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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.08.2018

20 Jahre "Lola rennt" Als der Berlin-Hype entstand

Maria Köpf im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Schauspielerin Franka Potente in dem Film "Lola rennt"  (imago/United Archives)
Schauspielerin Franka Potente in dem Film "Lola rennt" von 1998 (imago/United Archives)

Die Rothaarige läuft, läuft und läuft durch Berlin: Vor 20 Jahren kam "Lola rennt" ins Kino. Das rasante Werk von Tom Tykwer setzte ästhetisch Maßstäbe und Berlin galt plötzlich als cool. Die damalige Herstellungsleiterin Maria Köpf erinnert sich an die Dreharbeiten.

Der Film wurde ein Riesenerfolg und wurde für viele zur audiovisuellen Offenbarung in Farbe, Schwarzweiß, mit Zeitlupen, Zeitraffern, Zeichentrick und digitalen Effekten. Der Soundtrack war von Technobeats geprägt und er zeigte Berlin, durch dass Franka Potenta mit kraftvollen Bewegungen als "Lola rennt".

Energie und Dynamik von Anfang an

Maria Köpf, heute Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein, war damals Herstellungsleiterin bei "Lola rennt" und später Produzentin mehrere Tykwer-Filme. Sie erinnert sich an den Dreh:

"Der Film hatte einfach eine bestimmte Energie und Dynamik bereits in der Entstehung. Also, schon als Tom die Idee pitschte – ich mach da so einen Film mit einer Frau, der Freund hat Geld verloren und sie muss durch die Stadt laufen, und das erzählen wir in drei Varianten – war einfach klar, das ist eine bestimmte Energie, da ist ein ganz bestimmter Drive dahinter, und das wird kein Film wie wir ihn sonst kennen und auch noch nicht produziert hatten."

Der Film weckte durch seinen internationalen Erfolg weltweit ein neues Interesse an Berlin. (gem)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es kommt auch bei uns nicht so oft vor, dass wir an die Premiere eines deutschen Films erinnern. Heute tun wir das, denn am 20. August 1998 kam "Lola rennt" in die deutschen Kinos, ein Film, der ziemlich anders war als deutsche Filme zuvor. So gar nichts Fassbinderisches, Schlöndorferisches oder von-Trottaesches hatte der Film.

Er spielte mit den Möglichkeiten und zeigte, dass Realität etwas höchst Fragiles sein kann. Damals wurde neben den Hauptdarstellern Franka Potente und Moritz Bleibtreu auch eine dritte Darstellerin ins Licht gerückt und das erstmals so deutlich, nämlich das verratzte, baustellengeprägte, unfertige, laute unschicke Berlin. Maria Köpf, heute Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein, war damals Herstellungsleiterin bei "Lola rennt", später Produzentin mehrere Tykwer-Filme. Sie ist jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Maria Köpf: Guten Morgen!

von Billerbeck: "Lola rennt" ist ziemlich schnell ziemlich viel gefeiert worden damals, und das nicht nur hierzulande, sondern auch im Ausland. War Ihnen als Teil der Tykwer-Crew damals klar, was Sie da für einen Film produziert hatten?

Köpf: Der Film hatte einfach eine bestimmte Energie und Dynamik bereits in der Entstehung. Also, schon als Tom die Idee pitschte – ich mach da so einen Film mit einer Frau, der Freund hat Geld verloren und sie muss durch die Stadt laufen, und das erzählen wir in drei Varianten – war einfach klar, das ist eine bestimmte Energie, da ist ein ganz bestimmter Drive dahinter, und das wird kein Film wie wir ihn sonst kennen und auch noch nicht produziert hatten.

Es wurden auch relativ schnell Partner gefunden für die Finanzierung. Sagen wir mal so, dass man an etwas Besonderem arbeitet, das war eigentlich schon von Anfang an irgendwie klar. Dass sich das dann zu so einem Erfolg ausweiten würde, hatten wir, glaube ich, am Anfang in der Dimension wirklich nicht geahnt.

Moritz Bleibtreu und Franka Potente in dem Film "Lola rennt" (imago/United Archives)Die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Franka Potente in dem Film "Lola rennt" (imago/United Archives)
von Billerbeck: In vielen Interviews, die man jetzt lesen kann auch, wo Darsteller und Crew gefragt werden, da ist immer von Spielen die Rede. Klar, bei Schauspielern ist das kein Wunder, aber auch bei den anderen. Haben Sie das auch so empfunden, man kommt jeden Morgen ans Set, und alles ist ein großes Spiel?

Köpf: Na ja, am Set war natürlich eine gewisse Organisation schon von Nöten.

von Billerbeck: Beruhigend.

