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Fazit | Beitrag vom 20.06.2020

44. Bachmann-PreisHelga Schubert gilt als Favoritin

Wiebke Porombka im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Porträt von Helga Schubert (ORF)
Helga Schubert war bereits 1980 zum Bachmannp-Preis eingeladen worden, erhielt von der DDR aber keine Reiseerlaubnis. Nun nimmt sie teil und gilt als Favoritin. (ORF)

Zum 44. Mal konkurrieren Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Deutschland, der Schweiz und Österreich in Klagenfurt um den Bachmann-Preis. Als Favoritin gilt die 80-jährige Helga Schubert - mit ihrem empathischen Text über Empathielosigkeit.

Auch die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mussten sich in diesem Jahr der Coronalage fügen. Die Lesungen der 14 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Deutschland, der Schweiz und Österreich waren voraufgezeichnet und die Jurymitglieder wurden per Video zugeschaltet. Auch gab es diesmal kein Live-Publikum im Studio.

Für unsere Literaturredakteurin Wiebke Porombka ist die 80-jährige Helga Schubert eine der Favoritinnen des Wettbewerbs. Die gebürtige Berlinerin war bereits 1980 zum Bachmann-Preis eingeladen worden, erhielt von der DDR aber keine Reiseerlaubnis. Ende der 80er-Jahre saß die Ostdeutsche dann in der Jury. "Kärnten als Ort deutsch-deutscher Begegnung vor 1989", beschreibt Porombka dieses Kapitel des Wettbewerbs..

Ein empathischer Text über Empathielosigkeit

In ihrem autofiktionalen Text "Vom Aufstehen" erzählt Schubert von den Lebenserfahrungen einer Tochter mit ihrer vom Weltkrieg geprägten Mutter. Darin "verdichtet sich das ganze Grauen, das diese Generation erlebt hat, aber eben auch das Manko, was sie mit sich getragen hat, nämlich diese Empathielosigkeit. Und das Schöne ist, dass dieser Text wiederum keine Abrechnung mit der Mutter ist, sondern im Gestus der Versöhnung, des Verzeihens daherkommt. Also Helga Schubert: Jemand, der die Empathie gelernt hat", sagt Porombka.

Laura Freudenthaler trägt ihren Text vor. (ORF/Johannes Puch)Laura Freudenthaler wurde von der Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant zum 44. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. (ORF/Johannes Puch)

Auch Laura Freudenthaler gilt als Favoritin. Die 1984 geborene Österreicherin habe mit "Der heißeste Sommer" einen konzentrierten, subtilen und eminent politischen Text geschrieben, "der ein apokalyptisches Szenario eröffnet; der mit biblischen Motiven der Plage spielt", so Porombka weiter. Ein vieldeutiger Text, der "ein ganz großes Unbehagen nachklingen lässt". Man wisse mit Blick auf die Erzählerin und deren Freund nie: "Wer sind die? Sind sie Versehrte? Sind sie Schuldige? Oder sind sie vielleicht beides?"

Eine frustrierte Jury ohne Publikum als Regulativ

Auch wenn der ORF mit dieser digitalen Notvariante die Herausforderung, einen solchen Wettbewerb unter Coronabedingungen abzuhalten, bestanden habe, so Porombka, sei dieses Format nicht zukunftsträchtig. Vor allem weil das Live-Publikum fehle, begründet sie ihre Ansicht: "Das Publikum ist wirklich ein ganz entscheidender Faktor bei diesem Preis, nämlich als eine Art Regulativ, das einen Kontext herstellt, das auch noch mal die Jury zur Selbstbefragung auffordert."

Vielleicht hätte das Publikum einigen Druck aus den Diskussionen der Jury nehmen können. Porombka verzeichnete dort jedenfalls eine gewisse Frustration – ausgelöst durch Philipp Tingler. Dieser habe seine neue Tätigkeit als Juror mit der Möglichkeit zur bloßen Selbstdarstellung verwechselt, sagt sie. "Das hatte auch komische Momente. Man muss sich das so vorstellen: Die Juroren waren ja teils von zu Hause zugeschaltet, und er hatte sein ganzes Wohnzimmer drapiert im Stile eines großbürgerlichen Dandys" samt Porträt von Margaret Thatcher im Hintergrund.

(ckr)

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