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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

25 Jahre HauptstadtbeschlussBonn ist nicht vor die Hunde gegangen

Von Frank Capellan

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Das ehemalige Regierungsviertel in Bonn. (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)
Das ehemalige Regierungsviertel in Bonn am Rhein: Rechts neben dem Post-Tower ist der "Lange Eugen", das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus zu sehen. (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)

Am 20. Juni 1991 beschloss der Deutsche Bundestag den Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin. Heute arbeiten immer noch 7000 Beamte der Regierung am Rhein, etwa 18.000 Dienstreisen fallen jährlich zwischen Bonn und Berlin an.

Kelber: "Wenn ich den Rhein sehe, dann geht das Herz auf, sorry, da kann die Spree einfach von der Größe her nicht mithalten."

Grunert: "Was ich vermisse, ist der Rhein als Strom, denn wenn ich hier auf die Spree gucke, ist das ein Flüsschen oder ein Kanal."

Die Sehnsucht nach der alten Heimat haben viele mit nach Berlin genommen, auch 25 Jahre, nachdem Bonn aufhörte, deutsche Hauptstadt zu sein. Sei es beim SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Kelber der 2013 wieder per Direktmandat vom Rhein an die Spree geschickt wurde, sei es bei Kneipier Harald Grunert, der sein Geld seit vielen Jahren vor allem mit einem verdient: Der Liebe für die rheinische Kultur. Ulrich Kelber dagegen ist der Berlin-Botschafter in Bonn.

Kelber: "Ja der Bonner Ulrich Kelber arbeitet in Berlin, meine Familie lebt in Bonn, ich habe als Abgeordneter tatsächlich meinen Lebensmittelpunkt nach wie vor in Bonn."

Grunert hat den Karneval nach Preußen exportiert

Für Harald Grunert gilt das nicht. Er lebt inzwischen sehr gern in Berlin, auch wenn er mit ganzem Herzen Rheinländer geblieben ist. Grunert hat den Karneval nach Preußen exportiert. Er war mehrere Male Karnevalsprinz. Als Hommage an die alte Heimat hat er sogar am Spreeufer gegenüber vom Bahnhof Friedrichstraße ein großes Schild mit der Aufschrift "Rheinterrassen" über den Außenbereich seines Lokals gestellt. Heute fährt er nur noch ganz selten zurück nach Bonn, und neben dem Rhein vermisst er allenfalls noch die hügelige Landschaft von Eifel und Siebengebirge

Grunert: "Aber ansonsten ist man natürlich nach 20 Jahren Umzug auch privat angekommen, hat seine Freunde hier, und insofern bin ich heimisch hier geworden, ganz klar!"

Viele Bonner können und wollen sich das am Vorabend des 20.Juni 1991, dem Tag des Hauptstadtbeschlusses im Deutschen Bundestag, wahrlich nicht vorstellen. "Ja zu Bonn!" ist die Kampagne überschrieben, mit der bis zur letzten Minute darum gekämpft wird, den Regierungssitz am Rhein zu behalten. Deutschlandfunk-Reporter Wolf Renschke schildert damals die Stimmung in der Bonner Innenstadt.

Renschke: "… beklebt sind die Taxis, beklebt sind Verkehrsschilder, beklebt sind die Theken und auch die Toilettenwände in Kneipen, und ich habe sogar einen Hund gesehen, dessen Halsband mit dem Aufkleber beklebt war: 'Ja zu Bonn!'"

Düstere Prognosen machen an diesem Abend die Runde am Rhein. Untergangsstimmung befällt die alteingesessenen Bonner:

Passant: "Ich glaube, im Jahr 2000, da werden noch ein paar Studenten und paar alte Mütterchen hier herumlaufen und der Markt wird nur noch die Hälfte sein. Es wird sehr, sehr böse werden!"

Diese Befürchtung teilen damals auch viele Abgeordnete im Parlament. Bonn wird vor die Hunde gehen, davor warnen Redner aller Fraktionen. Als rhetorische Sternstunde des deutschen Parlamentarismus wird die Debatte bis heute bewertet, die Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth am Morgen des 20. Juni 1991 im Alten Wasserwerk, dem damaligen Sitz des Bundestages, eröffnet.

