf Menschen, die bestimmte Erfahrungen teilen wie schwarz und kolonisiert zu sein. Das "real existierende Land" interessiert mich kaum. Außerdem schreibe ich Romane, in denen die Grenzen abgeschafft sind. Grenzen nimmt man viel zu wichtig, Sie hindern uns manchmal, Probleme zu lösen."

Léonora Miano verknüpft in Erzählungen wie AFROPEEN SOUL die Dörfer Kameruns mit den Pariser Banlieues und übt harsche Kritik an den politischen Verhältnissen in Europa und Afrika. Autoren der Diaspora werden häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, die Bodenhaftung, sprich den Kontakt zu Afrika verloren zu haben. Dagegen verwahrt sich der ebenfalls aus Kamerun stammende Alain Patrice Naganang, der in Frankfurt über
Bertolt Brecht promovierte und heute in den USA unterrichtet.

"Die Literatur wird nach wie vor in Afrika geschrieben. Mittlerweile wird auch in Ländern wie Kamerun viel publiziert. Meines Erachtens gehören nicht nur Romane, Essays und Gedichte zur Literatur, sondern auch historische Texte, die Augenzeugenberichte, die in den Wahrheits- und Versöhnungskommissionen vorgetragen werden, hunderte in Ruanda, Liberia und andernorts verfasste Texte. Diese Texte verhelfen dem Recht zu seiner Geltung. So kann allmählich eine Kultur entstehen, in der der Mensch respektiert wird."

Die Empörung über Ausgrenzung und Rassismus, die Ablehnung einer restriktiven Einwanderungspolitik und die Suche nach einem neuen Humanismus, haben Schriftsteller wie Mahmadou Mahmoud N´Dongo und Eugénie Opou dazu geführt, sich politisch zu engagieren. Eugénie Opou wurde nach langjähriger Vereinsarbeit Sekretärin der Sozialistischen Partei Frankreichs. 2005 publizierte sie einen Essay über die Erscheinungsformen moderner Sklaverei, wobei sie von ihrer Vereinsarbeit mit afrikanischen Frauen ausging:

"Ich schreibe über ein junges Mädchen aus Mali, um das ich mich in meinem Verein gekümmert habe. Vielen Mädchen, die nach Europa kommen und sich der Prostitution verweigern, ergeht es wie ihr. Sie werden ertränkt, aus dem Fenster geworfen. Und dann heißt es, die Leiche eines jungen Mädchens wurde gefunden, im Wasser, ihre Personalien sind nicht bekannt - und damit ist der Fall erledigt. Solche Fälle gibt es haufenweise, und das im 21. Jahrhundert, in Europa – das ist moderne Sklaverei."

Bei der Schwerpunktreihe auf der Pariser Buchmesse zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit Afrikas war man sich einig, dass weder Afrika noch Europa Grund zum Feiern haben. Frankreich hat sich seiner Kolonialgeschichte nie wirklich gestellt Afrika tut sich schwer, den Machthunger der Präsidenten zu begrenzen, die Rohstoffgier der Industrienationen. Über diese und andere Missstände sowie ihre Träume von einer Weltgesellschaft ohne Rassismus und Ausgrenzung haben die fünfzig Autoren aus Afrika gesprochen, selbstbewusst und mit subversivem Humor.

Kulturpresseschau

Aus den Feuilletons007 jagt Dr. No
Sean Connery als 007 überreicht Eunice Gaysson als Sylvia in dem britischen Film "James Bond - 007 jagt Dr. No" Casino-Chips. (dpa - Bildarchiv)

"Aus der peitschenden Geliebten wurde eine brave Ehefrau", lesen wir in der "Süddeutschen Zeitung" über Ian Flemmings Partnerin Anne. Und weil ihn fortan die Ehe so sehr langweilte, habe er die titanische Popfigur James Bond erfunden, heißt es.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur