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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.02.2018

25 Jahre Berliner Tafel Hilfe in der Not

Von Anja Nehls

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Eine Mitarbeiterin verteilt Obst an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe. (dpa / picture alliance / Stefan Schaubitzer)
Allein in der Hauptstadt verteilt die Tafel jeden Monat 660 Tonnen Lebensmittel. (dpa / picture alliance / Stefan Schaubitzer)

Vor 25 Jahren nahm die erste Tafel in Berlin ihre Arbeit auf. Längst ist eine deutschlandweite Bewegung aus dieser sozialen Einrichtung geworden. An der Arbeit der Tafeln gibt es aber auch Kritik - Armut würde nicht bekämpft, sondern verfestigt.

Brigitte Köhler ist in der Mitte einer langen Menschenschlange und bewegt sich wie in einer langsamen Prozession vorbei an Obst- und Gemüsekisten, Kühlboxen mit Joghurt und Milch, Körben mit Brot und Brötchen, Kartoffeln und Zwiebeln, Nudelpackungen, und Paletten mit Eiern. Jeden Meter wird ihr Einkaufstrolley dabei ein bisschen voller.

"Ja, Tomaten, Paprika, keine Grüne und Suppengrün." – "Dann nehmen wir schon mal die Paprika." - "Genau." – "Und eine kleine gelbe noch dazu." – "Dankeschön." – "Damit sich die Sache lohnt. Radieschen noch?" – "Nein, Radieschen vertrage ich nicht, aber Suppengrün, wenn ich darf." – "Gut. Kräuter macht meine Kollegin, dann wünsche ich eine schöne Woche." – "Danke, ebenso und schönes Wochenende…"

Jeden Donnerstag kommt Brigitte Köhler ins Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde in Berlin Spandau – einer von 45 Lebensmittelausgabestellen der Aktion "Laib und Seele" von der Berliner Tafel. Für den eher symbolischen Betrag von 1,50 Euro bekommt sie hier Lebensmittel. Essen, das in Supermärkten nicht mehr verkauft werden konnte, Äpfel, die schon ein wenig schrumpelig sind, Müsli mit beschädigter Packung, Joghurt mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Seit 14 Jahren kommt Brigitte Köhler jede Woche hierher:

"Na die ersten eins, zwei Male, da habe ich geweint. Ja, ja. Man muss erst mal diesen inneren Schweinehund überwinden, erst mal diesen ersten Schritt machen, wo viele sich sagen, ich gehe nicht betteln. Es ist kein Betteln. Diese Lebensmittel würden weggeschmissen werden."

Und sie ist dringend darauf angewiesen. Die 62jährige hat fast ihr ganzes Leben lang gearbeitet, dann wurde sie krank, nun lebt sie von Hartz IV. Das reicht vorne und hinten nicht.

"Ich muss von meiner Miete 70 Euro zuzahlen von meinem Hartz IV. Ich muss meinen Strom selber bezahlen, mein Telefon muss ich selber bezahlen. Mein Fahrkarte, die muss ich selber bezahlen, also ich habe so, ich würde mal sagen so gute 150, wenn es hoch kommt, für den Monat."

Unterstützung für Privathaushalte und soziale Einrichtungen

Rund 180 Haushalte werden allein in dieser Ausgabestelle in Spandau jede Woche mit Lebensmitteln versorgt – manche dieser Haushalte bestehen aus über zehn Personen. Berechtigt sind alle, die Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder eine geringe Rente beziehen – und im Kiez wohnen. Für jede Postleitzahl gibt es eine zuständige Ausgabestelle in einer Kirchengemeinde, und fast alle bekommen ihre Lebensmittel über die Berliner Tafel.

50.000 Menschen im Monat unterstützt die Tafel so über die Ausgabestellen von "Laib und Seele", dazu kommen 75.000 Menschen in rund 300 sozialen Einrichtungen, Freizeitheimen, Notunterkünften für Obdachlose oder Tagesstätten für Senioren.