Süßmuth: "Jeder weiß, worum es heute geht, um die Entscheidung in der Frage: Bonn - Berlin!"

Das Hohe Haus, durch dessen große Fenster die Abgeordneten direkt auf die auf dem Rhein dahinfahrenden Schiffe blicken, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 100 Redner werden an diesem Tag leidenschaftlich argumentieren, erklären, warum sie entweder für Bonn oder für Berlin als Sitz von Regierung und Parlament stimmen wollen.

Süßmuth: "Die Stimmung an dem Tag selbst und auch in den Wochen, die vorausgegangen sind, war sehr angespannt"

Erzählt Christdemokratin Rita Süßmuth im Rückblick auf jenen Tag.

Süßmuth: "Denn es ging ja nicht um irgendeine kleine Entscheidung, sondern wirklich um die Verlagerung des Bundestages von Bonn nach Berlin!"

Was bedeutet das Ja zu Berlin?

Jeder muss am Ende für sich entscheiden. Bedeutet ein Ja zu Berlin im Jahr nach der Wiedervereinigung auch ein Ja zu einem starken, vielleicht zu starken Deutschland, das alte Ängste wecken könnte? Steht die Politik in der Verantwortung, wenn es darum geht, eine ganze Region vor dem Ruin zu schützen? Darf sich das Land mit einem Umzugsbeschluss noch zusätzliche Probleme aufhalsen, die die Realisierung der Einheit Deutschlands vielleicht erschweren könnten? Der Riss geht damals quer durch die Fraktionen…

Süßmuth, 1991: "Ich möchte hier auch offen erklären, ich werde mich für Bonn entscheiden!"

Kündigt Rita Süßmuth an, während ihr Parteifreund, der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, wenig später ein flammendes Plädoyer für Berlin als Hauptstadt hält. Der Mann, der für und mit Helmut Kohl die Einheit Deutschlands ausgehandelt hatte, gewinnt viele Unentschlossene. Nachdenklich erklärt er, er sorge sich um die Zukunft des gerade wiedervereinten Deutschlands

Schäuble, 1991: "… und um unsere Zukunft in einem Europa, das seine Einheit verwirklichen muss, wenn es seine Verantwortung für Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit gerecht werden will. Und deswegen bitte ich Sie herzlich: Stimmen Sie mit mir für Berlin!"

Gerda Hasselfeldt, die heutige Landesgruppenchefin der CSU im Deutschen Bundestag, kann Schäuble nicht überzeugen. Sie steht an der Seite Süßmuths,

Hasselfeldt: "Ich habe damals für Bonn gestimmt, weil ich befürchtete, dass durch einen Umzug nach Berlin die Region Bonn stark an Vitalität verliert und Berlin andererseits den Regierungssitz zu einer positiven Entwicklung der Stadt nicht braucht. Das war der eine Grund, der zweite Grund waren die finanziellen Belastungen, die insgesamt mit dem Ausbau Berlins als Regierungssitz verbunden waren."

Auch bei den Sozialdemokraten sind die Gefühle gemischt. Leidenschaftlich macht sich Wolfgang Thierse für Berlin stark, während Ingrid Matthäus-Maier für den Verbleib am Rhein streitet.

Thierse: "Frankfurt bleibt Finanzzentrum, Rhein-Ruhr das Wirtschaftszentrum, Hamburg-Bremen Handelszentrum, Stuttgart-München Zentrum technologischer Modernität. Was aber bleibt für den Osten Deutschlands? Das Problemgebiet? Der Sozialfall?"

Matthäus-Maier: "Was hilft es der alleinstehenden Mutter in Dresden und dem Automobilarbeiter in Zwickau, wenn der Bundestag nach Berlin umzieht?"

Zwölf Stunden lang dauert die Debatte, dann endlich, um 21.47 Uhr sind die Würfel gefallen.

Bundestagspräsidentin Süßmuth: "Die Spannung ist riesgengroß, und ich gebe das Ergebnis jetzt bekannt …"

Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth ergreift noch einmal das Wort

Süßmuth: "Für den Antrag Bundesstadtslösung, Bonn Antrag, 320 Stimmen."

Die Debatte hat es erahnen lassen, es wird äußerst knapp für Berlin, um ein Haar wäre Bonn damals Hauptstadt geblieben.

