20 Jahre 9/11

    Europas Lehren aus dem gescheiterten „Krieg gegen Terror“

    04:34 Minuten
    Dicker schwarzer Rauch tritt am 11.9.2001 aus den brennenden Türmen des World Trade Center. Wrack- und Gebäudeteile fliegen auf die Straße. Kurz zuvor waren zwei Flugzeuge hintereinander in die beiden Türme gerast.
    George W. Bush hatte nach 9/11 den „Krieg gegen den Terror" ausgerufen. Wer behauptet, Deutschland hätte sich damals so einfach heraushalten können, der negiert den Kontext der Zeit, so Ziener. © dpa
    Ein Kommentar von Markus Ziener · 06.09.2021
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    20 Jahre nach dem Terroranschlag von New York ist der Rückzug der NATO aus Afghanistan ein Scheitern im „Krieg gegen den Terror“, so Markus Ziener. Europa müsse daraus nun Konsequenzen ziehen, fordert der Journalist.
    Dieser Jahrestag der Anschläge von 9/11 ist der wohl bitterste. Denn nach der Katastrophe des Abzugs aus Afghanistan bleibt dem Westen kaum noch etwas, woran er sich klammern, womit er den Einsatz gegen den Terror schönreden kann. Die Realität ist: Weder am Hindukusch noch im Irak wurden Strukturen geschaffen, die Stabilität, geschweige denn Demokratie gebracht haben. Gestartet mit einer hohen moralischen Bugwelle und bezahlt mit Tausenden Toten und Billiarden Dollar ist nichts geblieben. Das ist die nüchterne Erkenntnis der 20-jährigen Militäroperationen im Krisenbogen des Mittleren Ostens.
    Dabei war der Impuls nach diesem verhängnisvollen 11. September 2001, Täter dingfest zu machen, unmenschliche Regime zu beseitigen und weiteren Terror zu verhindern, nachvollziehbar. Nach den Massenmorden in Srebrenica, nach dem Genozid in Ruanda schien die Zeit gekommen, mit militärischen Mitteln Gutes zu tun.
    Doch was genau ist Gutes?
    Ist das, was sich westliche Regierungen darunter vorstellen – freie Wahlen, Aufbau von Institutionen, Bildung für alle, Frauenrechte, Menschenrechte – ist das auch tatsächlich immer gut für die anderen? Gut in diesem Moment? Akzeptieren die Menschen diese Werte und nehmen sie sie an? Ja, würden sie dafür auch sterben, wie wir es von der afghanischen Armee im Kampf gegen die Taliban erwartet hatten? Die Antwort ist auch hier ein bitteres: offensichtlich nicht.

    Man hätte es wissen können

    Dabei: Der Westen wusste dies, ahnte es zumindest. Es gab zahlreiche Studien, Analysen, Vorträge darüber, wie wenig sich die Situation in Afghanistan verbesserte – ökonomisch, sozial und militärisch. Wer mit den Ausbildern der Armee sprach, der hatte keine Illusionen mehr. Dem war klar, dass die Loyalitäten der afghanischen Soldaten nicht bei der Regierung in Kabul lagen. Für den Präsidenten dort in seinem Palast, wollte keiner kämpfen.
    Wir Deutsche machten zumindest in Afghanistan brav mit. Auch wir im Übrigen aus Loyalität – gegenüber den USA. Jenen USA, die uns gerade mal elf Jahre zuvor bei der Erringung der deutschen Einheit so beherzt unterstützt hatten. Jenes Amerika, auf dessen Sicherheitsgarantien der Westteil Deutschlands jahrzehntelang seinen Wohlstand aufbauen konnte. Wer daher heute behauptet, wir hätten uns so einfach heraushalten können, der negiert den Kontext der Zeit.
    Nur: 2021 ist nicht mehr 2001. Wenn die Opfer in Afghanistan und anderswo einen Sinn gehabt haben sollen, dann nur, wenn wir Lehren ziehen und diese auch beherzigen.

    Drei Lehren aus den letzten 20 Jahren

    Erste Lehre: Die USA verfolgen vor allem und oft ausschließlich reine Eigeninteressen. "America First" stimmt eben nicht nur für Donald Trump, sondern auch für Joe Biden. So, wie Washington den Abzug aus Afghanistan orchestriert hat, blieb den NATO-Verbündeten nur eine Rolle – die des machtlosen Anhängsels. Das darf sich so nicht wiederholen.
    Auch wenn man es nicht mehr hören kann: Europa muss sich endlich militärisch und sicherheitspolitisch von den Vereinigten Staaten emanzipieren. Es muss sich auf eigene Expertise und auf eigene Fähigkeiten verlassen können. Der französische Präsident Emmanuel Macron macht es mit seiner Idee der europäischen strategischen Autonomie vor. Afghanistan ist der ultimative Wake-Up-Call.
    Zweite Lehre: Wenn eine Intervention unbedingt sein muss, dann sollten wir zumindest auf die moralische Bugwelle verzichten und das "Nation Building" tiefer hängen.
    Drittens: Wir trainieren Soldaten, bauen Schulen, Brunnen und Straßen, aber ansonsten halten wir uns raus. Wir setzen ein klares Abzugsdatum und wir gehen besser früher als später. Und zwar auch dann, wenn nicht alles perfekt ist.
    Und schließlich: Der demokratiefeindliche Populismus eines Trump, Orban oder Kaczynski zeigt, wie sehr die westlichen liberalen Gesellschaften, wie schnell Bürgerrechte von innen heraus gefährdet sind. Statt Demokratie zu exportieren, sollten wir sie im Zweifel erst einmal bei uns verteidigen.

    Markus Ziener ist Autor, Journalist und Hochschulprofessor in Berlin. Er war Korrespondent in Moskau und Washington und berichtete mehrere Jahre aus dem Mittleren Osten. Aktuell ist er als Fellow des German Marshall Funds und der Zeit-Stiftung in Washington.

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