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Studio 9 | Beitrag vom 20.08.2018

20 Jahre "Lola rennt"Betrachtungen zur Zeit im Film

Von Hartwig Tegeler

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Um ihren Freund zu retten, rennt Lola, gespielt von Franka Potente, in Tom Tykwers Film "Lola rennt"durch Berlin.  (imago stock&people)
Franka Potente als Lola in "Lola rennt": Befreit, weil sie sogar die Zeit aushebeln konnten. (imago stock&people)

Heute vor 20 Jahren rannte Lola los, drei Mal zwanzig Minuten, drei Mal der Versuch, Manni zu retten, der einem Gangster 100.000 Mark schuldete. Hartwig Tegeler nimmt den Jahrestag zum Anlass, über die Relativität von Wahrheit und Zeit im Kino nachzudenken.

– "Welches Jahr ist es?"
– "Für welches Jahr halten Sie es denn?"
– "1996!"

Das allerdings denkt sich James Cole alias Bruce Willis so, der ja in Terry Gilliams Film "12 Monkeys" die Menschheit vor der Apokalypse retten soll mittels einer Zeitreise. Als ob das so einfach wäre!

– "Sie haben mich ins falsche Jahr geschickt. Das war 1990."
– "1990?"
– "1990?"
– "Denken Sie, dass Sie in der Zukunft leben?"
– "Stop. Warten Sie mal kurz"

Vier Minuten Echtzeit in 15 Sekunden Film

Blende, Aufblende, Abblende, Überblendung, Rückblende, Zeitraffer, Zeitlupe. Oder alles auf Anfang, quasi zurückgespult und neu beginnen. Wie bei Lola und Manni in "Lola rennt".

Manipulierte, künstlich oder kunstvoll montierte Zeit sind Grundmerkmale des Erzählens im Kino. Zeitraffer beispielsweise, verdichtete Zeit, ganz selbstverständlich für uns: Mann steigt aus Auto. Filmschnitt auf den Klingelknopf, Schnitt auf die sich öffnende Tür, Dialog. Drei, vier Minuten Echtzeit in 15 Sekunden Filmzeit erzählt.

Oder dieser klassische aller klassischen Zeitsprünge in der Filmgeschichte, der auch ein grandioser Sprung im Raum ist, über Zeitalter hinweg: der Jump-Cut in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum": Der Vormensch in der afrikanischen Savanne wirft den Knochen in die Luft, und dessen Kreisbewegung geht über in die des Erdsatelliten, der sich zu Johann Strauss' Donauwalzer dreht. Von der Urzeit in das Jahr 1999, Millionen von Jahre in einem Schnitt.

Auflösung der Linearität

Die Zeit gibt den Takt an im Film, wie immer sie auch getaktet ist. Manchmal löst sich die Linearität von Vergangenheit – "Ich glaube, ihr werdet gleich Zeuge eines Mordes sein" – Gegenwart und Zukunft auch auf: "Wie soll ich Sie denn retten? Es ist doch schon passiert."

"Terminator", "Timeline",  "Die Zeitmaschine", "Der Planet der Affen" - manchmal sind wir mit dem Helden gefangen in einer Zeitschleife und nur der mühsame Kampf um die Variante in diesem Immergleichen rettet uns:

"Edge of Tomorrow", "Und täglich grüßt das Murmeltier" - rettet uns vorm endgültigen Versinken in der Ödnis des Alltags! Zeitschleife: eine wunderbare Metapher für die Spießigkeit der Normalität.

Zwanzig Minuten für Lola

– "Du bewegst Dich nicht vom Fleck. Ich bin in zwanzig Minuten da! Kapiert?"
– "Was willst'n machen? Deine Scheiß-Juwelen verpfänden. Oder was?"

Was wieder auf Tom Tykwer und "Lola rennt" verweist. Kontrapunktisch. In den drei Varianten von Realität, mit denen uns Tykwer das Schicksals von Lola und Manni erzählte, verweigerte sich diese Geschichte der Normalität. Und befreite die Liebenden am Ende – im klassischen Happyend –, weil sie die Zeit gar aushebeln konnten. Was natürlich in Wirklichkeit nur der Kinogott Tom Tykwer konnte, der damit auch ein diffuses Gefühl auf den Punkt brachte, das 1998, zwei Jahre vor dem neuen Jahrtausend, durch uns hindurchwaberte.

Etwas Neues bevorstand. Was? Keine Ahnung! Damals! Und wie Akira Kurosawa das Verbrechen im Samurai-Film "Rashomon" von 1950 aus vier Perspektiven erzählt, so stellt auch Tom Tykwer mit den drei Varianten von Lolas und Mannis Schicksal die objektive Realität zur Disposition.

Und das Ziel der Übung waren nicht alternative Fakten und Manipulation und Macht wie im historischen Jetzt in Washington D.C., sondern der Wunsch, der Wahrheit in ihrer Komplexität auch im Film gerechter zu werden.

Manchmal, wie bei "Lola rennt" oder bei Terry Gilliams "12 Monkeys" benötigt die filmische Erzählung dafür den Zeitstrudel oder die Zeitfragmentierung:

– "Verstehe ich Sie richtig, dass wir jetzt nicht in der Gegenwart sind?"
– "Natürlich nicht."

Zwölf Jahre im Film und im Leben vereint

Zeit, Realität und Wahrheit spielen auch in Richard Linklaters Film "Boyhood" von 2014 eine wichtige Rolle. Der Film erzählt zwölf Jahre seiner Hauptfigur chronologisch. Doch der Zeitraffer, ganz normales filmisches Verfahren, ist bei Richard Linklater nicht nur Grundkonstruktion der fiktiven Zeit, im Spielfilm, sondern auch die der Drehzeit.

2002 begann Linklater mit den Dreharbeiten zu seinem Film über Masons Kindheit. Bis 2013 begleitete er seine am Anfang sechsjährige Hauptfigur, gespielt von einem Sechsjährigen. Jedes Jahr drehte der Filmemacher eine weitere Sequenz und montierte das 2013 zu einem knapp dreistündigen Film.

Und wenn der Hauptdarsteller – wie die Hauptfigur – am Ende – in der Realität wie im Film – ein junger Mann geworden ist, dann haben sich in "Boyhood" fiktive und reale Zeit zusammengefügt. 

Das mit der Fragmentierung der Zeit bei "Lola rennt" war ja sehr aufregend, sehr spannend, aber manchmal ist es auch mit Richard Linklater beruhigend, dass Leben und Zeit eben nicht nur Fragmentierung bedeuten.

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