Süßmuth: "Für den Antrag, Vollendung der Einheit Deutschlands, Berlin-Antrag, 337 Stimmen, Enthaltungen zwei."

Der Umzug ist beschlossen, mit 17 Stimmen Vorsprung.

Auch die Polit-Gastronomie zog an die Spree

Zwei Jahre vor dem Umzug der Bundesregierung vom Rhein an die Spree eröffnet Friedel Drautzburg 1997 gemeinsam mit Harald Grunert die "Ständige Vertretung" am Spreeufer. Schon in Bonn waren beide als Wirte tätig, pflegten einen engen Kontakt zu Journalisten und Politikern aus dem Regierungsviertel. Diese Polit-Gastronomie setzen sie nun erfolgreich in Berlin fort. Dabei galt Drautzburg als einer der schärfsten Streiter für Bonn als Hauptstadt. Heute erinnert sich der 78-Jährige, wie er sich am 20. Juni 1991 in seiner Kneipe auf einen Erfolg für Bonn einstimmen wollte.

Drautzburg: "Dort war Champagner kalt gelegt, und naturgemäß waren viele Gäste da, wir beobachteten das Geschehen am Fernseher, und mir als einer der Sprecher und Gründer von 'Ja zu Bonn' dieser großen Bürgerinitiative, war klar etwa um die Mittagszeit, dass die Stimmung kippte. Wir waren bis dahin siegessicher, dass Bonn die Mehrheit erreicht, und so waren auch die Auftritte der sogenannten Bonner Matadore, Blüm, Ehmke und wer auch immer, die waren schwach, siegessicher und nicht kämpferisch und dann kam Wolfgang Schäuble mit seiner sagenhaften Rede."

Schäuble hat den Ausschlag gegeben, davon sind viele überzeugt. Als das Ergebnis feststeht, war das für alle in Bonn ein Schock, erzählt auch Drautzburgs Compagnon Harald Grunert

Grunert: "Da bin ich dann auf den Rathausplatz gegangen auf dem eine große Leinwand stand und weinende Menschen vor dem Bonner Rathaus, vor dieser Leinwand, das ist so die Erinnerung, die man nicht vergisst!"

Capellan: "Wir müssen mal kurz gemeinsam für unsere Hörer auf die Toilette der Ständigen Vertretung gehen, Friedel Drautzburg, da sind wir 1999 mal gewesen, als wir eine längere Sendung gemacht haben über den Regierungsumzug, da war das ganz neu, dass Sie eine Toilette hatten, wo man sich gewissermaßen – wir gehen jetzt hier mal rein – (Tür quietscht) auf dem stillen Örtchen noch mal vergegenwärtigen konnte, wie das damals 1991 abgelaufen ist, da hatten Sie nämlich viele alte Zeitungsartikel …

Drautzburg: "Ja, wir haben jetzt die Anträge, die Bonn-Berlin-Anträge, die ja sehr unterschiedlich waren, an den Toilettentüren sind die noch, damals waren sie über den Urinalen. Das ist auch Geschichtsunterricht beim Pinkeln."

Capellan: "Harald Grunert, ganz kurz noch mal, hier ist ein Foto, 'Bonner verpisst Euch', das ist offenbar ein Graffiti, das hier in Berlin angebracht worden ist, da sind sie und Friedel Drautzburg mit ernster Miene daneben zu sehen, also, das zeigt diese Anfeindungen, die es am Anfang gab."

Grunert: "Also wir waren nicht nur willkommen, denn neben den ganzen Politikern gab es auch viele Leute, die hatten Angst, dass ihr Job weg ist, das heißt, den Autos mit Bonner Nummernschildern wurde auch mal kurz der Spiegel abgebrochen, gekratzt, das war nicht das Einzige dieses 'Bonner verpisst euch!' oder ne andere Schrift, da stand drauf 'Scheiße kommt aus Bonn!'. Es ist auch mal ein Stein hier durchs Fenster geflogen!"

