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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 31.03.2014

100. TodestagElegant und amüsant

Christian Morgenstern war ein Sprachkünstler und scharfer Beobachter

Zeitgenössisches Porträt von Christian Morgenstern (picture alliance / dpa)
Zeitgenössisches Porträt des deutschen Dramaturgen, Journalisten und Übersetzers Christian Morgenstern (picture alliance / dpa)

Er reimte Wiesel auf Kiesel, trat in den lyrischen Dialog mit einem Mondkalb und sinnierte über Nachtigall und Tagtigall. Berühmt aber wurde der vor 100 Jahren gestorbene Christian Morgenstern mit den "Galgenliedern".

Hunderttausende Schüler versuchten sich schon am Aufsagen seiner Gedichte, zig Schulen tragen seinen Namen, doch erst 100 Jahre nach seinem Tod  ist ein Museum zum Gedenken an Christian Morgenstern eröffnet worden. Der Lyriker starb am 31. März 1914, das "Morgenstern-Literatur-Museum" im brandenburgischen Werder (Havel) erinnert an seine legendären "Galgenlieder", die dort entstanden.

Morgenstern kam am 6. Mai 1871 in München zur Welt. Zwar wird er im Nachhinein häufig auf seine humoristischen Fähigkeiten reduziert, doch er widmete sich wesentlich mehr Aspekten der Literatur, etwa als Übersetzer der skandinavischen Schriftsteller August Strindberg und Henrik Ibsen. Nebenbei schrieb er in Berlin für Kulturzeitschriften wie "Neue deutsche Rundschau", "Jugend" oder "Freie Bühne". 

Ein Brief an den Dichter Christian Morgenstern wird präsentiert (picture alliance / dpa)Auf der Internetseite der Deutschen Digitalen Bibliothek ist ein Brief an den Dichter Christian Morgenstern zu sehen. (picture alliance / dpa)

Auf den ersten Blick wirken die meisten seiner Gedichte vor allem eines: lustig. Immer wieder erscheinen kuriose Tiere und Fantasiegestalten - selbst dann, wenn Morgenstern offenbar gerade mal kein Reim einfallen mag:

"Ein Wiesel 
saß auf einem Kiesel 
inmitten Bachgeriesel.

Wißt Ihr 
weshalb?

Das Mondkalb 
verriet es mir 
im Stillen:

Das raffinierte Tier
tat's um des Reimes willen."

Dabei war Morgensterns Leben weniger von Komik, denn von Tragik geprägt. Eine Kindheit und Jugend überschattet von Krankheit und Tod. Er verlor seine Mutter als Zehnjähriger, von ihr erbte er ein Lungenleiden, das ihn zeitlebens zu langwierigen Kuraufenthalten zwang. In seinen "Galgenliedern" huldigte der Schriftsteller der Freiheit der Kinder, mit der Sprache zu spielen, Geschichten zu erfinden, eine eigene Logik zu entwickeln, die dem rationalen Denken der Erwachsenen fremd ist. Auch in diesen Geschichten geht es immer wieder um den Tod. Auch die Protagonisten Rabe Ralf und sogar das Mondschaf sterben, erwachen aber wieder zu neuem Leben. Die "Galgenlieder" sind pünktlich zum Todestag in einer Neuauflage erschienen. 

Wer den messerscharfen Beobachter und  virtuosen Sprachkünstler neu entdecken will, sollte die kleine Stadt Werder in der Nähe von Potsdam besuchen. Der Freundeskreis Bismarckhöhe hat einen literarischen Gedächtnisort geschaffen, der daran erinnert, dass Morgenstern dort häufiger mit Freunden das "Restaurant Galgenberg" besuchte und dort die "Galgenlieder" schrieb. In der Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek, die am Montag präsentiert wurde, finden sich zudem Original-Erinnerungsstücke aus dem Leben Morgensterns. Mit 42 Jahren starb der legendäre Dichter, der ein Anhänger des Anthroposophen Rudolf Steiner war, in Meran an Tuberkulose.

mau

Programmtipp: Das Deutschlandradio Kultur erinnert am Montag in einem Beitrag im Fazit ab 23:05 Uhr an Christian Morgenstern.

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