Köpf: Es sieht ja im Film im Nachhinein aus wie ein kongruenter Lauf durch Berlin, aber das setzte sich natürlich aus kleinem Stückwerk zusammen, die an verschiedenen Orten in Berlin spielten. Die Kenner sehen das natürlich. Insofern steckte da schon eine ausgeklügelte Logistik dahinter. Es ist ja doch auch einiges an Ausstattung da in dem Film, auch wenn man das so vielleicht nicht wahrnehmen würde. Aber hinter dem Spielerischen steckt ja doch immer auch eine ganz große Organisationsform.

Allein, dass der Film relativ leer wirkt und so wenig Menschen zu sehen sind – es waren natürlich auf der einen Seite in verschiedenen Szenen nicht genug da, um genügend Komparsen zu bezahlen. Auf der anderen Seite wurde natürlich dann auch, um das zu matchen, auch an einzelnen Stellen auch abgesperrt, damit die Bilder extrem leer aussehen. Es ist ja dann später zum Kunstmittel geworden, zu sagen, sie läuft hier durch ein menschenleeres Berlin. Ich will nur sagen, hinter allem, was man im Film dann als natürlich und spielerisch wahrnimmt, steckt natürlich eine Organisations- und auch ein Herstellungsgedanke.

Das Renn-Casting

von Billerbeck: Berlin 1998 war natürlich etwas anders, vor allem Berlin-Mitte, wo da größtenteils gelaufen wird, war ganz anders als heute. Jenny Zielke hat das in der "taz" geschrieben. Da steht "Lola rennt, Berlin pennt" Tagsüber war nichts los im ungentrifizierten Stadtteil Mitte, manchmal sieht man sogar den Boulevard Unter den Linden. Das ist heute kaum noch denkbar, dass man da durchzieht. Und ich hab aber gelesen, dass sie diesen Lauf erst mal probiert haben, um zu sehen, geht das und wie sieht Franka Potente eigentlich beim Rennen aus.

Köpf: Ja, das stimmt. Es gab natürlich ein herkömmliches Casting, aber es gab auch die Frage, Menschen rennen ja auch verschieden –

von Billerbeck: Das Renn-Casting …

Köpf: – man muss ja auch mal schauen, wie läuft sie denn sozusagen. Ist das jetzt ein besonders kraftvoller Lauf, oder ist das jetzt etwas mädchenhaft verspielt, was, glaube ich, Tom nicht so gefallen hätte. Und beim Casting hat Franka dann richtig losgelegt und auch entsprechend kraftvoll – ich weiß nicht mehr genau, wo sie langgelaufen ist –, dass alle sagten, wow, das ist Lola, das passt. Will sagen, ein gewisser Laufstil war im Casting auch angesagt, zu zeigen. Das hat sie super gemacht.

Musik und Film

von Billerbeck: Frank Griebe hat den Film gedreht, er hat auch später mit Tom Tykwer ja noch viel zusammengearbeitet. Und geschnitten hat ihn die junge Französin – Mathilde Bonnefoy. Die hatte vorher ein Musikvideo für Rammstein gedreht, war damals nur 25 Jahre alt. Man sieht ja, dass das ein Film ist, der genau in die Zeit passt, der mit diesen Musikvideos, auch mit dieser Art, schnell zu schneiden, ja auch ganz besonders war.

Köpf: Ja, das war auch eine Zeit mit einer bestimmten Musik, die wir dann beim Drehen immer gehört haben. Der Dreh war ja 1997 im Sommer.

von Billerbeck: Was haben Sie da gehört?

Köpf: Dieses Lied "Smack my bitch up" – jetzt fällt mir die Band gerade nicht mehr ein. Aber das hat auch so einen bestimmten Beat, so einen ganz schnellen. Und dass Mathilde dazukam mit ihren Erfahrungen als Musikvideocutterin, das hat natürlich unheimlich gut gepasst, weil sie das e)) Emblemische des Films in Kombination mit Musik natürlich unheimlich gut aufgenommen hat und gut umsetzen konnte. Das war ein Wahnsinns-Glücksgriff.

von Billerbeck: Musik war ja auch wichtig. Franka Potente hat damals mit Thomas D. einen Song aufgenommen, der lief auf MTV wie geschnitten Brot. Wie wichtig war der auch für den Erfolg des Films, was meinen Sie?

Köpf: Ich denke, damals ja Musikmarketing auch noch auf eine ganz andere und tragendere Art und Weise funktioniert in Kombination mit einem Film. Man muss sich das grundsätzlich vielleicht halt auch noch mal vergegenwärtigen, dass wir inzwischen in einer Situation leben – Mitte/Ende der 90er-Jahre kamen pro Jahr ungefähr 250 Filme ins Kino, also sowohl deutsche als auch internationale. Das hat sich inzwischen fast verdreifacht. Wir haben jedes Jahr an die 650 Filmstarts. Und man darf nicht vergessen, natürlich sind die ganzen Streaming-Portale dazugekommen.