Inzwischen sind die Rheinländer akzeptiert, Berlin hat sie integriert, immer noch ist ihr Lokal ein Treffpunkt der Zugezogenen vom Rhein. Wie ein "Bonn-Museum" wirkt das Interieur. Schwarz-weiß-Fotos von Politikern aus der Bonner Republik lassen da beim ein oder anderen bei einem Glas Kölsch schon mal etwas Wehmut aufkommen, und dennoch: Dass das Votum für Berlin richtig war, wird von kaum jemandem mehr in Zweifel gezogen

Süßmuth: "So schwer die Entscheidung damals gefallen ist, das war auch eine Loyalität zu Bonn, sehe ich es heute als richtig an, dass die Entscheidung so gefallen ist, wie sie gefallen ist."

Das hat Rita Süßmuth kürzlich in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk bekannt.

Und auch CSU-Kollegin Gerda Hasselfeldt zeigt sich inzwischen beinahe reumütig. "Zum Glück", sagt sie und schmunzelt, "zum Glück bin ich am 20. Juni 1991 überstimmt worden".

Hasselfeldt: "Schon bald danach, also spätestens beim Umzug 1999, war mir dann klar, dass mein Votum nicht zu einer guten Entwicklung des Landes beigetragen hätte, und ich war sehr froh, dass die Mehrheit des Bundestages anders entschieden hatte als ich."

Deutschland hat bis heute einen doppelten Regierungssitz

Und dennoch: Beendet und vollendet ist die Bonn-Berlin-Geschichte auch 25 Jahre nach dem historischen Hauptstadtbeschluss noch nicht. Ihm folgte im Jahr 1994 nämlich das Berlin-Bonn-Gesetz. Bis auf den heutigen Tag leistet sich Deutschland einen doppelten Regierungssitz. Jedes Ministerium unterhält nach wie vor eine Dependance am Rhein. Sechs Ministerien haben sogar weiterhin ihren ersten Dienstsitz in Bonn - die Ressorts Verteidigung, Bildung, Gesundheit, Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft. Dass dies viel Ärger mit sich bringen würde, hatte Alt-Bundeskanzler Willy Brandt ganz offensichtlich schon in der Debatte des 20. Juni 1991 erkannt

Brandt: "Ich denke, wir brauchen uns keinen Spiegel vorhalten zu lassen um zu erkennen, dass eine folgenreiche Entscheidung selten soverwirrend und unzulänglich vorbereitet worden ist, wie die heutige!"

Prophetische Worte. Brandt sagt voraus, dass der Hauptstadtbeschluss über Jahrzehnte für Diskussionen sorgen wird, weil damals ein radikaler Schnitt mit einem Komplettumzug nach Berlin nicht vermittelbar war.

Brandt: "Es lässt sich daher nicht ausschließen, dass hier heute zu kurz gesprungen und zum Nachsetzen geradezu aufgefordert werden könnte."

Nachgesetzt und nachgekartet wird seither immer wieder. Und das, obwohl die Rechtslage im Grunde eindeutig ist. Denn das Berlin-Bonn-Gesetz legt fest.

Auszug Berlin-Bonn-Gesetz: "Dass insgesamt der größte Teil der Arbeitsplätze der Bundesministerien in der Bundesstadt Bonn erhalten bleibt."

Auf diesen Deal hatten sich die Abgeordneten in der Folge des Hauptstadtbeschlusses eingelassen. 60 Prozent der der Beamten sollten in Bonn bleiben, 1,4 Milliarden Euro flossen gewissermaßen als Abfindung an den Rhein, zudem erhielten die Bonner die Zusage, eine ganze Reihe von Bundesbehörden und internationalen Organisationen mit der entsprechenden Rückendeckung aus Berlin in der ehemaligen Hauptstadt ansiedeln zu können.

Kahrs: "Ich glaube, dass das Ergebnis damals seine Berechtigung hatte, aber alles hat seine Zeit!"

Meint Sozialdemokrat Johannes Kahrs. Der Hamburger hat noch ein letztes Jahr als Abgeordneter in Bonn verbracht. Heute ist er ein vehementer Befürworter des Komplettumzuges nach Berlin

Kahrs: "Ich glaube, dass die Köpfe der Ministerien komplett in Berlin sitzen müssen. Nachgeordnete Behörden können von mir aus auch gerne in Bonn sein, aber am Ende muss klar sein, dass der Kern der Ministerialverwaltung komplett in Berlin sitzt!"

