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Zeitfragen | Beitrag vom 12.06.2019

100 Jahre Versailler VertragWilsons tückisches Selbstbestimmungsrecht der Völker

Von Jörg Himmelreich

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Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919. Georges Clemenceau und Woodrow Wilson verlassen mit anderen Männern das Schloß von Versailles nach der Vertragsunterzeichnung. (picture alliance/dpa/akg-images)
Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages am 28. Juni 1919 mit dem französischen Ministerpräsidenten Clemenceau und US-Präsident Wilson (m). (picture alliance/dpa/akg-images)

Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1919 wurde auch die Idee des Selbstbestimmungsrechts der Völker von US-Präsident Woodrow Wilson verbreitet. Was er nicht ahnte – damit hatte er den Geist des Nationalismus aus der Flasche gelassen.

Der 28. Juni 1919 war ein strahlender Sonnentag in Versailles, als dort im Spiegelsaal des Schlosses um 15 Uhr die Unterschriftszeromonie begann. Vor allen Übrigen hatten die Vertreter Deutschlands, das von den Verhandlungen ausgeschlossen war, den Vertrag zu unterzeichnen: Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell von der katholischen Zentrumspartei. Danach rief der gastgebende französische Premierminister Georges Clemenceau den US–Präsidenten Woodrow Wilson zur Unterzeichnung auf. Schon dieses diplomatische Protokoll der Unterzeichnungsreihenfolge verdeutlicht: Der Versailler Vertrag war die globalgeschichtliche "Stunde Wilsons", "The Wilsonian Moment". 

USA formulieren weltpolitischen Führungsanspruch

Der Quäkersohn und Rechtsprofessor hatte seit dem Kriegseintritt der USA 1917 in seinen Reden vor dem US–Kongress das Konzept einer neuen liberalen, Weltfriedensordnung entworfen, auf der Basis eines liberalen Internationalismus. Wenn er dabei in Anspruch nahm, für "Liberale und Freunde der Menschheit in allen Völkern", ja sogar für "die schweigende Masse der Menschheit" zu sprechen, dann drückte sich darin auch der weltpolitische Führungsanspruch der neuen Weltmacht USA aus.

"The affairs of the world can be set straight…"

Woodrow Wilson wenige Jahre später, 1922, in einem historischen Originalton, als er kurz vor seinem Tod über die "affairs of the world", die neue Weltordnung, sprach.

Zitat: "In Wilsons Reden aus der Zeit des Ersten Weltkriegs scheint nicht nur die Vision einer vernetzten und sich immer weiter vernetzenden Welt auf, sondern auch die Vision einer führenden Rolle der Vereinigten Staaten in einer solchen Welt."

Schreibt der Marburger Historiker Eckart Conze in seinem Buch über "Die Große Illusion".

Neben der Idee eines Völkerbunds als Garanten der neuen Weltordnung sollte die andere wesentliche Säule dieser neuen Friedensordnung das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts sein. Wie kühn dieser Gedanke war, wird deutlich, wenn man ein Jahrhundert zurückblickt, als der Wiener Kongress die europäische Friedensordnung des 19. Jahrhunderts entwarf. Damals bestimmten ausschließlich die Dynastien und ihre Reiche, wem welche Territorien gehörten.

US-Präsident Woodrow Wilson am 3. Februar 1917 vor dem amerikanischen Kongress. An diesem Tag beendete die US-Regierung die diplomatischen Beziehungen mit dem Deutschen Kaiserreich. (imago/United Archives International)US-Präsident Woodrow Wilson am 3. Februar 1917 vor dem amerikanischen Kongress. An diesem Tag beendete die US-Regierung die diplomatischen Beziehungen mit dem Deutschen Kaiserreich. (imago/United Archives International)
Diese Selbstverständlichkeit althergebrachter Großmachtpolitik durchbrach Wilson zumindest in der Theorie mit seinem berühmten 14-Punkte-Plan, den er am 8. Januar 1918 den beiden Häusern des US-Kongresses vorgestellt hatte. In einer weiteren Grundsatzrede nannte er einen Monat später ausdrücklich das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Er machte das Selbstbestimmungsrecht zur Säule einer neuen Weltordnung, weil er in der Missachtung der Rechte der kleineren Völker und der Weigerung der europäischen Großmächte, diese selbst über ihre politische Ordnung entscheiden zu lassen, die Wurzel dieses Krieges sah.  

Die Völkerbundidee und die Idee eines Selbstbestimmungsrechts der Völker entsprang allerdings nicht nur den freiheitlich-demokratischen Idealen des US-Präsidenten – sie war auch eine Replik auf Lenins "Dekret über den Frieden", das die Bolschewiki am 8. November 1917 beschlossen hatten. Dort hieß es:

Zitator "Ein gerechter oder demokratischer Frieden ist nach Auffassung der Regierung Russlands ein sofortiger Friede ohne Annexionen (d. h. ohne Aneignung fremder Territorien, ohne gewaltsame Angliederung fremder Völkerschaften) und ohne Kontributionen. Unter Annexion oder Aneignung fremder Territorien versteht die Regierung Russlands… jede Angliederung einer kleinen oder schwachen Völkerschaft an einen großen oder mächtigen Staat, ohne dass diese Völkerschaft ihr Einverständnis und ihren Wunsch genau, klar und freiwillig zum Ausdruck gebracht hat, …unabhängig davon, ob diese Nation in Europa oder in fernen, überseeischen Ländern lebt." 