Sabine Werth, kurze Haare, sportlich und zupackend, hat die Berliner Tafel vor 25 Jahren gegründet, die erste in Deutschland. Jetzt sitzt sie in ihrem Büro mitten auf dem Berliner Großmarkt an der Beusselstraße und ist nicht so richtig stolz, dass es ihre Tafel immer noch gibt:

"Andererseits finde ich auch dramatisch, wir haben zwei Seiten, damit haben wir als Berliner Tafel auch angefangen, wir wollten auf der einen Seite was gegen die Lebensmittelverschwendung tun und auf der anderen Seite bedürftige Menschen unterstützen oder soziale Einrichtungen, wie es auch gerade ich Berlin immer noch ist. Und dass wir nach 25 Jahren immer noch enorm viele Lebensmittel sammeln können und dass es immer mehr Menschen werden, die uns brauchen, das ist dann schon wieder erschreckend."

Angefangen hat Sabine Werth mit ihrem eigenen Auto und einem Kofferraum voller Spenden vom benachbarten Supermarkt. Heute hat das Unternehmen 26 fest angestellte und über 2.000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Hinzu kommen 21 Kühl-LKW, mit denen wöchentlich 600 Märkte und Läden angefahren werden, sowie ein Jahresvolumen von einer Millionen Euro ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen der Vereinsmitglieder und Spenden. Sortiert werden erstmal alle Lebensmittel in einer Halle mitten auf dem Großmarkt, von hier aus verteilen sie dann Ehrenamtliche in der ganzen Stadt.

Mehr als 900 Tafeln bundesweit

Über 900 Tafeln gibt es inzwischen bundesweit nach dem Berliner Vorbild. Unumstritten sind sie nicht. Denn die Not Bedürftiger wird unter Umständen nicht gelindert, sondern verfestigt, meint Dominik Enste vom Deutsche Institut für Wirtschaft in Köln. Er hält das Angebot der Tafeln für hilfreich, aber nur kurzfristig:

"Man muss sicherstellen, dass es nicht einen Gewohnheitseffekt gibt. Das heißt, dass diejenigen, die dort diese Hilfe in Anspruch nehmen, sich irgendwann daran gewöhnen, Lebensmittel kostenlos zu bekommen und dann vielleicht auch gar kein richtiges sensibles Gefühl mehr für die Preise haben, für den eigentlichen Wert dieser Lebensmittel. Wenn man eine Tüte für eine Euro bekommt mit frischem Gemüse oder Obst, dann verzerrt da quasi auch die Preiswahrnehmung."

Bedenken, die Sabine Werth immer wieder hört – und ernst nimmt. Einen Anspruch auf eine wöchentliche Lebensmittellieferung hat keine soziale Einrichtung. Alle müssen die Essenversorgung für ihre Besucher auch ohne die Hilfe der Tafel sicherstellen können. Die Tafel kann nur so viel verteilen, wie auch da ist, erklärt Sabine Werth. Für die sozialen Einrichtungen seien die Spenden deshalb lediglich so etwas wie ein Zubrot:

"Also wenn die z.B. ein Frauenfrühstück einmal die Woche anbieten oder einmal pro Woche mit den Jugendlichen zusammen kochen, dann machen die das, weil wir ihnen die Lebensmittel gegeben haben, die könnte es aber nicht machen, wenn wir sie nicht unterstützen würden. Wenn wir kommen ist es schön, wenn wir nicht kommen, müssen alle damit leben. Und wir versuchen schlicht und ergreifend an dieser Stelle Unterstützung zu leisten, wir beseitigen keine Armut. Für die Versorgung ist der Staat zuständig. Die Politik muss er richten, dass die Leute die Möglichkeit haben, mit dem Geld, das sie zur Verfügung haben, auszukommen."

Viele Bedürftige haben die Hoffnung verloren

Mit Geld umgehen können allerdings nicht alle, weil sie es nie gelernt haben. Andere haushalten geschickt, nutzen das Angebot der Berliner Tafel, um Geld für andere Dinge abzweigen zu können. Viele haben sich so in ihrem Leben einigermaßen eingerichtet und jede Hoffnung verloren, dass sich nochmal irgendetwas bessern wird. Sie haben immer noch keinen Job, beziehen immer noch Hartz IV oder eine Minirente – und das wird vermutlich so bleiben. In Spandau kommen Menschen wie Brigitte Köhler seit fast 15 Jahren zur Tafel. Für sie bedeutet die wöchentliche Tüte mit Lebensmitteln, dass ein bisschen mehr in der Haushaltskasse übrig bleibt:

"Ich bin Raucherin, ich kann damit nicht aufhören. Ich versuche klarzukommen, soweit ich kann. Ich habe ja auch noch zwei Katzen zuhause und man schafft sich nicht die Tiere ab, man schafft sich ja auch nicht die Kinder ab, wenn es einem schlecht geht. Aber ich komme über die Runden. Auch das Weihnachtspaket, das meine Enkel gekriegt haben - 'oh , so viel Süßes Omi' - ich sag ja, und sage, du das und du das, dann hatte ich kleine Tütchen gepackt, und die haben sich so gefreut, und ich habe mich gefreut. Es ist schon schön, wenn man dann trotz alledem für die Kinder irgendwas noch übrig hat, denn viel kann ich leider Gottes für meine Enkel nicht tun."

Für Irmgard Schadach, ehrenamtliche Helferin bei "Laib und Seele" in Spandau, ist das in Ordnung. Sie freut sich mit, wenn Menschen sich über die Spenden freuen und will niemanden missionieren – auch wenn manchmal eine Alkoholfahne die Vermutung nahelegt, dass mit dem eigenen knappen Budget nicht immer ganz vernünftig umgegangen wird. Aber: Das seien Ausnahemfälle, kaum jemand würde das Angebot der Tafel missbrauchen:

"Das hält sich so in Grenzen. Es gibt immer mal welche, die sagen, öha, gar kein Geld und dann schreiben wir an… und die Fahne weht voran. Und ich sage, Bier kostet auch Geld, nicht? Also mit einigen kann man so reden, natürlich nicht erzieherisch. Wir unterstützen und wäre das nicht, mein Gott, ja vielleicht würden sie an andere Stelle irgendwas einsparen, aber jeder ist so wie er ist. Es ist für mich ein Akt der christlichen Nächstenliebe. Es soll auch morgen nicht in der BZ stehen, '15-köpfige Familie hat hier nichts zu essen gekriegt', geht nicht."

Über 25 Organisationen gibt es inzwischen in Berlin, die Lebensmittel einsammeln und wieder verteilen. Gegen Geld, gegen Aufwandsentschädigung oder ganz kostenfrei, an alle oder nur an Bedürftige, mit Legitimation oder ohne, in großem Rahmen, wie die Berliner Tafel oder in kleinerem wie die Caritas im Neuköllner CARIsatt-Laden. Dort ist das Konzept etwas anders:

"Auspreisen: Also ein Euro waren die das letzte Mal." – "Das waren aber die Dicken, das waren andere." - "Guck mal ist ja nur noch haltbar bis..." – "Eine Woche." – "Ja, also ein Euro." – "Guter Preis."

Eine Packung Wiener Würstchen für einen Euro

Die Packung mit den vier extralangen Wiener Würstchen kostet jetzt also einen Euro. Eine Dose grüne Bohnen 40 Cent, eine Packung Kartoffelknödel 35 Cent. Jede Tüte Nudeln, jeder Salat und jeder Joghurt hat seinen Preis. Der kleine Raum mitten im sozialen Brennpunkt in Neukölln sieht aus wie ein ganz normaler Tante Emma Laden und funktioniert auch so. Das ist Maria Streichert von der Caritas wichtig:

"Dass der Wert der Ware erkannt wird und dass die Menschen auch schauen, wie viel habe ich zur Verfügung und was brauche ich für eine Mahlzeit, dass man das auch mal kennenlernt. Was kann man aus den einzelnen Gemüsen machen, da haben wir auch manchmal Rezeptvorschläge, wenn wir so Sachen bekommen, die nicht so bekannt sind. Man kann ganz viel Essen selber machen und das war eben auch die Idee von den CARIsatt-Läden, weil Menschen, die geringes Einkommen haben, sollen lernen mir ihrem Geld umzugehen, im Haushalt zu wirtschaften."