Auf dem Weg dorthin ist man ohnehin. Das Verhältnis hat sich längst zugunsten Berlins umgekehrt. Entgegen der Gesetzeslage schaffen die Ministerien Fakten. Der Rutschbahneffekt, von vielen vorhergesagt, zeigt Wirkung. 7000 Beamte der Regierung arbeiten noch am Rhein, 12.000 an der Spree. Besonderen Druck macht der Bundesinnenminister. Thomas de Maiziere holte gerade erst mehr als 100 Mitarbeiter seines Ministeriums von Bonn nach Berlin. Beim Neubau seines Hauses wurde eigens Platz geschaffen für neue Kollegen aus der alten Hauptstadt. Rheinische Abgeordnete wie Christdemokrat Wolfgang Bosbach verärgert das. Bosbach hat in dieser Sache nur wenig Verständnis für seinen Parteifreund de Maiziere

Bosbach: "Wir erleben schon seit vielen Jahren eine Art Salamitaktik, indem man einfach Tatsachen schafft und nach und nach weitere Regierungsverantwortung von Bonn nach Berlin verlagert."

"Wir haben das Bonn-Berlin-Gesetz", hat Thomas de Maiziere in einem Zeitungsinterview gesagt. "Wenn dieses Gesetz zur Disposition gestellt würde, wäre meine Antwort eindeutig: Ja, Gesetz kippen!" Der Innenminister macht also aus seiner Haltung keinen Hehl. Für SPD-Direktkandidat Ulrich Kelber aus Bonn ist allerdings schon jetzt klar, dass der Minister gegen das Berlin-Bonn-Gesetz verstößt.

Kelber: "Definitiv, das ist ein Bruch des Berlin-Bonn-Gesetzes. Im Fall des Innenministeriums besonders eklatant von den Zahlen. Vorher als Verteidigungsminister hat er ja das Gleiche getan. Ganz eindeutig. Die Regierung hält das Gesetz nicht ein, dabei ist das Gesetz eindeutig. Es wird ja oft gesagt, da stünde drin 'soll mindestens die Hälfte der Arbeitsplätze sein', aber juristisch gilt: Wer soll, der muss, wenn er kann. Und können, könnte die Bundesregierung."

Das Pendeln geht weit in die Millionen

Erst einmal prüft die Regierung. Bis zum Herbst soll dem Kabinett eine Bestandsaufnahme vorgelegt werden: Wer ist schon hier? Wer könnte noch kommen? Wie steht es mit den Kosten der gedoppelten Hauptstadt? Denn gependelt wird weiterhin zwischen Bonn und Berlin, was der Beamtenshuttle hergibt. Etwa 18.000 Dienstreisen sind es noch jährlich. 7,7 Millionen Euro macht das jährlich, sagt der Finanzminister. Mehr als 20 Millionen Euro sind es, wenn man den Berechnungen des Steuerzahlerbundes glaubt. Zahlen, die im Lagebericht eine Rolle spielen dürften. Erstellt wird er von der Bauministerin. Barbara Hendricks hat die Federführung, ausgerechnet eine Nordrhein-Westfälin. Bei ihren Parteifreunden und Landsleuten an Rhein und Ruhr hat sich Hendricks schon reichlich unbeliebt gemacht, seit sie Änderungen am Berlin-Bonn-Gesetz in die Diskussion gebracht hat.

Hendricks: "Bonn ist und bleibt Bundesstadt, aber wie wir die Aufgaben in Zukunft aufteilen, darüber werden wir uns in der nächsten Zeit unterhalten."

Merkel: "Wir stehen zum Bonn-Berlin-Gesetz, das ist ja gar keine Frage!"

Hatte die Bundeskanzlerin im letzten Wahlkampf noch versichert, doch auch der Bonner Abgeordnete Ulrich Kelber fürchtet längst, dass der Zug bald abgefahren sein könnte – Richtung Berlin. Er fordert einen fairen Dialog über die Zukunft des Gesetzes

Kelber: "Aber den verweigert natürlich das Kanzleramt seit einigen Jahren, da kommt dann immer nur der gleiche Satz 'Wir bekennen uns zum Berlin-Bonn-Gesetz. In der Praxis passiert was anderes!"

