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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.10.2018

20 Jahre Potsdamer Platz in BerlinBei Touristen beliebt, von Berlinern gemieden

Von Anja Nehls

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Aufnahme der Skyline des Potsdamer Platzes in Berlin im Abendrot. (imago / imagebroker)
Er sollte Berlins neue Mitte werden, gelungen ist das aber nicht: der Potsdamer Platz. (imago / imagebroker)

Jede Menge Restaurants, Kinos, und Geschäfte - das Angebot am Potsdamer Platz ist groß. Und dennoch: Trotz aller Hoffnungen, Pläne und Visionen ist der Platz in Berlins neuer Mitte kein mit Leben gefüllter Ort geworden.

An einem sonnigen Nachmittag steht ein junger Mann ziemlich einsam mit seinem Fahrrad im hinteren Bereich des Potsdamer Platzes - zwischen dem schon lange geschlossenen Musical Theater und einem kleinen Restaurant mit ein paar Tischen, an denen niemand sitzt. Ein großes Plakat an der Tür wirbt dort für die Kiez Night am kommenden Wochenende, der junge Mann muss lachen:

"Oh lustig. Kiez night, Kiez night, na dann viel Glück, das ist wirklich ironisch, es gibt hier keinen Kiez."

Hier jedenfalls nicht. Die leere Fläche vor der Spielbank, dem Musicaltheater und einer künstlich angelegten großen Wasserfläche, in der reichlich Müll treibt, heißt Marlene-Dietrich-Platz und ist die traurigste Ecke des Potsdamer Platzes, findet der Student aus London. Je weiter man in Richtung Leipziger Platz geht, nach vorne, wo die Eingänge der U-und S-Bahn sind, der Potsdamer in den Leipziger Platz übergeht und die Potsdamer- die Ebertstraße kreuzt, wird es besser. Aber ein lebendiger Platz mitten in der historischen Mitte Berlins sieht anders aus.

"Es funktioniert nicht, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich bin gerade von Neukölln hergeradelt, je näher man hierherkommt, desto mehr fühlt sich das tot an. Ich weiß nicht, was das ist, was mit der Architektur, was mit den Geschäften, da ist irgendwas falsch, aber ich weiß nicht was, ist ein merkwürdiger Platz."

Große Hoffnungen, enttäuschendes Ergebnis

Dabei waren die Hoffnungen und Visionen so groß. Drei Jahrzehnte lang verlief während der deutschen Teilung die Mauer quer über den Platz. Endlos lange wurde diskutiert, wie aus der fast leeren Ödnis wieder Berlins Zentrum werden könnte. Ein städtebaulicher Wettbewerb sorgte dann für einen wiederum höchst umstrittenen Masterplan. Auf dieser Grundlage war Daimler Benz dann einer der drei Großinvestoren, die hier etwas Neues erschaffen wollten, erklärte Edzard Reuter in einem Gespräch vor zehn Jahren:

"In unserem Fall ging es ja darum, wirklich eine totale Brache in der Mitte Berlins, die mal das Zentrum dieser Stadt gewesen ist, wieder so aufzubauen, dass es nicht gigantomanisch wird, sondern sich Menschen dort wohlfühlen können, es aber zugleich wieder die Mitte dieser Stadt werden kann."

Das hat nur teilweise geklappt. Vor genau 20 Jahren wurde mit der Daimler City der größte und wichtigste Teil des neu zu erschaffenen Potsdamer Platzes offiziell eröffnet. Auf einem Areal groß wie zehn Fußballfelder hatte Daimler vier Milliarden DM investiert. Entstanden waren 19 hochmoderne Gebäude, kaum Hochhäuser, zehn Straßen, ein Stadtplatz und die 12.000 qm große Wasserfläche. Manfred Gentz, Mitglied des Vorstandes der Daimler Benz AG am 1. Oktober 1998 in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und 4000 geladenen Gästen auf eben jenem Marlene-Dietrich-Platz vor dem Musical Theater:

"Jetzt ist es an den Nutzern, an den Besuchern, an den Berlinerinnen und Berlinern das alte, neue Stadtquartier anzunehmen und wieder mit Leben zu erfüllen."