Begeisterung für die Idee des Selbstbestimmungsrechts

Die Idee des Selbstbestimmungsrechts schrieben sich nicht nur die neuen Staaten Ost- und Südosteuropas auf ihre Fahnen, die im Untergang des Habsburger und des Zarenreiches entstanden. Auch in China, Korea, Vietnam und Ägypten stieß die Propaganda des Selbstbestimmungsrechts auf Begeisterung. Sie alle hofften auf die Befreiung von kolonialer Herrschaft, weil sie alle Wilsons Konzept des Selbstbestimmungsrechts für sich in Anspruch nahmen:

"Das er ja nie präziser definiert hat: Daraus resultiert zum einen natürlich die Attraktivität dieses Konzepts, dieser Vorstellung, zum anderen dann aber auch die Problematik, 1919 auf der Grundlage dieser Vorstellung des Selbstbestimmungsrechts eine Ordnung zu schaffen."

Sagt der Historiker Eckart Conze.

"Was meint denn dieses Selbstbestimmungsrecht? Ist es das Selbstbestimmungsrecht ethnischer Gruppen? Ist es das Selbstbestimmungsrecht politischer Gemeinschaften, vom Bürger her, vom einzelnen Staatsbürger herkommend? Ist es ein territoriales Konzept? Das ist ja völlig undefiniert. Und auch aus den Versuchen, dieses Konzept Selbstbestimmung zu definieren, resultieren natürlich in Paris selbst, aber auch weltweit, Konflikte, die sich dann ja weit in die Zwischenkriegszeit hinein ziehen."

Vertragsverhandlungen in Versailles im Mai 1919. Mehrere Delegationen sitzen in einem großen Saal des Schlosses.  (imago/United Archives International)Vertragsverhandlungen der internationalen Delegationen in Versailles im Mai 1919. (imago/United Archives International)
Gleich einem Zauberlehrling hatte er, ohne es zu ahnen, mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker den Geist des Nationalismus aus der Flasche entlassen. Welches Konfliktpotential in der Verbindung von Selbstbestimmungsrecht und Nationalstaat steckte, zeigte sich im Zuge des Zerfalls der multiethnischen Imperien – der Habsburger Monarchie, des Osmanischen Reichs und des Zarenreichs: Bürger- und Sezessionskriege, Kriege um Grenzziehungen, Vertreibungen und Bevölkerungsverschiebungen mit brutalen Folgen prägten die Jahre nach 1919 – Konflikte und Gewalteruptionen, von denen sich Wilson keine Vorstellung gemacht hatte. Hinzu kam die Willkür, mit der die Großmächte das Prinzip gelten ließen oder nicht: Dem Nahen Osten etwa enthielten sie das Selbstbestimmungsrecht vor. Der Drang zum Öl und die damit verbundenen imperialen Interessen Frankreichs, Großbritanniens und der USA ließen das nicht zu.

Wilson weckte unerfüllbare Erwartungen

Die chinesische Delegation verließ verbittert die Pariser Friedenskonferenz, ohne den Vertrag unterzeichnet zu haben, da die vom Deutschen Kaiserreich besetzten Gebiete nun dem Erzrivalen Japan übertragen wurden. Wilson hatte mit der Proklamation des Selbstbestimmungsrechts unerfüllbare Erwartungen geweckt.

"Für mich ist dieser Aufbruch der großen Begriffe, demokratische Selbstregierung, nationale Selbstbestimmung immer damit verbunden, was man sagen und was man machen kann, wenn man so will, das große Dilemma der modernen Politik, die Kluft zwischen dem Sagbaren und dem Machbaren, das ist etwas was man in Paris 1919 idealtypisch sieht, und das uns bis heute begleitet."

Sagt der Historiker Jörn Leonhard, dessen Buch über Versailles den programmatischen Titel trägt: "Der überforderte Frieden".

Nach dem Ende der Unterzeichnungszeremonie reiste Wilson noch am gleichen Abend aus Paris ab, und kehrte nicht wieder nach Europa zurück. Der amerikanische Senat lehnte im November 1919 die Ratifizierung des Versailler Vertrages ab. Nach dem Ende von Wilsons Präsidentschaft wendeten sich die USA bald wieder ab von den Idealen eines liberalen Internationalismus und der globalen Rolle der USA. Sie zogen sich wieder auf den engen Schutz nationaler Eigeninteressen auf dem amerikanischen Kontinent zurück. Nach dem heroischen "Wilsonian Moment" überließen die USA es den alten Mächten Europas, mit der neuen Idee für eine liberale Weltordnung umzugehen.

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