Dass in der Praxis Tatsachen geschaffen werden, ist allerdings auch im Sinne seines Parteifreundes Johannes Kahrs. Als Mitglied des Haushaltsausschusses hat er bei der Bewilligung von Geldern für Neubauten in Berlin dafür gesorgt, dass ausreichend Arbeitsplätze bereitstehen, sollte der Komplettumzug doch verwirklicht werden.

Kahrs: "Natürlich ist das so. Wenn Sie jetzt hier neu bauen, dann müssen sie natürlich so planen, dass das für die nächsten 20 oder 30 Jahre die Perspektive bietet und es macht natürlich keinen Sinn, hier ein Ministerium zu bauen, wo nachher nur ein Fünftel der Beamten reinpasst. Und wenn es dann dazu kommt, dass der Kern der Ministerien nach Berlin kommt, muss ich neu was anmieten. Da habe ich sofort den Rechnungshof am Hals, einen Haufen Journalisten, die mich fragen, ob wir denn damals bescheuert gewesen sind!"

Flughafen Berlin-Tegel. Gleich geht der letzte Flieger rüber nach Bonn. Zwei Regierungspendler machen sich auf die Reise.

"Ich war heute im Ausschuss für Entwicklungszusammenarbeit. Ich wohne in Bonn. Ja, ist ein dienstlicher Termin. Ja, auch im Bereich Entwicklungszusammenarbeit. Ich bin dadurch sehr oft in Berlin, alle zwei Wochen ungefähr, ich treffe nach wie vor sehr, sehr viele, die den Weg machen auf einer wöchentlichen Basis oder mehrmals pro Woche."

Videokonferenzen hin oder her. Die persönliche Begegnung ist auch im Zeitalter neuer Medien unabdingbar. Schwierige Angelegenheiten lassen sich zudem nicht mal kurz mal beim Kaffee besprechen, so sind manche Beamte über mehrere Tage in Berlin. Zu den Flugkosten kommen Spesen und die Übernachtung im Hotel – für Rainer Holznagel vom Bund der Steuerzahler ist daher klar, dass Schäubles Kostenrechung von 7,7 Millionen Euro ganz bewusst zu tief gegriffen ist.

Holznagel: "Das Kuriose dabei ist, dass wir nicht wirklich wissen, wie teuer dieser doppelte Regierungssitz ist, weil die Regierung selber auch gar kein Interesse daran hat, es wirklich offen und transparent darzulegen."

Allerdings: Ein Komplettumzug an die Spree, so rechnen Experten vor, könnte an die fünf Milliarden Euro kosten. "Dafür können wir 500 Jahre pendeln", unken die Bonner. Dass der Komplettumzug von Bonn nach Berlin deutlich teurer werden würde als die ständige Pendelei, darin sind sich auch die Sozialdemokraten Kelber und Kahrs ausnahmsweise mal einig.

Kelber: "Alle, die ein bisschen Ahnung vom Thema haben, geben das auch zu. Nur die, die wirklich nichts davon verstehen, sich nicht mit den Zahlen beschäftigt haben, behaupten, man müsse umziehen, um Geld zu sparen, umgekehrt wird ein Schuh draus."

Kahrs: "Ich glaube, dass das rein nach Euros richtig ist, aber die Frage ist ja auch, wie findet gutes Regieren statt, gutes Regieren findet statt, indem man schnell mal mit den Kollegen reden kann, dass man die alle beieinander hat."

Strukturhilfen für NRW, wenn der Komplettumzug ansteht?

Dafür ist der Bund sogar bereit, Geld draufzulegen. Lange schon wird über Strukturhilfen debattiert, die Nordrhein-Westfalen erhalten könnte, sollte sich die Landesregierung für einen Umzug aller Ministerien an die Spree einsetzen. Offen will es so niemand sagen, aber es könnte somit durchaus darum gehen, Bonn herauszukaufen.

Dagegen aber werden sich die Rheinländer bis zuletzt wehren, wenn sie an ihre Heimat denken, werden sie eben allzu schnell sentimental, mit Geld allein sind sie da nicht zu locken. Ulrich Kelber wiegelt ab, er setzt da ganz auf seine Ministerpräsidentin.

