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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 29.09.2020

30 Jahre Deutsche EinheitKeine Angst vor einer gespaltenen Gesellschaft

Ein Kommentar von Annette Simon

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Westdeutsche sitzen am 27.9.1999 auf der Berliner Mauer und feiern die Grenzöffnung. (Getty / Hulton Archive / Stephen Jaffe)
Wuchs zusammen, was zusammen gehört? - Berliner aus dem Osten und Westen der Stadt feiern die Grenzöffnung. (Getty / Hulton Archive / Stephen Jaffe)

Den typischen DDR-Bürger gab es nicht. Das Land war ebenso heterogen wie das heutige Deutschland, meint Annette Simon, Psychoanalytikerin und Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf. Es gelte, Verschiedenheit anzunehmen und Konflikte auszutragen.

Den Wunsch von Willy Brandt, dass jetzt zusammenwachse, was zusammen gehöre, fand ich schon immer eine eher unzutreffende Illusion. Und obwohl ich wusste, wie es gemeint war, standen mir leider als Bild siamesische Zwillinge vor Augen, die an den verschiedensten Stellen eine Einheit bilden und denen man eine Trennung dringend wünscht.

An meinem Ostberliner psychoanalytischen Institut hielten wir im vorigen Jahr zum Tag des Mauerfalls eine Tagung ab, die unter dem Titel stand: "Gehört zusammen, was gewachsen ist?" Diese Frage fand ich eher anregend, berücksichtigte sie doch, dass 40 Jahre auf beiden Seiten der Mauer verschiedene Leben gelebt wurden, und dass auch in den letzten 30 Jahren noch getrennte Entwicklungen vonstattengegangen sind.

Den Osten nicht als Problemkind sehen

Leider ist der Osten des Landes lange Zeit zu sehr als das zu fördernde Problemkind gesehen worden, das nach den existentiellen Verwerfungen und den Abwertungen nicht so gut zurechtgekommen ist und eher um sich schlägt, als dankbar zu sein. Dabei gäbe es auch Erfolgsgeschichten zu erzählen, von Zuwachs an Selbstbewusstsein und Kreativität, von intensivem Nachdenken über die DDR-Vergangenheit.

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Denn wir waren doch schon in der DDR nie eins, nie eine homogene Masse. Ich muss mich nur intensiv an Elternabende in den 80er-Jahren in den Schulen meiner Kinder erinnern, in denen uns die Wehrerzie­hung von Lehrern und anderen Eltern intensiv nahegebracht werden sollte. Oder an den DDR-Alltag, in dem die individuellen Regungen Einzelner meist als Störungen des kollektiven Wohlbefindens abgebügelt wurden. Oder wie wir unseren Sohn schon im zarten Alter von sieben Jahren vor der zukünftigen Einberufung zur DDR-Armee bewahren wollten, weil wir nur allzu genau über den Drill und die Entwürdigungen dort Bescheid wussten.

Gespalten in Herrscher und Beherrschte

Nein, mit einem ehemaligen Offizier der DDR-Armee verbindet mich weniger als mit einer 68er-Generations­ge­nossin aus Westberlin, die mal in der SEW war, ausgeschlossen wurde und dann durch die Mühen der Demokratie gestapft ist.

Die DDR war ein heterogenes Gebilde und eine gespaltene Gesellschaft, gespalten in Herrscher und Beherrschte, wobei die Trennlinien dazwischen alles andere als scharf waren. Die Ostdeutschen teilten den gleichen Erfahrungsraum, in dem sie sich sehr unterschiedlich verhielten.

Heftige Ost/Ost-Auseinandersetzungen

Mit der schnellen Vereinigung wurden die Machtverhältnisse verändert, aber die gesellschaftlichen Konflikte, die ja schließlich zur friedlichen Revolution geführt hatten, konnten nicht weiter ausgetragen werden und wurden teilweise unter den Teppich gekehrt. Sie schwelen weiter, und immer wieder habe ich in den letzten Jahren bemerkt, dass Ost/Ost-Auseinandersetzungen heftiger sein können als Ost/West-Gespräche.

Wir sind jetzt 30 Jahre vereint und unterliegen gemeinsam aufgrund von Globalisierung, Digitalisierung und jetzt durch die Pandemie einem hohen existenziellen Druck. Da brauchen wir uns gegenseitig und sollten vielleicht versuchen, uns in unserer gewachsenen Verschiedenheit anzunehmen, ohne die Austragung der Konflikte zu umgehen.

Mehr Dankbarkeit für eine friedliche Revolution

In allen Statistiken klafft eine merkbare Lücke zwischen dem hohen ökonomischen Status der Deutschen und der Wahrnehmung von Zufriedenheit über die eigene Lebenssituation. Mir fehlt oft das ausgedrückte Gefühl der Dankbarkeit im privaten und öffentlichen Diskurs. Dankbarkeit darüber, dass nachdem Deutschland im vorigen Jahrhundert zwei mörderische Kriege vom Zaun gebrochen hatte, wir nun eine friedliche Revolution und Vereinigung erlebt oder mitgestaltet haben. Dass wir in einer gesicherten Demokratie leben.

Diese Demokratie auch zu verändern, ist allerdings anstrengend, konfliktreich und mühsam.

"Anmut sparet nicht noch Mühe. Leidenschaft nicht noch Verstand". Wie sehr hätte ich mir den Text von Brecht und die Musik von Eisler als unsere neue gemeinsame Nationalhymne gewünscht, als Zeichen das wir zusammen ein neues Gebilde schaffen, in dem man wachsen kann.

   (Foto: Vaughan Melzer) (Foto: Vaughan Melzer)Annette Simon arbeitet als Psychoanalytikerin in Berlin. In der DDR sammelte sie 16 Jahre lang Erfahrungen als Therapeutin in einer Ostberliner Psychiatrie. Seit den 1970er Jahren engagierte sie sich in oppositionellen Gruppen in der DDR und wurde 1989 Mitglied im Neuen Forum. 2009 erschien ihr Essayband "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. Versuch über ostdeutsche Identitäten".

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