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Länderreport | Beitrag vom 27.06.2019

1986: Saarlouis und Eisenhüttenstadt werden PartnerstädteVorsichtige Annäherung zwischen Ost und West

Von Tonia Koch

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 Politiker nehmen 1986 am Festakt der Partnerstädte Saarlouis-Eisenhüttenstadt teil.   (dpa / picture-alliance / Klaus Rose)
Saarlouis im Saarland war 1986 eine der ersten Städte , die eine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in der DDR eingingen, hier mit Eisenhüttenstadt. (dpa / picture-alliance / Klaus Rose)

Die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft überhaupt schlossen Saarlouis und Eisenhüttenstadt. Das Ziel: die "Kunst der unbefangenen Begegnung" zu üben. Protagonisten der Geschichte: Tischtennis- und Schachspieler, Stadtväter, Honecker – und Oskar Lafontaine.

"Die Verhandlungen waren so, als hätten wir mit Nordkorea verhandelt",  beschrieb der damalige Saarlouiser Oberbürgermeister Manfred Henrich die erste deutsch-deutsche Annäherung.

Dass es zwischen Nordkorea und den USA tatsächlich einmal zu Verhandlungen kommen würde, hat SPD-Mann Henrich nicht mehr miterlebt. Er sah in der ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft eine Art "Gehschule". In ihr sollte "die Kunst der unbefangenen Begegnung geübt werden", äußerte der Saarlouiser Oberbürgermeister einst gegenüber dem "Spiegel". Aber viele sowohl in Ost als auch in West glaubten nicht daran.

Eisbrecher Tischtennis

"Wir haben uns verabschiedet, haben uns in den Arm genommen und haben gesagt: Wir brauchen nicht auf Wiedersehen zu sagen, es gibt kein Wiedersehen, solange die Systeme so sind wie sie jetzt sind", sagt Friedel Becker. 1989 war er ein paar Monate vor dem Fall der Mauer erstmals in Eisenhüttenstatt, als Mitglied einer Tischtennismannschaft.

Es war der vereinbarte Rückkampf, erzählt er. Ein Jahr zuvor seien sieben Sportler bereits zum Turnier in Saarlouis gewesen, nach den Handballern und dem Schachclub. An ein gemeinsames Abendessen in der Gaststätte zum Schwarzen Adler in Eisenhüttenstadt erinnert er sich genau: "Es war ganz klar, dass immer die Gruppe zusammenbleibt, keine Einzelgänge." 

Dort habe er erste Kontakte - und mehr noch - Vertrauen zu zwei Eisenhüttenstädter Tischtennisspielern gefasst. Leise, schließlich habe die Stasi mit am Tisch gesessen, hätten sie sich ausgetauscht über die Umstände, wie Menschen an der Mauer zu Tode kommen: "Vielleicht war da, ich würde sagen, das erste Eis gebrochen und ein Vertrauensverhältnis ist da entstanden."

Respektvoller Umgang statt Ossi-Wessi-Klischees

Der Kontakt zwischen dem Saarlouiser Friedel Becker und seinen ehemaligen Tischtenniskollegen aus Eisenhüttenstadt hält bis heute. Alle zwei Jahre treffen sie sich seitdem auf privater Ebene, mal hier und mal dort. Und allen Zweiflern habe er nach der Wende immer wieder ins Gewissen geredet:

"Wenn hier negativ gesprochen wurde und der Soli, der Solidaritätsbeitrag gekommen ist, habe ich immer gesagt, wart ihr schon mal drüben, habt ihr die Veränderung gesehen?"

Die Unterteilung zwischen Ossi und Wessi sei ihm gänzlich fremd. Die könne eben auch nicht aufkommen, wenn man einander kennengelernt habe, so Becker:
 
"Das ist ein bisschen abwertend für mich gewesen. Der respektvolle Umgang miteinander und die Bewunderung dafür, wie sie in diesem System zu Recht gekommen sind, das war eine gute Erfahrung für mich."

Zu den Wegbereitern gehörte auch Lafontaine  

Eigentlich sollte es damals gar nicht Eisenhüttenstadt werden - sondern Halberstadt im Harz. Dorthin waren während des Zweiten Weltkrieges viele Saarlouiser evakuiert worden.

Aber das System wollte zeigen, wozu es wirtschaftlich in der Lage war. Deshalb war die Wahl auf die Retortenstadt Eisenhüttenstadt gefallen, ein industrielles Vorzeigeprojekt.

Zu den Wegbereitern der ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft zählt neben den Saarlouiser Stadtvätern auch Oskar Lafontaine. Zu jener Zeit war er SPD-Mitglied und saarländischer Ministerpräsident. Mit ihm und Erich Honecker saßen eben auch zwei Saarländer am Tisch, erinnert sich Lafontaine.

"Diese Situation hat natürlich die Verständigung erleichtert. Das ist doch klar. Wenn man mit jemandem spricht, den man gar nicht kennt, wo es keine Anknüpfungspunkte gibt, dann ist das Gespräch immer schwieriger, als wenn man mit jemandem spricht, wo es viele Anknüpfungspunkte gibt. Und Erich Honecker hat natürlich gern über die Entwicklung der Saar, über seine Saarheimat gesprochen, insofern war es für mich leichter, Ergebnisse zu erreichen."

Die DDR wollte als deutscher Staat anerkannt werden

Welche Rolle diese emotionale Dimension beim Zustandekommen tatsächlich gespielt hat, lasse sich nicht bewerten, resümiert Lafontaine. Denn schließlich habe außer Frage gestanden, dass die Zielsetzungen der Annäherung andere waren. Die DDR habe ihre Anerkennung als zweiter deutscher Staat voranbringen wollen, während die Diplomaten aus den Rathäusern auf Erleichterungen bei der Reisefreiheit setzten.

"Die DDR-Oberen hatten natürlich das Kalkül, das System zu stabilisieren. Und wir als Westler hatten eben die Überzeugung, dass das Zusammenführen der Menschen auch die Situation in der ehemaligen DDR verändern würde. Und im Nachhinein würde ich sagen, war die Ost- und Entspannungspolitik, das heißt, der Versuch, die Mauer durchlässig zu machen, richtig und hat die deutsche Einheit vorbereitet."

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