Kelber: "Also, ich kenne nur sehr wenige, die die Idee haben, man kauft das Ganze raus. Es ist auch nicht sachgerecht, da wird sich auch jeder an Hannelore Kraft die Zähne ausbeißen. Die wird doch nicht für Geld die wirtschaftlichen Chance eine der Regionen Nordrhein-Westfalens verkaufen."

Und was bleibt in Berlin von Bonn? War früher wirklich alles besser? Drüben am Rhein, wo sich doch angeblich alle viel näher waren? Heute begegnen sich Journalisten und Politiker im Café Einstein direkt "Unter den Linden", unweit des Reichstags. Hier werden gern mal Informationen ausgetauscht. Auch zahlreiche andere Restaurants und Lokale haben ihre Hinterzimmer, in denen ungestörte Begegnungen mit den Mächtigen der Republik möglich werden. Aber war die Nähe im kleinen Bonn nicht zwangsläufig viel größer?

Hasselfeldt: "Es war schon im Vergleich zu Berlin eine heimeligere Atmosphäre, es war kleinteiliger, überschaubarer."

Räumt CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt ein. Aber als Frau, die beide Städte erlebt hat, schlägt sie sogleich eine Bresche für Berlin. Auch hier seien die Arbeitsbedingungen gut.

Hasselfeldt: "Sie sind anders als in Bonn, weil sich die Arbeit vollzieht in einer viel größeren Stadt mit viel mehr Medienvertretern als das in Bonn der Fall war und auch mit mehr Verbandsvertretern und Vertretern von Unternehmen, die sich ganz bewusst in Berlin mit Repräsentanzen angesiedelt haben in einer Dimension wie wir sie von Bonn nicht kannten."

Das mag auch der Chef der selbsternannten Bonner Vertretung am Spreeufer so empfinden. Friedel Drautzburg beklagt vor allem aber, dass es in der Berliner Politik-Berichterstattung nicht mehr so seriös zugehe, wie das einmal in Bonn war. In seinen Augen ist es an der Spree zu einer Boulevardisierung der Politik gekommen.

Drautzburg: "Denn Berlin ist wirklich Boulevard-Pressemäßig stark, ganz stark geprägt. Das war in Bonn nicht der Fall. Wenn beispielsweise der damalige USA-Präsidentschaftskandidat Obama während der Fitness-Übungen im Hotel Adlon von einer weitgereisten langjährigen Reporterin heimlich fotografiert wird und das wird veröffentlicht, das wäre in Bonn erstens nicht passiert, zweitens hat man sich dort geschämt. Man hat versucht Kokain auf der Damentoilette nachzuweisen und dort gefilmt. Also da sind Dinge geschehen…"

Aber haben solche Auswüchse wirklich mit dem Umzug von Bonn nach Berlin zu tun? Drautzburgs Bonner Landsmann Ulrich Kelber hat da seine Zweifel. Der Siegeszug des Internets, die neuen sozialen Medien, die Schnelligkeit der Information, all das wäre auch am Rhein nicht ohne Folgen geblieben, davon ist er überzeugt.

Kelber: "Ich glaube, das Geschäft wäre auch in Bonn ein anderes geworden, denn der Umzug fällt ja ungefähr in die gleiche Zeit wie großer technologischer Wandel im Medienbereich, das Platzen der .com-Blase mit all den Auswirkungen auf die Finanzierung von Medien. Dann hat solch ein Umzug natürlich auch viele zum Anlass genommen sowohl auf der Medienseite als auch auf der Verbändeseite ihre Arbeit noch mal anzupassen. Vieles von dem hätte auch in einem bestehenden Regierungssitz stattgefunden."

Der Bonner Friedel Drautzburg, der 1991 noch so vehement für das "Ja zu Bonn" kämpfte, ist gut gefahren mit dem Umzug. Beruflich wie privat. Und er steht stellvertretend für all diejenigen, die 25 Jahre danach mit einer Portion Altersweisheit zugeben müssen, dass sie sich geirrt haben - mit ihrer bedingungslosen Ablehnung zum Berliner Hauptstadtbeschluss.

Drautzburg: "Es ist für mich wichtig, dass viele Befürchtungen beider Seiten nicht eingetreten sind. Der Zentralismus, der gefährliche, unbeliebte, hat nicht Einzug gehalten in Berlin, und die Region Bonn ist nicht – wie prophezeit – verarmt!"

 

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