Insofern sind unsere Zuschauer vor eine ganz andere Vielfalt und Auswahl gestellt, aus der sie sich bedienen können, was es für das einzelne Werk, für den einzelnen Film schwieriger macht, weil man braucht natürlich ein ganz anderes Alleinstellungsmerkmal, ohne dass man irgendwie nicht durchkommt. Das hatte "Lola rennt" dann natürlich damals in besonderer Art und Weise mit dem neuen Look, mit der Geschwindigkeit, mit der Musik. Aber es war grundsätzlich auch eine etwas andere Situation, das muss man sich einfach auch vor Augen führen, gerade wenn es um die Diskussion geht, wie erfolgreich sind deutsche Filme.

Es ist eine grundsätzlich andere Situation heute. Und Musikmarketing war damals – es gab einfach noch die Sender MTV und die Sendeplätze für Musikvideos, um  die Sender  letztendlich nicht auch zu vergessen. Und die Musik hat unheimlich eingeschlagen. Es war ja auch das Erstlingswerk von Reinhold Heil, Johnny Klimek und Tom Tykwer. Reinhold Heil war auch ein Komponist vorher und hatte sich auch in einschlägigen Popformationen schon einen Namen gemacht.

Neues Berlin-Gefühl

von Billerbeck: Und eins ist auch noch ganz wichtig für den Film, ich habe es am Anfang gesagt, dass Berlin da im Mittelpunkt steht, der Drehort in Berlin, "Lola rennt", hat vielleicht auch dafür gesorgt, dass dieser Berlin-Hype los ging, dieses "Da will ich unbedingt hin, da will ich sein, da will ich leben". Glauben Sie das auch?

Köpf: Es hat zumindest dazu beigetragen. Man möchte natürlich sich jetzt da nicht an den Anfang einer Bewegung stellen und sagen, das war jetzt ein Film. Das könnte ja gar nicht so sein. Aber Berlin war bis Mitte der 90er – ich hab ja dort auch sehr lange gelebt – nach der großen Wende gab es doch Mitte der 90er erst mal einen ziemlichen Stillstand und auch ein wenig so ein Katergefühl – wo geht denn das jetzt eigentlich alles hin mit der Stadt? –, was dann erst so gegen Ende der 90er plötzlich wieder neuen Schwung bekommen hat.

Regisseur Tom Tykwer und Schauspielerin Franka Potente  (mago/Sven Simon)Regisseur Tom Tykwer und Schauspielerin Franka Potente mit dem Filmpreis in Gold für "Lola rennt" anlässlich des Deutschen Filmpreises 1999 in Berlin. (mago/Sven Simon)
Dieses Berlin-Gefühl wird vielleicht Anfang der 90er eher im Underground sozusagen, in den Clubs und so weiter existiert hat, dann plötzlich mehr an die Oberfläche gespült wurde. Und das hat Ende der 90er dann angefangen, diesen Berlin-Boom auszulösen. Und ich denke durchaus, dass "Lola rennt" da maßgeblich zu beigetragen hat. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch dran erinnern, dass der damalige Bürgermeisterkandidat Eberhard Diepgen …

von Billerbeck: Ich erinnere mich, so hieß der.

Köpf: … ein Motiv von "Lola rennt" für sich selbst nachstellen wollte, um besonders jung-dynamisch für die Stadt Berlin zu wirken. Das wollten wir dann nicht so gerne. Und auch allein die internationale Resonanz, die der Film natürlich ausgelöst hat, dass Touristenströme nach Berlin kamen, bei uns auch plötzlich ein MTV-Team aus Japan vor der Tür stand und sagte, können wir nicht mal mit jemand von euch sprechen, und ihr erzählt uns, wie die Laufroute denn genau gewesen ist. Das hat in so vieler Hinsicht was ausgelöst für die Stadt Berlin, das ist, glaube ich, gar nicht in Zahlen zu beziffern. Zum Beispiel wurde auch ein Theaterstück irgendwo inszeniert – es gibt einfach so vielfältige Beispiele, was draus entstanden ist.

von Billerbeck: Ich merke schon, wir könnten jetzt noch drei Stunden reden. Wir haben auch schon alle Zeiten überzogen, jetzt hören wir auf. Maria Köpf war das. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Köpf: Ich bedanke mich!

von Billerbeck: Damals war sie Herstellungsleiterin, später Produzentin von Tom Tykwer. Der Film "Lola rennt" kam heute vor 20 Jahren in die Kinos. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!

Köpf: Danke, Ihnen auch!

von Billerbeck: Und was man in diesem Film sehen konnte, nämlich wie relativ Realität sein kann, das hat sich unser Filmkritiker Hartwig Tegeler in der Filmgeschichte angeschaut, und das Ergebnis können Sie heute Nachmittag im "Studio 9" ab 17 Uhr hören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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