Freitag, 04.12.2020
 

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 02.10.2020

30 Jahre Deutsche EinheitGleiche Chancen als Zukunftsziel

Ein Kommentar von Jana Hensel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Frauenhände greifen nach der Sonne (Illustration) (imago images / Donna Grethen)
Eine Gesellschaft zu schaffen, in der Chancen gleich verteilt sind, müsse vorrangiges Ziel in Deutschland sein, fordert die Autorin Jana Hensel. (imago images / Donna Grethen)

Die deutsche Einheit auf die Annäherung von Ost und West zu verengen, greife zu kurz, meint Publizistin Jana Hensel. Im bunten Deutschland von heute liege die Herausforderung darin, allen Menschen gleiche Chancen auf Bildung und Wohlstand zu gewähren.

Ich will ehrlich sein: Ich kann den Satz von Willy Brandt "Nun wächst zusammen, was zusammengehört" nicht mehr hören. Er geht mir mittlerweile schlicht auf die Nerven. Seit mehr als 20 Jahren wird er uns Ostdeutschen regelmäßig zum Tag der Deutschen Einheit vorgesetzt, damit wir wieder und wieder auf diesem alten Satz herumkauen dürfen. So richtig er einst war, so hinderlich ist er heute.

Natürlich gehören die Ost- und Westdeutschen längst zusammen. Gemeinsam mit den rund 25 Prozent der Menschen in Deutschland mit Einwanderungsgeschichte bilden wir schon längst ein Land, eine Gesellschaft, gern auch ein Volk. Kaum jemand stellt das doch wirklich in Zweifel! Die Frage ist nicht mehr, ob wir zusammengehören oder nicht, ob wir ein Volk sind oder nicht, sondern: auf welche Art und Weise wir momentan zusammenleben? Und auf welche Art und Weise wir in Zukunft zusammenleben wollen? So gewendet bildet der Satz von Willy Brandt plötzlich kein Dogma mehr, sondern er wird zu einem Möglichkeitsraum.

Eine Gesellschaft der Unterschiede

Wie wollen Ost und West, Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Einwanderungsbiografie in Zukunft zusammenleben? Das ist die zentrale Frage. Und diese Frage ist weiterhin offen und muss beantwortet werden. Nicht nur zum Tag der Deutschen Einheit, sondern eigentlich an 365 Tagen im Jahr.

Denn auch wenn wir ein Land, eine Gesellschaft, von mir aus auch ein Volk sind, so sind es doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen der Gesellschaft, die dieses Land prägen. Gemeinsam mit meinen Kollegen von der "Zeit" haben wir in dieser Woche eine Studie veröffentlicht, die zum ersten Mal genau zeigt, wie es den Ostdeutschen in Ost und West und wie es den Westdeutschen in Ost und West wirklich geht. Das klingt auf den ersten Blick verwirrend und mancher wird fragen, was denn daran neu sein soll? Studien zum Stand der Deutschen Einheit sind doch so alt wie die Einheit selbst.

Wohnort bestimmt nicht die Lebenseinstellung

Ja und nein. Bisher nämlich haben wir bei solchen Studien immer in die Regionen geschaut. Alle in Ostdeutschland lebenden Menschen waren demnach Ostdeutsche, alle in Westdeutschland lebenden Westdeutsche, obwohl seit es 30 Jahren eine gewaltige Pendelbewegung in beide Landesteile gibt. Anders gesagt: Ost- und Westdeutsche leben heute überall. Wer wissen will, wie es ihnen geht, muss die einzelnen Gruppen untersuchen und nicht nur in die Regionen schauen.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Und diese Studie hat ergeben, dass Ostdeutsche Ostdeutsche bleiben, egal, wo sie wohnen. Und dass Westdeutsche Westdeutsche bleiben, auch egal, wo sie wohnen. Ostdeutsche verdienen überall weniger, sie besitzen überall viel weniger Vermögen und sie nehmen auch ihre politischen Einstellungen und Werte überall mit hin wie einen Rucksack.

Noch immer kein gleicher Lebensstandard

Diese Daten zeigen schwarz auf weiß: Ja, die Deutschen leben seit 30 Jahren zusammen, einen ähnlichen Lebensstandard wie die Westdeutschen aber haben die Ostdeutschen noch lange nicht erreicht. Und darin gleichen sie den Menschen mit Migrationsgeschichte. Das wissen wir aus anderen Studien schon länger.

Dies zu konstatieren ist keine Klage, sondern schlicht die Beschreibung der Realität. Man muss sie lediglich zur Kenntnis nehmen. So könnte ein Gespräch unter Deutschen beginnen. Denn so werden die Fragen aus einem diffusen wolkigen Irgendetwas konkret, sehr konkret. Und sie lauten: Wie bauen wir diese Gesellschaft um, dass in Zukunft wirkliche gleiche Chancen auf Bildung, auf gesellschaftlichen Aufstieg, auf Wohlstand für alle gelten können? Und dass es nicht länger nur wenige gibt, die über größere Privilegien als andere verfügen. Diese Aufgabe ist gewaltig.

Deutschland ist heute ein vielfältiges und äußerst diverses Land. Es besitzt nicht nur eine wiedervereinigte, sondern obendrein eine vielfältige und sehr diverse Identität. Stellen wir uns dieser Realität und fangen wir am besten am 4. Oktober an, für diese großen und offenen Fragen Antworten zu suchen.

    (picture alliance / dpa / Kirsten Nijhof) (picture alliance / dpa / Kirsten Nijhof)Jana Hensel, aufgewachsen in Leipzig, Studium der Germanistik und Romanistik. 2002 erschien ihr Generationenbuch "Zonenkinder", das über ein Jahr auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Seitdem ist sie als Autorin tätig, unter anderem für "Die Zeit". Im November erscheint ihr gemeinsam mit Naika Foroutan verfasstes Buch "Die Gesellschaft der Anderen" im Aufbau Verlag.

Mehr zum Thema

30 Jahre Deutsche Einheit - Jammer-Ossis, Besser-Wessis
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 01.10.2020)

30 Jahre Deutsche Einheit - Von der Profitgier des Stärkeren überrollt
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 30.09.2020)

30 Jahre Deutsche Einheit - Keine Angst vor einer gespaltenen Gesellschaft
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 29.09.2020)

Politisches Feuilleton

Umgang mit SterblichkeitDem Tod das Leben entgegensetzen
Ein Urnengab, ausgelegt mit grünem Kunstrasen und dekoriert mit Blütenblättern. (laif / Katja Hoffmann)

Der Tod macht vielen Menschen Angst. Deshalb vermeiden sie es, über den Tod als Bestandteil des Lebens zu sprechen. Unsere Autorin Gesine Palme hält dagegen: Unser Leben würde besser, wenn wir es im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit lebten.Mehr

Wandel bewältigenMit Paul Cézanne neues Denken lernen
Das Gemälde "Montagne Sainte Victorie" von Paul Cézanne (1839-1906). (imago / History Archive)

Probleme wie den Klimawandel werden wir nicht lösen können, wenn wir uns nicht von erstarrtem Denken verabschieden, meint der Philosoph Hans Rusinek. Wie wir die Welt als Werdendes und Fließendes sehen können, könne uns der Maler Cézanne lehren.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur