360 Revolutionen pro Minute

18.05.2012
Die Liebesgeschichte "Only Revolutions" von Mark Z. Danielewski ist weniger ein Roman, als ein experimentelles Langgedicht. Erzählstränge und Zeitebenen sollen beim Lesen permanent gewechselt werden. Das macht - nach kurzer Eingewöhnung - richtig Spaß.
Zwei verknallte Jugendliche auf ihrem Road Trip durch die Vereinigten Staaten: rastlos, mittellos, zügellos. Sam und Hailey, "für immer sechzehn," stehen für eine ganze Generation Rastloser, auf der Suche nach sich selbst, schnellen Abenteuern und absoluter Freiheit. Dass sich auch der Autor freimacht von Konventionen wie Satzbau, Wortwahl und Typografie, macht diesen Roman zu einer echten Herausforderung.

Die Herausforderung an den Leser beginnt bereits mit der Entscheidung, wo man anfängt zu lesen. Denn je nachdem, ob man vom blauen oder vom roten Buchrücken zu lesen beginnt, wird die Geschichte aus Sams oder aus Haileys Perspektive erzählt. In den Randspalten hat der Autor historische Daten versammelt, teils fiktionale, teils authentische, meist nur lose mit der Hauptgeschichte verwoben.

Der Verlag empfiehlt, nach jeweils acht Seiten die Perspektive zu wechseln, das Buch also um 180 Grad zu drehen. Doch Anweisungen sollte man bei einem Buch, das sich selbst an keine Konventionen hält, nicht allzu ernst nehmen. Da die Erzählstränge der beiden Protagonisten so eng miteinander verwoben sind, treibt die Neugierde den Leser eher zum häufigeren Drehen und Wenden. Bis sich alles dreht.

Und zwar um 360 Grad. Auf 360 Seiten, mit exakt 360 Worten und 36 Zeilen pro Seite präsentiert sich "Only Revolutions" als genau durchgeplant. Und so geht es im Titel auch nicht um politische Umstürze, sondern um die "revolutions per minute," die Umdrehungen pro Minute, in denen die Abspielgeschwindigkeit von Schallplatten bemessen wird – oder eben die Lesegeschwindigkeit dieses temporeichen Romans. Wobei die Frage ist, ob es sich hier überhaupt um einen Roman handelt oder eher um eine Art Langgedicht, im freien Vers zwar, aber häufig doch gereimt. Der Wortschatz der Protagonisten, lässt sich vielfach in keinem Wörterbuch finden. Die kongenialen Übersetzer, Gerhard Falkner und Nora Matocza, haben es dennoch geschafft, diesen Erfindungsreichtum ins Deutsche zu übertragen, wenn Sam mal wieder "rempeltölpelt" und Hailey "quizzfragt."

Für die Ewig-sechzehn-Jährigen nimmt der Trip schließlich ein tragisches Ende. Dabei bedient sich Danielewski der verschiedensten literarischen Traditionen. Von Pounds "Cantos" bis Kerouacs "On the Road" wird alles gestreift, was einmal Avantgarde gewesen ist. Ganz zu schweigen von tragischen Vorbildern wie Tristan und Isolde und stilistischen Streifzügen durch die Postmoderne.

Gleichzeitig wirkt Danielewskis typografischer Experimentalroman wie ein Werk aus der Zukunft. Der Autor scheint vom Computer her gedacht zu haben, der Möglichkeit, mit einem Klick hin und her zu springen und so mühelos von einer Zeitebene in die andere zu wechseln, von einer Perspektive in die nächste. Um "Only Revolutions" zu lesen, bedarf es einer gewissen Eingewöhnungsphase. Aber hat man das anfängliche Schwindelgefühl erst einmal überwunden, ist es ein Vergnügen, frei zwischen den Erzählsträngen hin und her zu wechseln und so die eigentliche Geschichte selbst zu entdecken.

Besprochen von Sarah Zerback

Mark Z. Danielewski: Only Revolutions
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
Tropen Verlag, Stuttgart 2012
360 Seiten, 24,95 Euro


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