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Sein und Streit | Beitrag vom 23.08.2020

250 Jahre HegelEine Philosophie, die aufs Ganze geht

Sebastian Ostritsch im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Hegel als älterer Mann, porträtiert von Jakob Schlesinger (picture alliance / dpa / akg)
Ein Demokrat war er nicht, doch mit seiner Philosophie gebe Hegel bis heute wichtige Anstöße für Politik und Gesellschaft, meint sein Biograf Sebastian Ostritsch. (picture alliance / dpa / akg)

Die Französische Revolution hat er gefeiert und doch zeitlebens an die Monarchie geglaubt. Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren. Was hat der Philosoph unserer liberalen Gesellschaft von heute noch zu sagen?

Seine Philosophie zielte auf das große Ganze. Hegel wollte ein System errichten, in dem die ganze Welt zu Hause ist. Es sollte die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit erfassen und das "Wie?" von Erkenntnisprozessen erklären. Für diesen Anspruch wurde er von seinen Anhängern schon zu Lebzeiten verehrt, sagt Sebastian Ostritsch von der Universität Stuttgart.

Hegels Vorlesungen in Berlin waren Events. In der jüngst erschienenen Biografie "Hegel. Der Weltphilosoph" berichtet Ostritsch von Graffiti auf den Fluren der Universität, die Aussprüche des Philosophen zitierten. Hegel war hip. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar.

Hegels Spitzname als Student war "alter Mann"

"Unter den gegenwärtigen massenmedialen Bedingungen hätte Hegel vermutlich keinen Erfolg gehabt", so Ostritsch. "Er war nicht jung, nicht dynamisch, und er hatte auch keine coolen, spritzigen Thesen und neuartigen Ismen, die man heute so gern vermarkten will." Mehr noch: "Er war nicht mal wirklich jung, als er jung war: Sein Spitzname als Student lautete 'alter Mann'."

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Doch vor 200 Jahren habe Philosophie einen ungleich höheren gesellschaftlichen Stellenwert gehabt, sagt Ostritsch. Und in der Fachwelt sei an Hegel schon deshalb niemand vorbeigekommen, weil sein Werk auf einen enormen Umfang anschwoll. Von seinem Berliner Universitätskollegen Arthur Schopenhauer wurde Hegel als "Scharlatan" geschmäht. An seinem Anspruch, über "absolutes Wissen" zu verfügen, stießen sich auch andere, erklärt Sebastian Ostritsch.

Schließlich habe der Königsberger Philosoph Immanuel Kant erst kurz zuvor "die Philosophie revolutioniert" mit dem Entwurf eines eigenen Großsystems, in dem er "das Subjekt oder die Subjektivität in den Mittelpunkt gerückt hatte." Dabei habe Kant auf "Grenzen der Erkenntnis" hingewiesen, die uns von den Grundeigenschaften des menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögens gesetzt würden: "Zum Beispiel, wie die Dinge 'an sich' sind, unabhängig von unseren subjektiven epistemischen Zutaten, das lässt sich nicht benennen, lässt sich auch nicht erkennen."

Dialektik: Der "Flow" des Denkens

Doch diese Einschränkung habe Hegel nicht gelten lassen wollen, sagt Ostritsch. Womit Hegel seiner Meinung nach ein Grundprinzip der Philosophie verteidigt habe: "Philosophie muss eigentlich immer aufs Ganze gehen. Sie muss immer das Absolute wissen wollen, sonst ist sie nicht wirklich Philosophie. Und Hegel hat das nur konsequent umgesetzt.

Selbst Menschen, die sich mit Hegel kaum beschäftigt haben, ist er für sein dialektisches Vorgehen bekannt. Es wird häufig heruntergebrochen auf einen Widerstreit von These und Antithese, die sich im besten Fall in einer Synthese auflösen lassen. Dieses Schema sei jedoch eine allzu grobe Vereinfachung, erklärt Sebastian Ostritsch: "Bei Hegel geht es um den flüssigen Rhythmus des Erkennens, so etwas wie den Flow des Denkens." Diese Denkbewegung lasse sich jedoch nicht "so wunderbar schablonenhaft wiedergeben."

Sebastian Ostritsch, mit Brille, im offenen weißen Hemd, steht vor einer grauen Holzwand. (Ullstein Verlag / Marc Alter)Freiheit finden wir laut Hegel, indem wir uns an andere Menschen und gemeinsame Projekte binden, so Sebastian Ostritsch. (Ullstein Verlag / Marc Alter)

Überhaupt sei das Grundprinzip von Hegels Philosophie ein dynamisches, sagt Ostritsch. Erkenntnisprozesse würden dabei als Entwicklungen verstanden, die sich in der Wirklichkeit vollzögen und notwendig von Irrtümern durchzogen seien:

"Die Wahrheit zeigt sich bei Hegel als Resultat eines Denkprozesses, der erst mal durch alles Falsche und Halbwahre laufen, das konsequent zu Ende denken und kritisch prüfen muss."

Was vernünftig ist, kann nach Hegels Auffassung nicht abstrakt bestimmt werden, sondern muss sich im Gang der Geschichte zeigen. Erkannt werden kann das Vernünftige daher erst im Rückblick. In seinen "Grundlinien der Philosophie des Rechts" fasste Hegel diesen Gedanken in ein viel zitiertes Bild: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."

Von Demokratie hielt Hegel wenig

Hegels Positionen zu Politik und Gesellschaft seiner Zeit wurden im Nachhinein sehr unterschiedlich gedeutet. Lange Zeit sei er als konservativer Denker der Restauration beschrieben worden, ein grobes Missverständnis, sagt Ostritsch. Dem Schweizer Staatsrechtler und Nationalökonomen Karl Ludwig von Haller, einem führenden Vertreter der Restauration, habe Hegel entschieden widersprochen, als Haller die Ansicht vertreten habe, dass Recht aus bloßer Macht abzuleiten wäre.

