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Studio 9 | Beitrag vom 11.03.2021

30 Jahre Anti-AKW-ProtestDer "Atomwolf" von Gundremmingen

Von Christian Volk

Ein Mann mit grauen Haaren und Schnauzbart steht im schwarzen Kapuzenshirt vor einem Atomkraftwerk, aus dem weißer Rauch in den blauen Himmel aufsteigt. (Deutschlandradio / Christian Volk)
Kampf gegen Atomkraft als Lebensaufgabe: Thomas Wolf vor dem Kernkraftwerk Grundremmingen. (Deutschlandradio / Christian Volk)

Seit mehr als 30 Jahren protestiert Thomas Wolf jeden Sonntag vor dem Atomkraftwerk Gundremmingen, 1500 Sonntage bisher. Auch wenn das AKW Ende 2021 abgeschaltet sein wird, will er weitermachen. Denn das Problem mit dem Atommüll bleibt.

Ein Wecker klingelt. "Das ist mein Alarm. Auf zur Mahnwache!", sagt Thomas Wolf. Der Wecker klingelt jeden Sonntag und erinnert ihn an seinen Protest.

Wolf steht vor dem Atomkraftwerk in Gundremmingen in der Nähe von Günzburg. Seit mehr als 30 Jahren kommt er jeden Sonntag hierher, um gegen Atomkraft zu protestieren. 

"Wenn Ihnen ein Stück Zahn abbricht, dann haben Sie da eine scharfe Kante drin. Wenn Sie mit der Zunge hingehen, tuts weh, aber Sie können es nicht lassen, mit der Zunge dahinzugehen", sagt Wolf. "Und so ist es mit mir und dem Atomkraftwerk. Ich kann es einfach nicht lassen."

1500 Sonntage Protest

Thomas Wolf ist 59, in Gundremmingen wird er von vielen "Atomwolf" genannt. Wenn man es hochrechnet, hat er etwa 1500 Sonntage vor dem Atomkraftwerk gestanden. Und wenn er wirklich mal nicht konnte oder in Urlaub war, hat er sich eine Vertretung gesucht.

"Natürlich hat man häufig keine Lust. Also wer steht schon gern im Februar, wenn es Schneeregen hat, eine halbe Stunde in der Pitschnässe vor diesem Atomkraftwerk. Spaß macht es nicht. Aber ich fühle es als eine Verpflichtung."

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Es ist ein kalter Februartag. Wolf hat nur einen Pullover an, vergräbt die Hände in den Hosentaschen. Sein grauer Schnauzer ist an ein paar Stellen schon gelb vom vielen Rauchen.

Angefangen hat sein Kampf gegen die Atomkraft mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986. Da merkt Wolf zum ersten Mal, was für eine Gefahr die Atomkraft sein kann:

"Ich hatte gedacht, dass Tschernobyl die totale Wende in unserer Atompolitik macht. Dass Atomkraftwerke abgeschaltet werden und dass man tatsächlich darüber nachdenkt, wie man denn eine vernünftige Energieversorgung sicherstellen kann. Aber diese vielen Opfer, die Tschernobyl gefordert hat, haben leider nicht ausgereicht."

Von da an wird das Atomkraftwerk zu seiner Lebensaufgabe. Er geht zur Mahnwache, organisiert Proteste, schreibt sogar einen Song: "Mir land et lugg". Schwäbisch für "Wir lassen nicht locker". Und er blockiert Castortransporte, zusammen mit seiner Frau:

"Entweder habe ich blockiert oder sie hat blockiert, weil man ja nicht wusste: Kommt man in den Knast, kommt dann nicht mehr raus? Und wer kümmert sich dann zu Hause um die Katze?"

Mit dem Wachschutz auf Du und Du

Ins Gefängnis musste Wolf deshalb nie. Trotzdem ist er mit den Jahren ruhiger geworden. Mit den Wachmännern vom Werkschutz neckt er sich manchmal, wenn er mal wieder vor dem Kraftwerk steht und sie mal wieder Fotos von ihm machen müssen.

"Sie fahren meistens mit dem Auto vorbei, man grüßt sich freundlich, manchmal ratscht man ein bisschen. Und ab und zu machen sie Bilder von uns."
"Genau!"
"Ich glaube, ihr habt mehr Bilder von mir als ich."
"Okay. Ich versuche, freundlich zu gucken."
"Dankeschön."

Nach Fukushima sind wieder Zehntausende auf der Straße

Ein letztes großes Aufbäumen erlebt Wolf vor zehn Jahren. Die Katastrophe von Fukushima ändert alles. Auf einmal gehen wieder Zehntausende gegen die Atomkraft auf die Straße. Und der Atomwolf ist mittendrin:

"Wir haben einfach mit ganz, ganz vielen Menschen gezeigt: Jetzt ist Schluss mit der Atomkraft! Wären wir da nicht gewesen, hätten wir diesen Atomausstieg, so wie er beschlossen wurde, nicht beschlossen. Da bin ich mir ganz, ganz sicher."

Wolf schaut auf die beiden riesigen grauen Kühltürme. Er ist ein Rebell, der gegen Unrecht ankämpfen will. Er wirkt aber auch verbissen, kann nicht loslassen.

Das Kraftwerk in Gundremmingen wird Ende des Jahres abgeschaltet. Wolf steht sonntags nur noch mit 3 bis 4 anderen Personen da und protestiert. Warum tut er sich das an?

"Es geht gegen das Verdrängen. Wenn man hier lebt, lebt man mit dem Atomkraftwerk. Die Dampfwolke ist ganz normal, die Kühltürme sieht man schon gar nicht mehr. Und die Bedrohung, die vom Atomkraftwerk ausgeht, die verdrängt man natürlich noch viel schneller und viel lieber."

Zwischenlager mit Dutzenden Castoren

Und: Wolf will auf das Problem mit dem Atommüll aufmerksam machen. In Gundremmingen steht wohl noch bis 2046 ein Zwischenlager mit Dutzenden Castoren, ein Endlager muss noch gefunden werden. Ausgang bisher noch offen.

"Das darf man nicht aus den Augen verlieren. Ich weiß, wir haben mit der Klimageschichte wahnsinnig viel zu tun, aber man darf neben dieser großen Aufgabe den Atommüll nicht vergessen. Weil: Mir fällt er nicht mehr auf die Füße, aber euch und euren Kindern."

Deshalb will Thomas Wolf weiter vor dem Atomkraftwerk protestieren, auch wenn es bald abgeschaltet wird. Am nächsten Sonntag klingelt wieder sein Wecker.

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