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Kompressor | Beitrag vom 16.02.2015

13-Ton-MusikUngewohnte Klänge in einem neuen Tonsystem

Von Nadine Dietrich

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Nora-Louise Müller spielt auf einer speziell für die Bohlen-Pierce-Skala entwickelten Klarinette. (Nadine Dietrich)
Nora-Louise Müller spielt auf einer speziell für die Bohlen-Pierce-Skala entwickelten Klarinette. (Nadine Dietrich)

Zwölfton-Musik war gestern, ein echter Avandgardist komponiert in der Bohlen-Pierce-Skala. Die hat 13 Töne und dehnt die üblichen Halbtonschritte. Das erfordert neue Kompositionsweisen und vor allen Dingen: neue Instrumente. In Hamburg wurden jetzt Stücke in diesem Tonsystem aufgeführt.

Georg Hajdu: "In der Naturwissenschaft reden viele Leute von parallelen Welten, neuen Planeten, die bewohnbar sein könnten, von einer Supererde... Für uns ist das wie eine neue Welt, neue Klänge, Ausweg aus diesem Kreislauf, mit dem Recycling von ewig gehörten Klängen, das den Reiz des Neuen hat, gleichzeitig wunderschön ist."

Georg Hajdu, Professor für multimediale Komposition an der Hamburger Musikhochschule, schwärmt für die Bohlen-Pierce-Skala. Der Hamburger Techniker Heinz Bohlen hat sie in den 70er-Jahren entwickelt.

Heinz Bohlen: "Ich wollte etwas finden, das eine Alternative bietet. Ihr müsst nicht immer denselben Kram machen, es gibt noch andere Möglichkeiten."

Heinz Bohlen war bei Tonaufnahmen an der Hamburger Musikhochschule aufgefallen, dass die Musiker immer die gleichen Töne ein- und derselben Skala spielten, kurz: sie hielten sich im traditionellen, westlichen Tonsystem auf. Warum sie das taten und zwar ausschließlich, das konnte Heinz Bohlen keiner erklären.

"Ich bin unmusikalisch, spiele kein Instrument, sonst hätte ich so eine naive Frage nicht gestellt, man muss die naiven Fragen stellen, sonst kommt nichts Neues."

Intervalle nach mathematischen Gesichtspunkten

Die Klarinettistin Nora-Louise Müller erklärt das neue Tonsystem:

"In der normalen Tonleiter haben wir die Oktave als Rahmenintervall, C und C von der C-Dur-Tonleiter.

Und diese Oktave wird in zwölf Halbtonschritte eingeteilt, wenn wir die weißen und schwarzen Klaviertasten spielen würden. Bei der Bohlen-Pierce-Skala ist das so, dass das Rahmenintervall anders ist. Wir nehmen die sogenannte Duodezime, das ist eine Oktave plus eine Quinte. Also ungefähr eineinhalb Oktaven, und dieses Intervall wird unter bestimmten mathematischen Gesichtspunkten in dreizehn Schritte eingeteilt, wir spielen mit fast derselben Anzahl Tonschritten über ein eineinhalbmal so weites Intervall."

Die üblichen Halbtonschritte werden also gedehnt. Alle 13 Töne des neuen Rahmenintervalls klingen so:

Musik BP-Skala rauf und runter.

Neue Instrumente

Um Musikstücke in der Bohlen-Pierce-Skala spielen zu können, müssen Streicher ihre Instrumente umstimmen. Bei Blockflöten können die bestehenden Löcher versiegelt und neue gebohrt werden – auf allen anderen Instrumenten ist es fast unmöglich. Im Fall der Klarinette wurde ein extra Bohlen-Pierce-Instrument entwickelt. Nora-Louise Müller besitzt zwei der weltweit neun Klarinetten:

"Im Vergleich: Bohlen-Pierce-Klarinette hat deutlich weniger Klappen. Sehr vereinfachte Klarinette, sieht aus wie Kinderklarinette, die wären aber enttäuscht, denn man kann keine bekannten Lieder darauf spielen:"

Damit Komponisten mit diesem Tonsystem überhaupt neue Werke schreiben können, haben Nora-Louise Müller und Professor Georg Hajdu erst kürzlich einen Notationsstandard entwickelt:

Georg Hajdu: "Wir mussten uns überlegen, neue Notennamen zu vergeben, damit wir sie nicht verwechseln: die fangen jetzt bei N an und hören bei Z auf. Nora und ich haben uns extensiv Gedanken gemacht, wie man die Bohlen-Pierce-Skala am besten darstellt, dann sind wir auf sechs Linien gekommen, das war Noras Leistung. Dann haben wir systematisch neue Schlüssel entwickelt und einfach einen Standard entwickelt."

Unterschiedliche Reaktionen

In Hamburg wurden gestern Abend sieben Bohlen-Pierce-Kompositionen vorgestellt. Interessanterweise war die Andersartigkeit des Tonsystems besonders deutlich in einem Musikstück herauszuhören, das eher konventionellen Kompositionen ähnelte – im Stück des Lübecker Klarinettisten Akos Hoffmann.

Das musikalisch sehr vorgebildete Publikum nahm die Bohlen-Pierce-Skala unterschiedlich auf:

"Die komplexeren Stücke haben mir sehr gut gefallen, Sphärenmusik zum Teil. Manche Sachen der modernen Musik, da kann ich keinen großen Unterschied zu anderen Stücken der Neuen Musik hören."

"Es ist ein bisschen ungewöhnlich, aber man kann ja nicht stehen bleiben, ist mir bisschen zu anstrengend das dauernd zu hören, ich glaube, das macht nur live Spaß."

"Ich fand's ganz spannend, diese fremde Skala in Stücken zu hören, bin selber Komponist, da waren ganz spannende atmosphärische Klange dabei."

Fazit

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