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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.09.2016

30 Jahre Pro Asyl"Damals war die Stimmung schlimmer"

Jürgen Micksch im Gespräch mit André Hatting

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Flüchtlinge auf dem Hauptbahnhof in München (picture alliance/dpa/Foto: Sven Hoppe)
Ankommende Flüchtlinge werden 2015 auf dem Hauptbahnhof München begrüßt . Seit 30 Jahren setzt sich die Organisation Pro Asyl für die Belange der geflüchteten Menschen ein. (picture alliance/dpa/Foto: Sven Hoppe)

Die Organisation Pro Asyl begeht heute ihr 30jähriges Bestehen. Bei der Gründung 1986 sei die Stimmung in der Bevölkerung durchweg rassistisch gewesen, erinnert sich Gründer Jürgen Micksch. Die gesellschaftliche Situation habe sich seitdem deutlich verbessert.

"Es gab damals eine durchweg rassistische Stimmung in der ganzen Bevölkerung", so beschreibt Gründer Jürgen Micksch im Deutschlandradio Kultur die Motivation für die Gründung der Organisation Pro Asyl. Sie wurde heute vor 30 Jahren in Frankfurt am Main ins Leben gerufen - in einer bestimmten Atmosphäre der Fremdenfeindlichkeit:  

"Damals war die Situation schlimmer als heute - was die Bevölkerung und die Stimmung anbelangt. Und niemand hat sich für diese, damals relativ wenigen Flüchtlinge ausgesprochen und eingesetzt. Und da habe ich überlegt, dass wir einfach einige Leute zusammenbekommen müssen, um den Flüchtlingen eine Stimme zu geben. Dass wir uns dafür einsetzen, dass man ihre Stimme versteht."

Bürgerwehren wollten die Aufnahme von Flüchtlingen verhindern

Damals sei fast die ganze Gesellschaft der Meinung gewesen, dass man diese Flüchtlinge nicht brauche, berichtet Micksch über die Gründerjahre. In einigen Orten hätten sich sogar Bürgerwehren gebildet.

"Sie haben versucht zu verhindern, dass Flüchtlinge überhaupt in den einzelnen Orten aufgenommen werden konnten. Das waren dann vielleicht so zehn Flüchtlinge. Ich war in Tutzing zu jener Zeit. Und der Ort stand Kopf. Man fühlte sich überfremdet. Wenn ich heute nach Tutzing schaue, dann haben wir dort über 300 Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Wir haben dort eine Flüchtlingsunterkunft. Und es ist eine völlig veränderte Stimmung."

Von der Ablehnung von Pro Asyl zur Akzeptanz

Die Arbeit von Pro Asyl sei in den ersten Jahren sehr abgelehnt worden, so erinnert sich Micksch:

"Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis die Persönlichkeiten aus den Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und so weiter überhaupt zu einer richtigen Zusammenarbeit bereit waren. Und bis dann langsam eine Akzeptanz erfolgte. Das hat tatsächlich Jahrzehnte gedauert."

Heute habe Pro Asyl rund 22.000 Mitglieder, "die in großartiger Weise bereit sind zu helfen", so Micksch:

"Wir haben eine völlig veränderte gesellschaftliche Situation, weil wir Zehntausende von engagierten Menschen haben, die wir ansprechen können. Das hat man ja beim dem Begriff 'Willkommenskultur' gesehen, was sich hier in Deutschland verändert hat. Da haben wir in 30 Jahren eine völlig veränderte Situation."

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