Ein paar Fotos und dann weiter

Zwar haben sich in der Daimler City, im wenig später fertig gestellten Sony Center oder im Beisheim Quartier Stararchitekten von Weltruhm verewigt, zu einem Gesamtkunstwerk ist der Potsdamer Platz aber nie geworden, gibt Berlins damaliger Bausenator Volker Hassemer zu, der seinerzeit gegen heftige Widerstände der Investoren gegen mehr Hochhäuser und gegen noch mehr überdachte Shoppingfläche gekämpft hatte. Helmut Jahn schuf für Sony einen überdachten Platz, der an ein teilweise offenes Zirkuszelt erinnert, Hans Kollhoff einen hohen Klinkerturm, Renzo Piano Terrakotta Häuser und einen künstlichen See, es gibt eine langgestreckte Shoppingmall, einen Park mit merkwürdig schrägen Rasenflächen, Kinos, Läden, jede Menge Büros, aber auch Wohnungen und bis zu 100.000 Menschen, die täglich hierherkommen. Und das sei doch soweit schon ganz okay – so Volker Hassemer:

"Ich bin deshalb zufrieden, weil das, was ich wollte, zu 90 Prozent Wirklichkeit geworden ist. Der Potsdamer Platz war die größte Verkehrskreuzung, da war man vor dem Krieg stolz, dass weltweit hier der meiste Verkehr gewesen ist und wir haben gesagt, auch der Potsdamer Platz sollte vor den Häusern auch eine Platzqualität bekommen."

Menschen ruhen sich auf dem Marlene-Dietrich-Platz in Berlin aus. (picture alliance / imageBROKER / Christian Reister)Marlene-Dietrich-Platz - Berlinerinnen und Berliner verirren sich nur selten hierher. (picture alliance / imageBROKER / Christian Reister)
Und genau das ist das Problem, Platz ist da, über die Aufenthaltsqualität kann man streiten. Auf der großen Fläche rund um die Ein- und Ausgänge der U- und S-Bahn hasten Menschen von A nach B, daneben stehen Teile der ehemaligen Berliner Mauer und Touristen, die davor für Fotos posieren. Dahinter steht der Bahntower und daneben sieht man das futuristische geschwungene Dach des Sony Centers. Den meisten Touristen gefällt es hier:

"Ich finde es schön, sehr cool, ultramodern. Ich weiß ein bisschen über die Geschichte von Ost- und Westberlin, aber nicht sehr viel, aber es ist cool hier. – Jetzt ist viel bebaut, aber wenig Menschen, Berliner trifft man ganz selten, aber ansonsten ist das Sony Center immer wieder eine Reise wert und wir haben hier gestern viel fotografiert. – Ich finde es wundervoll, eine schöne Stadt und wir haben viel erfahren hier, ist für ein tolles Land für uns.

Für Touristen ein Muss

Man hört Englisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und Japanisch - Berliner trifft man hier meist nur auf der Durchreise. Aber für Touristen ist der Potsdamer Platz ein Muss, bestätigt Christian Tänzler von Visit Berlin:

"Also der Potsdamer Platz hat ja nach wie vor einen sehr starken historischen Hintergrund. Das heißt, er war im Prinzip ja die Schnittstelle, Teilungsstelle muss man sagen, zwischen Ost und West. Und das ist immer noch von großem, touristischem Interesse. Und es ist eine Architektur, die in Berlin so in ihrer Konzentriertheit einmalig ist, das kann man bewerten wie man will, aber es hat touristisches Interesse."