Jeder Artikel soll mindestens 30 Prozent weniger kosten als im normalen Supermarkt. Seit 2007 gibt es den CARIsatt-Laden, an vier Tagen in der Woche ist er jeweils vier Stunden geöffnet, dann kommen Menschen aus ganz Berlin, zwischen 100 und 120 am Tag, die Warteschlange vor dem Laden ist oft lang. Jeder Kleinrentner, Hartz IV- oder Sozialhilfeempfänger kann selber auswählen. Für viele hat das etwas mit Würde zu tun, sagt Maria Streichert:

"Dass sie sagen, wir können gucken was wir in der Tasche haben, und wenn wir schon ein bisschen Geld hinlegen, und dass sie dann auch sagen, das verwerten wir auch, nicht, dass wir eine Tüte haben und kommen nach Hause und einige Sachen können sie wir gar nicht mehr verwerten."

Frisches Gemüse und Obst muss allerdings auch im CariSatt Laden meistens zugeteilt werden:

"Manche sind nicht zufrieden, die wollen mehr haben und dann sagen wir, zeigen Sie ihre Einkaufskarte, da stehen auch die Haushaltsmitglieder, also die Anzahl drauf und dann können wir danach entscheiden. Wir müssen manchmal eben auch Sachen eingeschränkt abgeben, ja."

Nur Lebensmittel verteilen reicht nicht

Verteilt werden kann nur so viel, wie da ist. Das gilt für den CARIsatt-Laden genauso wie für die Berliner Tafel. Dass das bloße Verteilen von Lebensmitteln nicht ausreicht, um Not wenigstens ein bisschen zu lindern, haben inzwischen alle erkannt. Soziale Arbeit und Beratung nimmt deshalb einen großen Stellenwert ein, um den Menschen aus einer Notlage auch wieder heraus zu helfen. Bedürftige oder ehemalige Bedürftige arbeiten als Ehrenamtliche oder in geförderten Maßnahmen beim Verteilen der Lebensmittel mit. Der CARIsatt-Laden ist genauso wie eine Ausgabestelle von "Laib und Seele" ein Ort, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wenn möglich soll ein sozialer Absturz und die daraus folgende Armut verhindert werden. Für Sabine Werth ist deshalb das Projekt KIMBA-Mobil auch Präventionsarbeit:

"Wir unterrichten Kinder und Jugendliche in unserem umgebauten Doppeldeckerbus, da ist unten eine Lehrküche drin, damit fahren wir zu Schulen und Jugendeinrichtungen und sowas. Und bringen den Kids vor Ort bei, wie wertig Lebensmittel sind und was sich mit Lebensmitteln Gutes machen lässt."

Denn selber kochen soll Spaß machen und ist allemal gesünder und noch dazu viel preiswerter als z.B. Fertigpizza oder Essen in der Dönerbude.

In der Ausgabestelle von "Laib und Seele" in Spandau sind jetzt die Menschen mit den höheren Nummern auf den persönlichen Berechtigungskärtchen an der Reihe. Dass es auch noch für die Letzten reicht, dafür sorgen die freiwilligen Helfer hinter den Lebensmitteltischen, die allmählich leerer werden. Die 49-jährige Carola Schliewe, die seit einem Schlaganfall vor 6 Jahren nur eine winzige Rente bekommt, hat ihren Trolley bereits voll: Essen für die gesamte Woche für sich, ihre Kinder und das Enkelkind. Ob sie den Wert von Lebensmitteln kenne? Ob sie wohl kochen könne? Carola Schliewe muss fast lachen:

"Dabei ist das so einfach. Meine Enkelin isst am liebsten Mohrrübeneintopf, der ist so schnell zusammengemischt, das ist ein Witz und die Kinder freuen sich. Was man da so bekommt, teilweise sind das wirklich teure Sachen, die nur ein, zwei Tage übers Datum sind, das ist nicht so schlimm. Ich habe mal ausgerechnet, ich zahle jetzt für uns sechs Euro und habe einen Gegenwert von 30, 40 Euro in der Tasche. Und das hilft mir so sehr, ich bin so dankbar dafür, dass es die Leute überhaupt gibt."

60.000 Menschen bundesweit engagieren sich inzwischen bei den Tafeln. In Berlin machen alle Supermarktketten mit, bis auf eine, dazu kommt der Einzelhandel. Allein in der Hauptstadt verteilt die Tafel 660 Tonnen Lebensmittel – jeden Monat! Und vermutlich noch lange: Denn laut Armutsbericht 2017 der Sozialverbände ist in Berlin der Anteil der Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen müssen, auf über 22 Prozent gestiegen.

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