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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.04.2007

1977 - Das Jahr des Terrors

Themenabend zum "Deutschen Herbst"

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Der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer am 28.9.1977 (AP Archiv)
Der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer am 28.9.1977 (AP Archiv)

Es waren Wochen, die niemand, der sie miterlebt hat, vergessen kann: Im September und Oktober 1977 hielt die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer durch die terroristische "Rote Armee Fraktion" die Nation in Atem. Knapp sechs Wochen nach der Entführung gibt es eine dramatische Steigerung: Ein Lufthansa-Flugzeug wird von Luftpiraten gekapert.

Nach tagelanger höchster Anspannung stürmt am 18. Oktober kurz nach Mitternacht ein GSG-9-Kommando im somalischen Mogadischu die Lufthansa-Maschine "Landshut". Wenige Stunden später melden die Nachrichtenagenturen den Selbstmord mehrerer RAF-Terroristen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Und einen Tag später wird im elsässischen Mülhausen der Leichnam Hanns Martin Schleyers gefunden. Das vorläufige Ende eines Dramas, das einmal in Auflehnung, Protest und Widerstand begann und für eine kleine Gruppe im Terrorismus endete, mit dem Höhepunkt 1977: am 7. April der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen Begleitern, am 30. Juli die versuchte Entführung und der Mord an dem Bankier Jürgen Ponto, am 5. September die Entführung Hanns Martin Schleyers, bei der seine vier Begleiter erschossen werden. Dazwischen das Ende des Stammheim-Prozesses gegen die Baader-Meinhof-Gruppe.

1977, das Jahr des Terrors, war auch eine Zeit, in der, wie es der Historiker Dirk Blasius formuliert hat, "die Aktionen des Gewaltterrorismus die Selbstgewissheit der Bundesrepublik als eines demokratischen Rechtsstaats nachhaltig erschütterten." Denn der brutalen Entschlossenheit der Terrorgruppen RAF und "Bewegung 2. Juni" entsprach ein öffentliches Klima, das nach einem rigorosen Freund-Feind-Schema jeden in die Nähe der Terroristen rückte, der z.B. die Frage nach Ursachen stellte oder der bezweifelte, ob der Ausbau der Inneren Sicherheit auf Kosten der Bürgerrechte die angemessene Antwort auf die Kampfansage einer doch kleinen Terrorgruppe sei.

30 Jahre danach, also eine Generation später, ist der "Deutsche Herbst" noch immer ein Thema, das die Gemüter bewegt, wie die Debatte um die Haftentlassung der letzten Terroristen gezeigt hat. Aber der zeitliche Abstand sollte auch schon einen kühleren Blick auf die Ereignisse und die Zeitumstände damals ermöglichen.

Deutschlandradio Kultur versucht am 2. April in einem Themenabend zwei Perspektiven zu verbinden. Zunächst wird von 19:30 Uhr an mit einem Feature die Vorgeschichte des Jahres 1977 rekapituliert. Ab 20:03 Uhr sollen dann mit Berichten, O-Ton-Collagen und Aussagen von Zeitzeugen die damaligen Ereignisse "begreiflich" gemacht werden. Hinzu kommen prominente Gesprächspartner wie der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum und der Sozialforscher Wolfgang Kraushaar, mit denen das Jahr 1977 aus dem Abstand der 30 Jahre erörtert werden soll: Wie ist das Dilemma, sich im Fall Schleyer zwischen Staatsraison und Menschlichkeit entscheiden zu müssen, heute zu beurteilen? Welche Folgen hatten die damaligen Ereignisse für die spätere Entwicklung der Republik?

Zeitfragen - 19.30 Uhr

60 gegen 60 Millionen
Die RAF und ihre Wirkung

Eine Sendung von Ursula Jung

Die überraschende Heftigkeit, mit der über das Gnadengesuch des inhaftierten Ex-Terroristen und Schleyer-Entführers Christian Klar debattiert wurde, zeigt, dass das Kapitel "Rote Armee Fraktion" in der bundesdeutschen Geschichte vielleicht doch nicht so abgeschlossen ist, wie viele noch vor kurzem gedacht hatten.