In der neueren Hegelforschung gebe es jedoch eine Tendenz, den Philosophen "als liberalen Demokraten darzustellen", die ebenso falsch sei, so Ostritsch. Von Demokratie habe Hegel nämlich wenig gehalten. Er begrüßte als Zeitzeuge zwar die Französische Revolution, setzte sein Vertrauen aber in die Staatsform der konstitutionellen Monarchie. Aus Hegels Sicht seien die wichtigsten Voraussetzungen für einen funktionierenden Rechtsstaat "vernünftige Institutionen" und "der richtige Gemeinschaftsgeist".

Wertschätzung für solide Institutionen

Aus dem Verständnis moderner Demokratien heraus könne diese Geringschätzung eines allgemeinen Wahlrechts natürlich "irritierend wirken", sagt Ostritsch. Hegel biete damit aber auch eine gute Gelegenheit zu überdenken, "was wir an unserem staatlichen Zusammenleben eigentlich wertschätzen oder wertschätzen sollten: Ist es die Tatsache, dass wir wählen? Oder ist es eine bestimmte Art von Institutionen?" Gerade weil Hegel "dem herrschenden Zeitgeist nicht zu 100 Prozent entspricht", gebe er auch heute interessante Anstöße.

Ein bemerkenswertes Beispiel für die Aktualität von Hegels Denken im Hinblick auf aktuelle politische Entwicklungen erkennt Sebastian Ostritsch ausgerechnet in einer Rede Donald Trumps vor der UN-Vollversammlung im September 2019. Die Positionen, die der US-Präsident dort formulierte, seien Hegels Überlegungen zur internationalen Politik erstaunlich nah gekommen.

Ostritsch sieht einen zentralen Konflikt, "der unsere Zeit beherrscht", in der Konkurrenz "zwischen dem liberalen Traum, das Nationale für eine globale Einheit der Menschheit hinter sich zu lassen, und den nationalen Gegenbewegungen auf der anderen Seite", die meist als "Populismus" tituliert würden.

Hegel habe allen Bestrebungen, "das Nationale für einen fernen globalen Weltstaat hinter sich zu lassen", sehr kritisch gegenübergestanden, erläutert Ostritsch: "Das hielt er für eine gefährliche Illusion, weil er meinte, dass Freiheit sich nur in eben solchen historisch gewachsenen Gemeinwesen realisiert."

Donald Trump: ein "welthistorisches Individuum"?

Vor diesem Hintergrund hätte Hegel womöglich Donald Trump, der sich seiner Rede zum nationalen Erbe und den nationalen Interessen der USA bekannte, als "welthistorisches Individuum" betrachtet, so Ostritschs Interpretation: als einen Menschen, der den Gang der Geschichte im Sinne der Vernunft vorantreibt. "Die populistischen Bewegungen artikulieren etwas", sagt Ostritsch, "was der liberale Traum vergessen hat."

Und welche Lehren könnten moderne Gesellschaften aus Hegels Philosophie ziehen, wenn es nicht um die internationale Politik geht, sondern um das tägliche Zusammenleben? Wenn es darum geht, das Verhältnis von Individuen und Gesellschaft auszubalancieren, ist bei Hegel der Begriff der "Sittlichkeit" von zentraler Bedeutung. Er bezeichne "das ethische Gemeinwesen", erklärt Sebastian Ostritsch, im Kleinen die Familie, darüber hinaus andere Institutionen der Gesellschaft und in letzter Instanz den Staat.

"Sittlichkeit ist für Hegel der Ort der Freiheit", so Ostritsch. "Wir sind nach Hegel nicht dann frei, wenn wir uns von möglichst allen Bindungen lossagen, sondern wenn wir uns selbstbestimmt an andere Personen und Projekte binden." Nicht indem er scheinbar frei dem Drängen seiner Neigungen und Triebe folge, sondern indem er in sozial verankerte Rollen eintrete und sich damit verbundene Werte zu eigen mache, könne der Mensch laut Hegel seine Freiheit realisieren, sagt Ostritsch.

Die Ehe als Hort verbindlicher Normen

Dass diese Sichtweise uns heute durchaus noch etwas zu sagen habe, zeige schon ein Blick auf die Entwicklung der Scheidungsraten in Europa innerhalb der letzten 30 oder 40 Jahre, findet Ostritsch. "Man kann nicht sagen, dass die Institution der Ehe besonders gut dasteht, wenn man sich diese Quoten anschaut."

Institutionen wie die Ehe, in denen Menschen "objektive Normen" nicht als aufgezwungen, "sondern als eigene" erleben könnten, wieder zu stärken, das wäre im Sinne von Hegels Gesellschaftsbild sicher wünschenswert, so Ostritsch. Und auch in dieser Position, die manchen Widerspruch herausfordern dürfte, sieht er einen wertvollen Anstoß der hegelschen Philosophie, weithin für selbstverständlich gehaltene Grundsätze oder Gewohnheiten unseres Zusammenlebens zu hinterfragen.

"Philosophie ist ja keine Bestätigungsmaschine", sagt Ostritsch, "die einfach nur bestätigt, was wir gerade so für richtig halten und was wir so tun, sondern Philosophie ist Wahrheitssuche. Die tut manchmal weh."

(fka)

Sebastian Ostritsch: "Hegel. Der Weltphilosoph"
Propyläen Verlag, Berlin 2020
320 Seiten, 26 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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