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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2015

25 Jahre EinigungsvertragDas "Codiersystem" Kultur

Herbert Schirmer im Gespräch mit Dieter Kassel

Der Einigungsvertrag liegt in einer Vitrine aus. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Der Einigungsvertrag liegt heute in einer Vitrine aus. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

"Die DDR- Kunst darf nicht Schaden leiden", so steht es in dem vor 25 Jahren geschlossenen Einigungsvertrag. Man habe damals mit wenig Verständnis für das jeweils andere System verhandelt, erinnert sich Herbert Schirmer, der letzte Kulturminister der DDR.

Der 31. August ist ein wichtiges Datum auf dem Weg zu deutschen Einheit. An diesem Tag im Jahr 1990 wurde der Einigungsvertrag in Ost-Berlin unterzeichnet. Rund drei Wochen später wurde er vom Bundestag und der Volkskammer gebilligt. Der Vertrag enthielt auch viele Regelungen zum öffentlichen Umgang mit Kultur.

Herbert Schirmer war von April bis Oktober 1990 der letzte Kulturminister der DDR. Die damaligen Verhandlungen seien oft mit wenig Verständnis für das jeweils andere System geführt worden, meinte Schirmer  im Deutschlandradio Kultur. Trotz alledem hätte man einen "ziemlich guten Kompromiss" gefunden:

"Denn die Bundesregierung hat ja dann trotz des Gezeters der Länder ihren, ich sage es mal salopp, Stiefel durchgezogen und die DDR-Kulturszene doch mit ziemlich viel Geld bedacht".

Kultur war eine "Ersatzöffentlichkeit"  

Kultur habe in der DDR eine ganz andere Bedeutung gehabt und sei mit dem Begriff "Ersatzöffentlichkeit" verknüpft gewesen, meinte Schirmer:

"Die Theaterleute haben also zwischen den Zeilen in die Gesellschaft gefunkt. Es gab so ein Codiersystem. Die Akteure auf der Bühne wurden im Saal verstanden, ohne dass Dinge ausgesprochen wurden. Und das ist so ein typisches DDR-System, dieses interlineare Hören, Sehen und Lesen. Das, glaube ich, in der Bundesrepublik auf Grund von fehlender Notwendigkeit überhaupt nicht verstanden wurde."

Herbert Schirmer als Kulturminister der DDR im Mai 1990. (imago/Ulli Winkler)Herbert Schirmer als Kulturminister der DDR im Mai 1990. (imago/Ulli Winkler)

Sehr schnell sei auch das Etikett "Staatskultur" zum Einsatz gebracht worden, erinnerte sich Schirmer an die Gespräche zum Einigungsvertrag:

"Aber letzten Endes war es eben eine Frage der Zeit. Die Verhandlungen waren unter großem Zeitdruck zustande gekommen. Es wurde immer hektischer. Es ging dann nur noch darum, auch solche pauschalen Freundlichkeiten in dem Vertrag zu formulieren. Wie: 'Die Kultur und Kunst der DDR darf keinen Schaden nehmen.'"


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Der heutige 31. August ist ein ganz wichtiges Datum auf dem Weg zur deutschen Einheit, den Weg, den wir in unserer Serie ja das ganze Jahr über versuchen nachzuzeichnen. Denn am 31.08.1990 wurde der Einigungsvertrag in Ostberlin unterzeichnet, und drei Wochen später, am 20. September, wurde er dann sowohl vom Bundestag als auch von der Volkskammer gebilligt. Und in diesem Vertrag steht viel, zu vielen unterschiedlichen Themen, wir haben über einiges in dieser Serie ja auch schon gesprochen.

Wir wollen aber heute diesen Tag zum Anlass nehmen, um über ein Thema zu reden, das uns in diesem Programm natürlich besonders interessiert, die Rolle der Kultur nämlich in diesem Vertrag und bei dieser Vereinigung. Wir haben uns deshalb heute Herbert Schirmer eingeladen. Er war ziemlich kurz, aber doch zu einer sehr wichtigen Zeit Kulturminister der DDR, nämlich von April bis Oktober 1990, zu der Zeit, wo dieser Vertrag auch ausgehandelt wurde. Herr Schirmer, schönen guten Morgen!

Herbert Schirmer: Guten Morgen!

Kassel: In Artikel 35 dieses vor 25 Jahren unterzeichneten Vertrag steht wörtlich, Zitat: "Die DDR-Kunst darf nicht Schaden leiden." Das ist, finde ich, für so einen Vertrag eigentlich ein ziemlich merkwürdiger Satz. Und das lässt ja einen Umkehrschluss zu. Warum gab es denn damals die Befürchtung, die DDR-Kultur könne Schaden erleiden durch diese Wiedervereinigung?

Schirmer: Es ging immer wieder nur in den Verhandlungen um die großen Opernhäuser, um Goethe, um Schiller, um die Semper-Oper, also die Theater in Berlin und die großen Bibliotheken. Aber alles, was so unter diesem Limit lag, war sozusagen Nebeneffekt. Das haben wir dann versucht, in den Gesprächen miteinander auch deutlich zu machen, dass die Kultur also doch um vieles differenzierter und breiter ist als das, was sozusagen im Westen bekannt war oder gerade bekannt geworden war. Denn die Kenntnis über die DDR-Kulturszene war minimal, vorsichtig ausgedrückt.

Kassel: Gab es denn da auch Vorurteile? Wir haben ja verschiedene Gespräche geführt an dieser Stelle, und da wurde immer wieder klar, dass die Verhandlungen oft nicht wirklich auf Augenhöhe stattfinden konnten. Gab es auch Vorurteile, also Vertreter des Westens, die vielleicht etwas zugespitzt gedacht haben, na ja, Kultur in der DDR war im Wesentlichen Staatskultur, war eine ideologisch geprägte Kultur, und das muss jetzt eigentlich alles mal anders werden?

