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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 02.10.2010

20 Jahre Deutsche Einheit – Sind wir ein Volk?

Gäste: Michael Jürgs, Journalist und Autor, und Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90 / Die Grünen), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

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Menschen aus Ost und West feiern die Maueröffnung am Postdamer Platz in Berlin. (AP)
Menschen aus Ost und West feiern die Maueröffnung am Postdamer Platz in Berlin. (AP)

"Die nächste Wiedervereinigung machen wir besser", so lautet eine alte Floskel aus der Wendezeit. Mittlerweile feiern wir 20 Jahre Wiedervereinigung – und wie geht es Deutschland?

"So lala", lautet die launige Antwort von Michael Jürgs. Der Journalist und Autor hat mehrere Bücher über die deutsch-deutschen Befindlichkeiten geschrieben. Darunter den bissigen Schlagabtausch "Typisch Ossi – typisch Wessi", den er sich 2005 mit der Leipziger Journalistin Angela Elis lieferte.

Der ehemalige Chefredakteur des "stern" galt lange als "Ossi-Hasser". 1990 betitelte er einen seiner Leitartikel "Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?" – vier Tage später wurde er gefeuert. Das Thema ließ ihn dennoch nicht los. Für sein Buch "Wie geht´s Deutschland?" reiste er quer durch die Republik. Seine Erfahrung:

"Ich habe mehr Verständnis für die Ostler, aber ich rede auch nach wie vor Klartext."

Der heute 65-Jährige geht auch mit den Westdeutschen ins Gericht:

"Wir haben einige Fehler gemacht: Erstens hat es uns der Osten bis vor 20 Jahren nicht interessiert, wir haben mehr nach Westen geguckt, in die USA."

Als dann die Mauer gefallen war, hätten sich die Wessis noch immer nicht für die Ossis interessiert, schon gar nicht für ihre Biographien. Dieses Desinteresse sei geblieben: 60 Prozent der Bayern seien noch nicht im Osten gewesen, wollten aber mitreden und vor allem urteilen. Die Ostdeutschen hingegen hätten sich längst den Westen erobert.

Was ihm nach wie vor fehlt, ist der Stolz der Ostdeutschen,

"… dass dieses Land frei ist, dass es eine unblutige Revolution war, und dass dies die Ossis geschafft haben, die das ja nie haben üben können. Und dass sie dann nicht bereit sind, großen Stolz zu zeigen, das werfe ich ihnen immer noch vor."

Katrin Göring-Eckardt war 23 Jahre alt, als die Mauer fiel. Die heutige Politikerin von Bündnis 90 / Die Grünen studierte damals Theologie in Leipzig, ihr zwei Monate alter Sohn war bei allen Demonstrationen dabei. Beendet hat sie das Studium nie – da kamen die Wende und ihr politisches Engagement dazwischen. Sie war Gründungsmitglied von Demokratie jetzt, später von Bündnis 90, heute ist die 44-Jährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Sie bezweifelt, dass die viel beschworene "Trennung in den Köpfen" tatsächlich noch allgegenwärtig ist.

"Meine Wahrnehmung ist eigentlich, dass gerade junge Leute damit wenig anfangen können, dass 'Ossi' oder 'Wessi' wenn überhaupt, dann nur noch ironisch gebraucht wird. Diese jungen Leute leben in einer Gesellschaft, die sich rasant verändert - in Halle/Saale genauso wie in Halle/Westfalen.

Natürlich gibt es noch Menschen - manche Umfragen bestätigen das ja - die sich vor allem ostdeutsch bzw. westdeutsch definieren. Das ist per se auch nicht schlimm, es regt sich ja auch niemand über ein bayerisches Selbstverständnis auf. Nicht akzeptieren kann ich allerdings, wenn Ost und West gegeneinander ausgespielt werden. Denn die Probleme unserer Gesellschaft lassen sich mit diesen Begriffen nicht mehr richtig abbilden, und lösen können wir sie mit vordergründigen Neiddiskussionen ganz bestimmt nicht."

"20 Jahre Deutsche Einheit – Sind wir ein Volk?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt und Michael Jürgs. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet
Über Katrin Göring-Eckardt
Über Michael Jürgs

Literaturhinweis
Michael Jürgs: "Wie geht's, Deutschland? Populisten. Profiteure. Patrioten. Eine Bilanz der Einheit", C. Bertelsmann Verlag, München 2008.

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