Anziehungspunkte sind auch die Kinos, das Filmmuseum oder die Restaurants im halboffenen Sony Center, allen voran das Lindenbräu mit bayerischen Spezialitäten, mit denen die Gäste mitten in Berlin nicht das geringste Problem haben. Immerhin: Hier gibt es keine Autos. Nur ein paar Meter weiter tost wieder der Verkehr. Der Boulevard der Stars auf dem Mittelsteifen der vielbefahrenen Potsdamer Straße mit lieblosen Goldsternchen nebst Namen im Asphalt ist verwaist. Zu unattraktiv, zu ungepflegt und außerdem viel zu laut, so Volker Hassemer:

"Solche großen Verkehrsströme, wie wir sie hier erleben, die können Sie auch nicht wegträumen. Die Potsdamer Straße ist das eigentliche Problem dieser Gegend, und zwar die neue Potsdamer Straße."

Die Alte Potsdamer Straße, die etwas schräg von der Hauptstraße zwischen Kinos und Shoppingarkaden verläuft, soll nun vielleicht das schaffen, was einst Hassemers Traum war – einen Platz auf dem Potsdamer Platz, wo Mensch sich tatsächlich gerne aufhält. Dass die alten Bäume hier bleiben, war eine Auflage des Denkmalschutzes, ebenso der Erhalt des historischen Weinhauses Huth, das inmitten der modernen Architektur fast wie ein Fremdkörper wirkt. Nun soll hier eine Fußgängerzone entstehen, wünscht sich Stefan von Dassel, der Bezirksbürgermeister von Berlin Mitte, der schon vor 20 Jahren die Euphorie über den am Reißbrett geplanten Platz nicht teilen mochte:

"Wir sind ja auch mit dem Haupteigentümer im Gespräch und wir sind uns einig, dass man einiges an Qualität dazugewinnen kann, wenn man dort auch Autos rausnimmt, Fußgängerzone macht, andere Bepflanzung, ein originelles Lichtkonzept, ich bin da sehr zuversichtlich, dass man sich da auch neue Dinge einfallen lässt, die den Potsdamer Platz auch wieder etwas Besonderes werden lassen."

Nur einmal im Jahr wird es voll

Für den Marlene-Dietrich-Platz am Ende der Alten Potsdamer Straße gibt es noch keine zündende Idee. So richtig belebt ist er nur, wenn im Februar die Filmfestspiele nach Berlin kommen. Dabei liegen dahinter eigentlich noch attraktive Ziele: das Kulturforum mit seinen Museen, die Staatsbibliothek, die Philharmonie, die Nationalgalerie. Es kommt nur niemand hin, jedenfalls nicht von hier, beklagt Volker Hassemer:

"Da gibt es immer die Planung, dass man auf einem wie auch immer gearteten Weg von hier durch das Musicalhaus und durch die Staatsbibliothek überhaupt zum Kulturforum gehen kann, also dass man eine Kommunikation zwischen diesen beiden Plätzen wirklich mal physisch herstellt."

Nicht wirklich gelungen ist auch der Park hinter der Shoppingmall mit den angeschrägten, wenig nutzbaren, aber sehr pflegeintensiven Rasenflächen. Der mühsam erhaltene historische Kaisersaal des ehemaligen Hotels Esplanade am Rande des Platzes führt als temporär genutzte Eventlocation ein Schattendasein, im hinteren Teil der Alten Potsdamer Straße stehen einige Läden leer und dass nun sogar die Spielbank den Potsdamer Platz verlassen und zurück zum Kurfürstendamm ziehen will, wird ebenfalls gemunkelt. Die künstliche Rodelbahn im Winter inklusive Salzburger Budenzauber rund um die historische Verkehrsampel ist ebenfalls nicht der Geschmack von Bezirksbürgermeister Stefan von Dassel. 20 Jahre nach der Eröffnung des Daimler Areals möchte er hier aufräumen:

"Dass wir dann Plätze schaffen, die ein wirklich natürlicher Anziehungs- und Aufenthaltspunkt sind, ohne dass sie gleich kommerzialisiert sind, einfach wo man sich gerne aufhält. Solche Plätze gibt es in vielen Städten und ich weiß nicht, warum es uns nicht so richtig gelingt, solche Plätze auch zu schaffen. Da würde ich mir einfach mehr Niveau von Berlin aber auch von den Berlin-Besucherinnen und -Besuchern wünschen."

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