Das Etikett "Staatskultur"

Schirmer: Ja, dieses Etikett wurde sehr schnell auch zum Einsatz gebracht, aber letzten Endes war es eben eine Frage der Zeit. Die Verhandlungen waren also unter großem Zeitdruck nicht nur zustande gekommen, sondern es wurde immer hektischer. Und es ging dann einfach nur darum, auch solche pauschalen Freundlichkeiten in dem Vertrag zu formulieren, wie "Die Kultur und Kunst der DDR darf keinen Schaden nehmen." Das war, glaube ich, auch von der Bundesregierung so gedacht, dass in erster Linie finanziert wird über vier Jahre.

Kassel: Aber was man ja schon deutlich hört bei dem, was Sie sagen, Herr Schirmer, ist, dass es ja auch sehr viel um Kulturverwaltung ging. Es ging um Grundsatzfragen wie die Kulturhoheit der Länder und andere Dinge. War denn aber auch überhaupt ein Gefühl dafür da, dass möglicherweise, vielleicht sagen Sie ja auch, es war nicht so, mein Gefühl ist es, dass möglicherweise die Kultur, auch die Hochkultur, nicht nur die, aber auch die Hochkultur, in der DDR in der Bevölkerung eine andere Bedeutung hatte als vielleicht in der alten Bundesrepublik?

Schirmer: Auf alle Fälle, ja. Ja. Darum immer dieser Begriff auch, Ersatzöffentlichkeit, den auch die bildenden Künstler genutzt haben. Die Theaterleute haben also zwischen den Zeilen Botschaften in die Gesellschaft gefunkt, wenngleich auch in eine beschränkte, im Parkett. Trotzdem gab es so ein Codiersystem, dass die Akteure auf der Bühne im Saal verstanden wurden, ohne dass Dinge ausgesprochen wurden. Und das ist so ein typisches DDR-System, dieses interlineare Hören, Sehen und Lesen, das, glaube ich, in der Bundesrepublik aufgrund von fehlender Notwendigkeit überhaupt nicht verstanden wurde.

Kassel: Aber ist es dann nicht auch so gewesen unter den Künstlern – man muss dazu sagen, dass Sie selbst sehr lange in der DDR im Kulturbereich gearbeitet haben, in Dresden bei einem Verlag, Sie haben viele Kontakte immer gehabt zu den sogenannten Kulturschaffenden –, hatten die denn nur die Befürchtungen, die Sie zum Teil schon beschrieben haben, die auch nicht unberechtigt waren, oder gab es nicht auch eine große Freude? Denn letzten Endes ist ja die Freiheit der Kunst durch das Grundgesetz garantiert. Das heißt, das, was Sie jetzt beschrieben haben, was so schwierig war und immer ein Taktieren zwischen Nicht-Verlogen-Sein, aber auch nicht eine Strafe riskieren, das hörte ja auf. Das ist natürlich auch für jede Kunstform, vielleicht für Literatur und Theater ein bisschen mehr als für klassische Musik, aber am Ende für jede Kunstform auch eine Chance.

"Es war ein ziemlich guter Kompromiss"

Schirmer: Generell ist mein Eindruck, wenn ich zurückblicke, dass also dafür, dass so wenig Zeit und so viel oder vielleicht auch so wenig gegenseitiges Verständnis für das jeweils andere System vorhanden war, dass der Kompromiss ziemlich gut ist, der dabei herausgekommen ist. Denn die Bundesregierung hat ja dann trotz des Gezeters der Länder, ihren, ich sage es mal salopp, ihren Stiefel durchgezogen und die DDR-Kulturszene doch mit ziemlich viel Geld bedacht.

Kassel: 25 Jahre später jetzt würde ich gern noch mal einen weiteren Satz zitieren oder sinngemäß, der auch in diesem berühmten Artikel 35 stand und der das noch deutlicher macht, was in dem einen Satz schon steht, die Kunst darf nicht Schaden leiden. Da wird nämlich auch gesagt, die Kultur im Osten Deutschlands müsse in ihrer Substanz bewahrt werden.

Wenn wir mal beide ehrlich sind, in ihrer Substanz ist die Kultur eigentlich im gesamten Deutschland nicht bewahrt worden in den letzten 25 Jahren. Deshalb frage ich Sie nicht, ob dieser Satz wirklich so zu dem geführt hat, was man hätte hoffen können. Ich frage Sie was anderes: Ist heute Kultur in Ost und West auf Augenhöhe? Also wurde zumindest die Ostkultur insofern geschützt, dass sie auch nicht mehr zu leiden hatte als die im Westen?

Schirmer: Also das ist, glaube ich, in Ost und West inzwischen gleich, dass dieses Gegen-den-Strich-Bürsten mithilfe kultureller Ereignisse oder Produkte, das ist in ein Nebenfach gefallen. Also diese große, auch gesellschaftsaufklärende Bedeutung der DDR-Kultur, die es ja auch gegeben hat, die hat sich aufgelöst jetzt auch. Ich will nicht sagen, immer im Topf der Beliebigkeit, aber da ist schon ziemlich viel drin.

Kassel: Danke schön. Herbert Schirmer war das. Er war bis Oktober 1990 der letzte Kulturminister der DDR. Und wir sprachen mit ihm über die Rolle, die die Kultur in dem vor genau 25 Jahren unterzeichneten Einigungsvertrag hatte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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