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Tonart | Beitrag vom 10.07.2020

125. Geburtstag von Komponist Carl OrffUngebrochene Verehrung unmöglich

Von Rainer Pöllmann

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Carl Orff während der TV-Verfilmung zur Oper 'Carmina Burana' in München, Mitte der 1970er Jahre.  (picture alliance / United Archives / kpa)
Von "Carmina burana" abgesehen ist die Musik Carl Orffs heute nicht mehr besonders präsent. (picture alliance / United Archives / kpa)

Chöre lieben Carl Orffs "Carmina burana". Das eingängige "O Fortuna" kennt auch, wer es noch nie im Konzert gehört hat. Dass dieses Werk 1937 uraufgeführt wurde, gerät da leicht in den Hintergrund. Zum 125. Geburtstag eines umstrittenen Komponisten.

Energiegeladen, kraftvoll, deftig: Es ist kein Wunder, dass die "Carmina burana" so populär sind bei den Chören. Es macht Spaß, diese Lieder über Genuss und Reichtum, Tod und Vergängnis zu singen. Von einem musikästhetischen Standpunkt aus wirkt Carl Orffs bekanntestes Stück ambivalenter: ein Fake-Mittelalter, robust und musikalisch eher simpel, das mit seiner angeblichen Volksnähe im Uraufführungsjahr 1937, trotz einiger schlechter Kritiken, durchaus anschlussfähig war.

Die Mär vom "unpolitischen Künstler"

Carl Orff und der Nationalsozialismus – das war in den 1990er-Jahren ein großes Debattenthema. Strittig ist seine Rolle aber bis heute. Von seinen Verteidigern wird Orffs Rolle im Nationalsozialismus bis heute klein geredet. Ein Komponist, der eben in seiner Heimat geblieben sei, sich ansonsten aber mit den Nazis nicht eingelassen habe. Die Mär vom angeblich "unpolitischen Künstler", ist bei Orff allerdings so wenig aufrecht zu erhalten wie bei den meisten anderen. Nicht nur, weil er später selbst mit seiner Freundschaft zu Kurt Huber von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" als posthumem Entlastungszeugen argumentierte.

Wer zur Hochzeit des Nationalsozialismus den Auftrag annimmt, eine neue Schauspielmusik zu Shakespeares "Sommernachtstraum" zu komponieren, dem ist selbstverständlich klar, dass auf diese Weise die populäre Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy verdrängt werden soll. Carl Orff stand auf der berüchtigten "Gottbegnadeten"-Liste der Nazis, ohne Zweifel war er Nutznießer dieses Regimes.

Bodenständig und derb

Was der Karriere nach dem Krieg nicht entgegenstand. Bis in die 1970er-Jahre war Carl Orff ein wichtiger, vielfach geehrter Komponist. Den radikalen Bruch mit der Vergangenheit vollzog nur die so genannte Darmstädter Avantgarde, daneben gab es starke Kontinuitäten. Orff wurde zum Gewährsmann einer stark traditionsverbundenen Musik, seine Schüler Wilhelm Killmayer und Wilfried Hiller waren ihrerseits einflussreich in der bayerischen Musikszene.

Zwei Werk-Reihen stechen in dieser Nachkriegszeit hervor: Zum einen eine Folge von Antiken-Opern, der Idee eines Welttheaters folgend, deren Musik oft stark skelettiert wirkt, "klassizistisch" streng ohne Schnörkel – eine interessante Parallele zum "Neu-Bayreuth" Wieland Wagners in den 1950er-Jahren. Zum anderen bayerische "Volks-Dramen", bodenständig und auch derb, die viel zu Orffs Popularität in den Nachkriegsjahrzehnten beigetragen haben. Auch das "Schulwerk", ein Konzept zur musikalischen Früherziehung, war lange Zeit in Schulen und Musikschulen weit verbreitet.

Zur regionalen Größe geworden

Im heutigen Musikleben ist Carl Orff – von "Carmina burana" abgesehen – nicht mehr besonders präsent, er ist zur regionalen Größe geworden. Für seinen Verlag ist er ein stabiler Umsatzgarant, auch wenn die erstaunlich zahlreichen Aktivitäten zum 125. Geburtstag sämtlich Corona zum Opfer gefallen sind. Umstritten ist er auch heute noch. In seiner Person verdichtet sich deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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