Die aktuelle Diskussion konzentriert sich allerdings vorrangig auf das Jahr 1977 mit der Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer sowie der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und des Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. Die Sendung zeichnet nach, was vor dem "Deutschen Herbst" geschah: von den Studentenprotesten der 60er Jahre bis zum Tod Ulrike Meinhofs 1976 beschreibt sie den Weg der ersten RAF-Generation.

anschließend:

Zeitfragen extra - 20.03 - 22.00 Uhr

Buback, Ponto, Schleyer
1977 - Das Jahr des Terrors


Berichte, Gespräche, Zeitdokumente und Musik
Gäste im Studio: Gerhart R. Baum, Wolfgang Kraushaar, Gerd Langguth und Adrienne Goehler

Moderation: Peter Lange

Bitte schicken Sie Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik und Ihr Lob an unsere E-Mail-Adresse: zeitfragen@dradio.de

Links:

Literatur und Terror: RAF-Rezeption in Romanen der letzten 25 Jahre

Neue Bücher zum Thema RAF (August 2006)

Die zweite RAF-Generation

Zeittafel RAF

Dokumente zur RAF und zum Deutschen Herbst

Bild-Chronik zum Deutschen Herbst

Zur ersten RAF-Generation gehörten:

- Andreas Baader: Festnahme im Juni 1972, im Oktober 1977 Selbstmord im Gefängnis Stuttgart-Stammheim
- Ulrike Meinhof: Festnahme Juni 1972, Mai 1976 Selbstmord in Stammheim
- Gudrun Ensslin: Festnahme Juni 1972, Oktober 1977 Selbstmord in Stammheim
- Jan-Carl Raspe: Festnahme Juni 1972, Oktober 1977 Selbstmord in Stammheim
- Holger Meins: Festnahme Juni 1972, gestorben im November 1974 nach Hungerstreik
- Irmgard Möller: 1979 zu lebenslanger Haft verurteilt, im Dezember1994 nach 22 Jahren im Gefängnis entlassen
- Klaus Jünschke: 1972 festgenommen, 1977 zu lebenslanger Haft
verurteilt, 1988 begnadigt und aus der Haft entlassen

Zur so genannten zweiten RAF-Generation gehörten:

- Elisabeth von Dyck: Mai 1979 erschossen
- Willy Peter Stoll: im September 1978 von der Polizei erschossen
- Peter Jürgen Boock: März 1998 Freilassung nach 17 Jahren Gefängnis
- Susanne Albrecht: 1990 in der DDR verhaftet, 1991 zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, 1996 entlassen
- Adelheid Schulz: 1982 verhaftet, im Oktober 1998 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen, 2002 vom Bundespräsidenten begnadigt
- Sieglinde Hofmann: 1980 verhaftet und zu 15 Jahren, 1995 zu lebenslangem Gefängnis verurteilt, 1999 entlassen
- Rolf Clemens Wagner: im Dezember 2003 nach 24 Jahren Gefängnis vom Bundespräsidenten begnadigt
- Stefan Wisniewski: 1978 verhaftet, 1981 zu lebenslänglich verurteilt, 1999 aus dem Gefängnis entlassen
- Inge Viett: 1990 in der DDR verhaftet, 1992 Verurteilung zu 13 Jahren Haft, Entlassung aus dem Gefängnis 1997
- Karl-Heinz Dellwo: 1977 zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt, im Mai 1995 nach 20 Jahren Gefängnis entlassen
- Knut Folkerts: 1980 zu lebenslänglich verurteilt, im Oktober 1995 entlassen
- Rolf Heissler: 1979 bei der Verhaftung schwer verletzt, 1982 zu lebenslänglich verurteilt, im Oktober 2001 Freilassung
- Brigitte Mohnhaupt: November 1982 verhaftet, 1985 zu lebenslänglich
verurteilt, Entlassung am 25. März 2007
- Helmut Pohl: seit 1984 in Haft, 1986 zu lebenslänglich verurteilt. Im Mai 1998 vom Bundespräsidenten
- Bernd Rössner: 1994 nach 19 Jahren in Haft vom Bundespräsidenten begnadigt

Noch in Haft befinden sich:

- Christian Klar: November 1982 verhaftet, 1985 zu lebenslänglich und 1992 nochmals zu lebenslänglich verurteilt, Begnadigung beantragt
- Eva Haule: August 1986 verhaftet, 1988 und 1994 zu lebenslanger Haft verurteilt
- Birgit Hogefeld: 1993 festgenommen, 1996 zu lebenslanger Haft verurteilt

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Manuskript: 60 gegen 60 Millionen

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